Lithium-Schatz im Biotop

Spanien Bürger wehren sich gegen eine Mine in den Bergen bei Cáceres. Auch die UNESCO ist alarmiert, die Altstadt ist Weltkulturerbe
Lithium-Schatz im Biotop
Wie es aussehen könnte: im Hintergrund die Landschaft bei Cáceres, davor die Lithium-Mine von Greenbushes (Australien)

Fotos: Cristina Quicler/AFP/Getty Images, Carla Gottgens/Bloomberg/Getty Images

Unheimlich wirkt der langsam über der Sierra de la Mosca kreisende Schwarm der Schwarzgeier. Die Tiere lassen das Herz von Naturfreunden höher schlagen, zählen sie doch zu einer seit Längerem bedrohten Vogelart. Ende Januar übergab die Zoologische Gesellschaft Extremaduras der Regionalregierung ihren Bericht, dem zu entnehmen war, dass in der grünen Oase vor den Toren der Stadt Cáceres auch Schwarzstörche, Kaiseradler und andere seltene Arten wieder gesichtet wurden. Für Zoologen sind das Gründe genug, die kleine Hügelkette zum Schutzgebiet zu erklären. Doch könnte statt eines solchen Biotops bald ein riesiger Krater klaffen. Im Naturpark wird Europas zweitgrößte Lithium-Lagerstätte vermutet. Ein Joint Venture namens Tecnologia Extremeña del Litio will das begehrte Metall im Tagebau fördern und vor Ort zu batterietauglichem Lithiumhydroxid verarbeiten. Hinter dem sperrigen Namen stehen das australische Unternehmen Infinity Lithium und der spanische Baukonzern Sacyr, der über seine Bergbautochter Valoriza Minería beteiligt ist.

Übrig blieb Giftschlamm

Keinen Kilometer von der geplanten Abbaustelle entfernt stößt man auf eine Wohnsiedlung. Der Wallfahrtsort von „La Virgen de la Montaña“, der Schutzpatronin von Cáceres, liegt 500 Meter weit weg und die als UNESCO-Weltkulturerbe gelistete Altstadt nur drei Kilometer. „Mir ist weltweit keine Mine bekannt, die so nah an einer 100.000-Einwohner-Stadt liegt“, sagt Santiago Marquez. „Was passiert, wenn eines Tages alles ausgebeutet ist und das Land nicht mehr nutzbar sein wird? Wer garantiert uns, dass der Betrieb aufrechterhalten wird und nicht wegen eines Preisverfalls vorzeitig schließt, wie es in Aguablanca mit der Nickelmine passiert ist?“ 2016 stellte Rio Narcea Recursos, ebenfalls eine Tochtergesellschaft von Sacyr, den Abbau des Rohstoffs gut 200 Kilometer südlich von Cáceres vorzeitig ein. Die Nickelpreise seien zu stark gefallen, so die Begründung. Es blieben ein 300 Meter tiefes Loch, ein See mit Giftschlamm, eine Abraumhalde und 300 Arbeitslose.

Der Blick vom felsigen Bergrücken reicht weit in alle vier Himmelsrichtungen, Santiago Marquez geht in die Knie, um ein paar Steinbrocken in die Hand zu nehmen: Quarzit ist ein sehr hartes, widerstandsfähiges Gestein. Man werde viel Dynamit brauchen, um hier Lithium zu gewinnen. Darauf sei in einer Umweltverträglichkeitsstudie verwiesen worden, die von seiner Bürgerplattform „Salvemos la Montaña“ (Retten wir den Berg) genau studiert wurde. Die Auswirkungen des Bergbauprojekts auf die Fauna habe man darin wie folgt zusammengefasst: „Zerstörung des Lebensraums, verschlechterte Luftqualität, Lärmbelästigung, Überfahren von Tieren.“

Dass die Stadtverwaltung diese Studie 2018 auf ihrer Website veröffentlicht hat, war den Betreibern ein Dorn im Auge. Die Manager verlangten von der damaligen Bürgermeisterin Elena Nevado, das Dokument zu entfernen. Die blieb hart, den Geschäftsführern David Valls und Marco Antonio Sosa gelang es nicht, sie vom Lithium-Abbau zu überzeugen. „Es fehlten klare Antworten auf Fragen wie: Werden weitere Industrien in der Stadt angesiedelt, wie soll die Landschaft nach 25 Jahren Abbau restauriert werden?“, begründete Nevado ihre Ablehnung.

Hoffen auf die EU

Gemessen an wohlklingenden, hehren Worten haben die Bürger von Cáceres in Sachen Naturschutz und Biodiversität eine mächtige Verbündete in Brüssel. „Nur eine gesunde Natur kann Klimawandel und Epidemien trotzen“, so EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen, als sie im Vorjahr die EU-Biodiversitätsstrategie 2030 präsentiert. Die Bestände an Wildtieren seien in den vergangenen 40 Jahren weltweit um 60 Prozent zurückgegangen, eine Million Arten vom Aussterben bedroht, eine Folge menschengemachter Zerstörung, heißt es im Text.

