Mach mal leiser

Porträt Tex Drieschner macht mit „TV Noir“ in Berlin-Neukölln ein anderes Musikfernsehen – und liefert den Soundtrack zum postmaterialistischen Leben

Tex Drieschner führt durch seine Fabriketage in Berlin-Kreuzberg. Hier wird an der Produktion für die Sendung TV Noir gearbeitet, ihr Gründer und Moderator ist hier gerade auch eingezogen. Alles wirkt ziemlich spartanisch, das Bad ist der ­Abstellraum, die amerikanische Wohnküche der Arbeitsplatz seiner Kollegin, die dort vor dem Laptop sitzt. Drieschner nimmt auf einem Sofa in einem großen, leeren Zimmer Platz, an der Wand lehnt eine Gitarre.

Der Freitag: Hier stehen lauter Kästen mit leeren Bierpullen.

Tex Drieschner:

Die sind noch von der Feier. Als

Bei „TV Noir“ stehen nur ein Sofa und ein Tisch auf der Bühne, die Künstler spielen unplugged, die Bilder sind schwarz-weiß. Das passt doch gar nicht ins große Fernsehen.

Da prallen zwei Welten aufeinander, die des klassischen Fernsehens und unsere – die passen nicht notwendigerweise zusammen. Wir müssen unsere Rolle suchen in dieser Produktion, weil wir im Gegensatz zu üblichen Produktionen vor allem über Emotion und Identifikation funktionieren, nur an zweiter Stelle über Geld.

Im Netz funktioniert es sehr gut – mit einer Million Klicks jeden Monat. Was erhofft sich das ZDF von „TV Noir“?

Man möchte dort authentisches Fernsehen, eines, bei dem die Zuschauer hinterher sagen: „Das war ’ne geile Show.“ Wir haben uns entwickelt von Songwriter-Treffen, bei denen man mit 15 Leuten irgendwo sitzt und die Gitarre herumgibt. Wir sind auf interaktive Weise gewachsen. Man spürt, dass der Abend so durchfließt und die Stimmung wiedergibt, die live herrscht. Bei uns hat der Zuschauer das Gefühl: „Ich nehme an etwas Echtem teil. Wenn ich nicht zu­gucke, machen die es trotzdem.“ Viele sagen mir: „Wir gucken auf einmal wieder fern, das ist es, was wir ein bisschen vermisst haben.“

Was hat gefehlt? MTV, Ilja Richter oder große Fernsehliveshows?

All diese Sachen. Wir sind aber r elativ weit weg von diesem Mainstream-Musikfernsehen, wie MTV es war, das in Dauerschleife Clips zeigt, stimmig aufbereitet. Das hat mit uns gar nichts zu tun. Man vermisst heute, dass sich Leute Mühe geben, coole Musik auf den Punkt darzubieten, und dieses Gefühl der Vorfreude: „Heute Abend kommt Hitparade, mal sehen, was da läuft.“ Bei MTV sah man irgendwann mehr Reality-Shows als Musikvideos, und man dachte, wenn wir wirklich einen Song in ganzer Länge zeigen, dann zappen die Leute weg. Das emotionale Verhältnis zum Musikfernsehen ist verloren gegangen.

„TV Noir“ will das ändern?

Wir machen einfach Musik, bleiben einen ganzen Song lang drauf, auch wenn sich der Künstler mal verspielt. Wir nehmen uns viel Zeit für Fragen zu Hintergründen. Das bricht die Sehgewohnheiten. Bei uns sagen manche Leute: Wenn es am Sonntagabend die neue Show gibt, holen wir Freunde, eine Tüte Chips und schauen uns gemeinsam diese Sendung an.

Hatten Sie selbst auch solche Fernseh-Erlebnisse?

Bei uns lief immer:

Sie sind selber Songschreiber.Träumten Sie vom Ruhm als Musiker?

Ich bin schon sehr lange und ernsthaft Musiker. Seit ich 13 war, waren im Grunde die Band und die Musik das Einzige, was zählte. Ich habe lang von Musikerruhm geträumt. Diesen Traum aufzugeben, war ironischerweise aber eine riesige Befreiung. Ich hatte ein heilsames Erlebnis: Ich bin anderthalb Jahre von jemandem gemanagt worden, der nie Geld von mir sah, sich aber irrsinnig reinhängte. Er hat vieles erlogen, um mir das Gefühl zu geben, dass irgendwas läuft. Er hat sogar Terminanfragen von vermeintlichen Partnern aus der Industrie gefälscht.

