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Literatur Tove Ditlevsens Roman „Gesichter“ ist ein Vorgeschmack auf ihr grandioses autofiktionales Werk

Steigt einem bei der Erinnerung an die Kindheit der Geruch von „Bier und Urin“ in die Nase wie der dänischen Schriftstellerin Tove Ditlevsen oder – noch schlimmer – der Gestank von „Pisse und Kacke“ wie Christiane F., dann ist diese sinnliche Beschreibung des Ortes, an dem man aufwuchs, noch nicht zwingend ein Indiz für eine spätere schwere Drogenabhängigkeit. Hier erklärt Ditlevsen ja auch nur, warum sie als Mädchen im Hauseingang besser die Luft anhielt. Aber dieses Detail sagt viel über die prekären Verhältnisse ihres Aufwachsens in einem grauen, durchweg regenverhangenen Arbeiterviertel Kopenhagens in den 1920er Jahren.

Es findet sich im ersten Teil ihrer gerade posthum in vielen Ländern gefeierten autofiktionalen Trilogie. Er trägt den Titel Kindheit und erschien zusammen mit Jugend im Jahr 1967 in Dänemark. Die beiden schmalen Bände ergeben die Coming-of-Age-Geschichte der kleinen Tove. Über allem steht der Wunsch, einmal Dichterin zu werden. Die Poesie ist für sie der einzige Trost in „einer unsicheren, wankenden Welt“. Denn diese kindliche Welt ist geprägt von der Unmöglichkeit, als Mädchen das Abitur machen zu dürfen, von unterfordernden Jobs als Kindermädchen oder Bürokraft. Aber auch von einem sozialdemokratischen Verlierer-Vater und einer Mutter, die die junge Frau – ganz dem damaligen Rollenbild entsprechend – einfach nur verheiratet sehen will.

Chronik einer Abhängigkeit

Unmittelbarkeit und Lebendigkeit zeichnen diese Bücher aus – sie wirken wie Tagebucheinträge, deren Tinte noch nicht getrocknet ist. Eine Kindheitsgeschichte, die ohne das Wissen, die Deutungen und Reflexionen eines Erwachsenen auszukommen scheint. Ein großer literarischer Trick. Und so bereiten die beiden Memoirenbände auf das vor, was noch kommen wird, denn eines ist klar: „Der Kindheit kann man nicht entkommen, sie hängt an einem wie ein Geruch.“ Aber auch hier weist noch nichts eindeutig auf Ditlevsens Drogensucht hin. Dieser wird sie erst im letzten Teil, Abhängigkeit, erlegen sein, und er wird vier Jahre später erscheinen.

Stattdessen kommt 1968 erst einmal dieser seltsame, zutiefst finstere Roman Gesichter heraus. Fast unbemerkt erschien er in Deutschland Anfang der 1980er Jahre und verschwand als Teil des berühmten Regenbogens, den die Taschenbücher der Edition Suhrkamp ergaben, in vielen bundesrepublikanischen Regalen. Man kann ihn nun in neuer Übersetzung als eine fiktionale Vorwegnahme von Abhängigkeit lesen – so wie ihr Debütroman Straße der Kindheit von 1943 eine erste Annäherung an Ditlevsens kindliches Ich war. Und als den Versuch, ihrem Leben eine ästhetische Form zu geben, als traute sie sich noch nicht, ihr eigenes Leben so schonungslos zu beschreiben, wie sie es in Abhängigkeit dann endlich vermag. Gesichter ist die Geschichte von Lise Mundus, einer 40-jährigen Ehefrau, Mutter und erfolgreichen, hoch ausgezeichneten Autorin von Kinderbüchern – „auf den Damenseiten der Zeitungen waren sie anständig besprochen worden“. Doch diese „Berühmtheit hatte brutal jenen Schleier weggerissen, der sie immer von der Wirklichkeit getrennt hatte“. Und die Realität sieht wirklich nicht gut aus: Ihr Mann hat eine Affäre mit seiner Kollegin, er betrügt Lise zudem mit der Haushaltshilfe Gitte, die wiederum mit Lises Sohn schläft. Und gar eine inzestuöse Beziehung ihres Mannes mit ihrer Tochter wird am Ende angedeutet – aber wer weiß, Wahn und Wirklichkeit sind nicht zu trennen. Und das alles nur, weil ihr Mann mit ihrer Literatur nicht ins Bett gehen könne, wie er einmal sagt?