Chaves hofft auf die EU. Auch sie ist für die Bürgerplattform engagiert. Umso überraschter erfuhr sie, dass die EU das Lithium-Projekt unterstütze. Im März 2020 veröffentlicht Infinity Lithium eine Mitteilung für die Börse in Sydney, bei der neben dem Firmenlogo die Europaflagge zu sehen war. „Als erstes Lithium-Projekt sichert sich Infinity (sic!) europäische Gelder“, stand darunter. Demnach beteiligt sich EIT Innoenergy, ein privat und öffentlich finanziertes Unternehmen, mit 800.000 Euro am San-José-Lithium-Vorhaben. Als der Deal im Juni abgeschlossen wird, legt die Aktie um gut 100 Prozent zu. „Wir haben das beim EU-Amt für Betrugsbekämpfung angezeigt“, sagt Chaves. Doch die Korruptionsjäger stießen auf kein derartiges Projekt, das EU-Gelder erhalten hätte.

Schließlich wandte sich die Bürgerplattform an das EU-Parlament und forderte, dass der Missbrauch europäischer Institutionen durch Privatunternehmen untersucht und nach Möglichkeit unterbunden wird. Der Petitionsausschuss der EU-Legislative, wird Chaves Anfang September mitgeteilt, habe die Angelegenheit an das Büro des Kommissionsvizepräsidenten Maroš Šefčovič weitergeleitet – eine Antwort steht bis heute aus, verzögert wegen der Pandemie, heißt es.

Für Šefčovič ist Lithium-Abbau vor den Toren von Cáceres vor allem aus einem Grund wünschenswert: Europa sei „bei Rohstoffen sehr von einigen wenigen Ländern außerhalb der EU abhängig“. Allein Elektroautos und Energiespeicherung würden die Lithium-Nachfrage in den EU-Staaten bis 2050 auf das 60-Fache steigen lassen. Um die Versorgung Europas mit strategischen Rohstoffen zu sichern, müssten daher die auf dem Kontinent vorhandenen Ressourcen genutzt werden, so der Slowake – „unter Anwendung höchster Umwelt- und Sozialstandards“. Vier Schlüsselprojekte eines „nachhaltigen Bergbaus“ in Europas sollten bis 2025 vier Fünftel des Lithium-Bedarfs der EU abdecken, eines davon sei das in Cáceres.

Dort verspricht Infinity Lithium viele Jobs und die ersehnte industrielle Entwicklung in einer der wirtschaftlich schwächsten Gegenden Spaniens. „Mit dem Lithium-Abbau und der Verarbeitungsanlage werden während der 30-jährigen Laufzeit über 1.000 direkte wie indirekte Arbeitsplätze geschaffen und 280 Millionen Euro Investitionen getätigt“, wirbt der designierte Betreiber. Es gäbe eine regionale Wertschöpfungskette vom Rohstoff bis zum fertigen Akku. Konkrete Pläne für den Bau von Batteriefabriken bestehen im Baskenland und in Valencia, in Cáceres dagegen ist bisher nichts dergleichen bekannt.

Luis Salaya, Sozialist und im Rathaus von Cáceres mit 33 Jahren einer der jüngsten Bürgermeister Spaniens, teilt die ablehnende Haltung seiner Vorgängerin Nevado zur Lithium-Mine. Das sei für die Stadt ein nachteiliges Projekt, es schade einem Ort des UNESCO-Weltkulturerbes und der lokalen Wirtschaft, die den Tourismus brauche. „Lithium-Förderung im Tagebau und in dieser Dimension würde mehr Jobs gefährden als neue schaffen.“ Andererseits leidet die Region unter der Abwanderung junger Menschen, die ihr Glück in Madrid oder anderswo versuchen. Inzwischen hat auch die UNESCO von dem Vorhaben Wind bekommen, wurde im spanischen Kulturministerium vorstellig und bekam zu hören, es gebe noch keine Abbaugenehmigung, alles sei unter Beobachtung.

Diese Erlaubnis erteilt die regionale Bergbaubehörde, doch die Stadt Cáceres wird mitentscheiden. Sie geht davon aus, dass laut aktueller Raumplanung das entsprechende Terrain industriell nicht genutzt werden darf und bisher alle Anläufe zu einer Umwidmung erfolglos blieben. Geschäftsführer Valls ist dennoch zuversichtlich. „Fällt die Umweltprüfung positiv aus, ist die Stadt unter Zugzwang.“ Ohnehin bezweifle er, ob in Cáceres eine Mehrheit gegen das Projekt ist. „Es gibt eine kleine Gruppe von betroffenen Anrainern, die viel Lärm machen, aber das bedeutet nicht, dass sie für die Mehrheit der Bürger stehen“, meint der ausgebildete Geologe. Zahlen können diese Ansicht nicht bestätigen. Die Bürgerplattform hat in der 100.000-Einwohner-Kommune immerhin 35.000 Unterschriften gegen das Projekt gesammelt. In der Stadtregierung machten zudem 21 von 25 Stadträten ihren Widerspruch geltend. Und selbst wenn der Bescheid der Bergbaubehörde positiv ausfallen sollte, Bürgermeister Salaya weiß seinen Parteifreund Guillermo Fernández Vara, den Regionalpräsidenten von Extremadura, hinter sich. „Die Bewohner von Cáceres haben das letzte Wort, das hat er mir versichert“, so Salaya. Die Bürgerplattform will sich darauf nicht verlassen. „Solange nicht alle Verfahren ad acta gelegt sind, finden wir keinen ruhigen Schlaf“, meint Chaves.

Linda Osusky ist freie Autorin. Sie lebt und arbeitet in Barcelona

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 14.04.2021

Ausgabe 19/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 11