Lost in Translation

Berliner Abende Kolumne

Als die deutschen Politiker neulich überrascht die Unterschicht entdeckten, wunderte ich mich sehr. Ich kannte sie nämlich längst: Wir stehen immer einträchtig bei Plus an der Kasse. Die Reihe ist lang, denn meist hat nur eine einzige Kasse auf. Sie kauft Toastbrot und Senf, die Unterschicht, eine Flasche Korn und zwei Bier, sie müffelt ein bisschen nach Schweiß und Urin, auch schon vormittags, und wenn die Kassiererin alles eingescannt hat, reicht oft das Geld nicht. Storno an Kasse eins!

Wir politisch Korrekten sprechen natürlich nicht mehr von der Unterschicht (auch nicht von Kapitalismus oder Ausbeutung und solchen Sachen, igitt!), wir sagen jetzt abgehängtes Prekariat, was wohl damit zu tun hat, dass wir froh sind, sie abgehängt zu haben. Dass wir so verschraubt daherreden, hat den Vorteil, dass uns keiner, von denen wir sprechen, versteht und wir viel besser die realen Zusammenhänge verschleiern können. (Heimlich sagen wir natürlich Abschaum - aber nicht so laut, sonst gibt´s eine aufs Maul.)

Doch zur Geschichte.

Gleich bei mir um die Ecke, da sind also Plus und Schlecker, ein Thai-Imbiss und eine Backstube, alles unter einem Flachdach. Alles, was man zum Leben braucht. Und ein Blumenladen ist da auch. Den braucht man zwar nicht zwingend, trotzdem hat er sieben Tage die Woche auf. Geführt wird das Geschäft von einem asiatischen Paar. Mögen es Eheleute, Schwester und Bruder, Cousine und Cousin sein, ich weiß es nicht. Das, worauf es hier ankommt, ist: Ich glaube, der Blumenmann ist in mich verliebt. Natürlich schmeichelt mir das, aber ich frage mich doch, wieso. Warum ich? Und ich bin ein bisschen irritiert.

Zunächst hat er immer nur gelächelt. Aber der Asiat an und für sich, das weiß man ja, der lächelt ja von Haus aus, das ist ihm ja in die Wiege gelegt. Ich tapse mit meinen Plastiktüten an ihm vorbei, er bindet seine Blumen zurecht. Er lächelt. Ich lächle zurück.

So ging das eine Zeit.

Dann kaufte ich in seinem Laden. Mir fiel auf, wie schön seine Sträuße sind, und ich fragte: "Wo haben Sie das gelernt?" Er sagte: "Ja." Als er mir das Wechselgeld gab, legte er seine Hand ganz auf meine und sah mir dabei in die Augen. Ich spürte die Wärme und wie rau seine Haut von der täglichen Arbeit mit den Pflanzen ist. Und wieder sein Lächeln. Vor Schreck vergaß ich meine Einkäufe. Mit einem sanften Griff an die Schulter erinnerte er mich, noch ehe ich den Laden verließ. Und während ich nun meine Tüten in die eine und die Blumen in die andere Hand sortierte, strich er mir über den Arm. Okay, dachte ich, das ist ja nun wohl auch in Asien relativ eindeutig.

Trotzdem wollte ich auf Nummer Sicher gehen und kaufte, noch bevor der alte Strauß verwelkt war, einen neuen. Ich kramte lange nach dem Geld, gab ihm am Ende doch einen Fünfziger. Und wieder glitt das Wechselgeld in meine Hand wie ein Liebesbrief. Seitdem pflegen wir, der Florist und ich, eine platonische, heimliche Affäre. Er lächelt. Ich lächle. Hin und wieder kaufe ich bei ihm Blumen. Leider versteht er kaum ein Wort Deutsch. Er zeigt auf die Preise, die an den Sträußen stehen, ich zahle. Ich frage ihn: "Bald Feierabend?" Er sagt: "Ja." Ich frage ihn: "Wie heißt du?" Er sagt: "Ja."

Dass die beiden aus Vietnam sind, erfuhr ich von seiner - ja, was nun: Frau? Sie spricht fließend Deutsch. Sie erzählte, woher sie stammt, wie anstrengend es ist, sieben Tage die Woche zu arbeiten, dass am Wochenende nach Feierabend ein großes Familientreffen sei, dass sie eine sechsjährige Tochter habe - oder haben? So gut spricht sie nun wieder nicht. Er stand dabei und lächelte. Ich traute mich nicht zu fragen, ob sie seine Frau ist. Beim Hinausgehen öffnete er mir die Tür, was mir peinlich war.

Eines Abends, kurz nach Ladenschluss, lief ich die Straße entlang. Plötzlich war er neben mir. Wir gingen ein Stück gemeinsam. Wieder versuchte ich ein Gespräch, aber es hatte keinen Sinn. An der Bushaltestelle blieb er stehen und bedeutete mir, dass er von hier nun nach Hause fahren würde. Ich gab ihm die Hand, er umarmte mich. Hinter der Haltestelle ist eine Kneipe, das "Musik-Café" - eine üble Kaschemme. Durchs Fenster wurden wir beobachtet. Ich beschloss, doch lieber mit ihm zu warten, bis sein Bus käme. Das dauerte. Wir schwiegen. Der Bus kam und kam nicht. Meine Verabredung, zu der ich unterwegs war, würde ich verpassen. Also ging ich dann doch und ließ ihn allein.

Am nächsten Tag sah ich ihn unversehrt in seinem Laden stehen, und jetzt war ich es, der sich freute und wie verrückt lächelte und es hasste, um einen kleinen schwulen Vietnamesen Angst haben zu müssen in dieser Stadt. Trotzdem werden wir wohl nicht heiraten, wir beiden. Ich kann ihm ja nicht mal meine Handynummer geben, womit heutzutage doch alles anfängt. Denn was sollten wir reden? Zuhause stehen seine Blumen, ein frischer Strauß.


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00:00 17.11.2006

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