Lises Realität wird aber auch von periodisch auftretenden Psychosen bestimmt. Sie hört verschwörerische Stimmen in den Rohren ihrer Wohnung, später, als sie sich nach einem kalkulierten Selbstmordversuch – er ist für sie die einzig mögliche Flucht – in einer albtraumhaften Parallelwelt in der Psychiatrie wiederfindet, dringen diese Stimmen sogar aus dem Kopfkissenbezug. Und sie sieht Gesichter. Immer wieder Gesichter, die sich verändern, sich auf andere Menschen legen – als wäre die Welt von Expressionisten gemalt worden, um die Verzweiflung eines zerbrochenen Selbst plakativ zu zeigen. Ein vermeintliches Happy End hält der Roman bereit: Sie findet zum Schreiben zurück, zumindest kündigt sie es an. Dass diese positive Wendung in der Tat nur vorläufig ist, wird sich in Ditlevsens letztem Roman Wilhelms Zimmer zeigen, der 1975, also ein Jahr vor ihrem Selbstmord, erschien. Diese Chronik eines angekündigten Todes liest sich in weiten Teilen als ein kaum zu ertragender pathologischer Befund. Die Klarheit ihrer Autofiktion, die sich Tove Ditlevsen in Gesichter weitgehend bewahrt – wie auch ihren Humor: „Wer besuchte sie hier? Gab es in der Hölle wirklich eine Besuchszeit?“ –, erstickt darin zuweilen in prosaischem Bombast und einem verworrenen Aufbau. Auch dieser Abschied von der literarischen Bühne ist beim Aufbau Verlag als Neuübersetzung angekündigt.

Ditlevsen ist die große Auserzählerin ihres eigenen beschädigten Lebens, nicht zuletzt geprägt vom Scheitern ihrer vier Ehen. Das Leben der anderen scheint sie dabei wenig zu interessieren. Die Außenwelt, die deutsche Besetzung etwa, taugt gerade noch als historische Kulisse. Und eine Abtreibung, die Annie Ernaux etwa in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Buch Das Ereignis dazu benutzt, das Private literarisch ins Politische zu transportieren, behandelt Ditlevsen als etwas ausschließlich Privates. Denn diese Abtreibung markiert für sie den Beginn ihrer Sucht. Sie bekommt das morphiumähnliche Pethidin gegen ihre Schmerzen und ist davon sofort seelisch angefixt: „Während die Flüssigkeit aus der Spritze in meinem Arm verschwindet, breitet sich eine nie gekannte Seligkeit in meinem ganzen Körper aus“, heißt es in Abhängigkeit. Da liegt es natürlich nahe, Ditlevsen als eine „Billie Holiday der Poesie“ zu bezeichnen, „zugänglich, komplex und dabei immer einfach“, wie die dänische Autorin Dorthe Nors jüngst meinte. Weil dieser Vergleich ja zugleich so bildhaft auf die Drogenabhängigkeit einer Ausnahmekünstlerin anspielt. Man muss ihn nicht anstellen. Ditlevsen hat ihre eigene Stimme. In Gesichter kann man sie hören. Doch am lautesten, am eindringlichsten, erklingt sie in ihren autofiktionalen Werken.

Info

Gesichter Tove Ditlevsen Ursel Allenstein (Übers.), Aufbau 2022, 160 S., 20 €

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