Ein bizarrer Typ. Als das zerfallen ist, war ich so müde von diesem ständigen Warten, von diesen Gedanken – gleich kommt der große Vertrag, der Vorschuss, das Konzert, ein Meeting mit Produzenten. Es war eine Erlösung, zu sagen: „Ich spiele lieber vor fünf Leuten, die mir wirklich was bedeuten.“

Muss man sich leisten können.

Ich habe sehr gut verdient, als ich bei Red Hat, einer großen Software-Firma, als Programmierer arbeitete und dort das Knowledge Management leitete. Solche Jobs könnte ich auch wieder machen. Als ich wollte, dass wir einen tollen Sound haben, konnte ich eben eine vernünftige Anlage kaufen. Wir könnten auch im Heimathafen Neukölln 20 statt 10 Euro Eintritt verlangen und würden einiger­maßen vernünftig davon leben. Aber dann kommen andere Zuschauer, die Show wird teurer, das wollen wir nicht.

Also lieber Selbstausbeutung?

Natürlich kann TV Noir seinen freien Mitarbeitern wenig Geld zahlen. Nur zwei von uns arbeiten Vollzeit, aber wir sind alle dabei, weil wir Lust darauf haben. Da kann es sicher noch Konflikte geben. Auf die Weise, wie es bisher lief, lässt sich TV Noir nicht aufrechterhalten. Wir müssen betriebswirtschaftlich denken, vielleicht auch Sponsoring machen. Wir leben eben im Kapitalismus.

Wo könnte die Grenze verlaufen? Wenn ZDFkultur sagt: Die Couch ist hässlich – ja oder nein?

Alle künstlerisch-ästhetischen Dinge entscheiden wir.

Wenn Madonna kommt und auf die „TV Noir-Couch“ soll?

Wenn wir Madonna wirklich wollen, dann gerne. Aber wenn wir kein Interesse haben? Nein. Die Künstler werden uns nicht vorgegeben. Wir machen auch mal Ausflüge von unserem stilistischen Kern: Rainald Grebe, Das ge­zeichnete Ich, Annett Louisan – es treten etablierte Künstler neben unbekannteren auf, die davon profitieren können. Wir wollen englischsprachiges Songwriting von deutschen Künstlern einerseits und dann Stücke in der Tradition von Rio Reiser: ernsthaft, mit tollen Texten, aber auch mal nicht so fein gesungen.

Rio Reiser war aufrührerisch. Die meisten Künstler der jungen deutschen Popszene drehen sich nur um sich selber. Es sind musikalische Blogs: Man erzählt, was man gerade so fühlt.

Diesen Angriff würde ich auf zwei Ebenen relativieren. Rio Reiser hat einen großen Teil seiner Karriere damit verbracht, sich den Raum für diese musikalischen Blogs zu erkämpfen. Und er hat schwer darunter gelitten, dass er das nicht durfte, weil sein angestammtes Publikum „Keine Macht für niemand“ hören wollte. Er hat immer darum gekämpft, ernsthafte Lieder mit Stoßrichtung machen zu können, die menschlich aufgebaut sind. Die brauchen keinen Slogan. So gesehen trifft das Schwermütige auf das späte Werk Rio Reisers zu, das lyrische Umsichkreisen ...

(Er fängt an zu singen: Ich bin allein, so allein, ganz allein zu Hause, komm und schau’s Dir an...)

Kennen Sie Herrenmagazin, Gisbert zu Knyphausen, Erdmöbel?

Es sind Texter und Musiker, die was zu sagen haben, da geht es nicht nur um Selbstmitleid oder Melancholie. Sie haben diesen Impuls, nicht nur einfach in sich zu ruhen, sondern da muss was raus. Da kotzt jemand seine Seele auf die Bühne. Das ist rio-reiseresk. Oder Wir sind Helden: Die haben die beste deutsche Texterin mit der seltenen Gabe, etwas Politisches poetisch auszudrücken, ohne dass es peinlich wirkt. Wenn heute einer singen würde: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ ohne diese Bilder der Straßenschlachten im Kopf, wäre das total lächerlich.

Wäre Rio Reiser heute der Musiker einer grünen Bio-Boheme?

Nee, er wäre der, der sich gegen die Grünen auflehnen würde. Anders als viele seiner damaligen Weggefährten oder deren Kinder – das ist wirklich die Öko-Boheme.

Ist der Protestsong tot?

Wahre und gute Musik sollte die Leute sensibilisieren für Miss­stände oder Bewegungen, die sich anbahnen und die eine emotionale Komponente brauchen, um durchzubrechen. Ich wurde das letzte Mal richtig politisiert, als die Castor-Proteste so lange gedauert haben. Ich hab mir den Live-Stream angeschaut und fand es herrlich, dass alle dorthinfahren und in der Kälte sitzen. Man muss berührbar bleiben, immer wieder fragen: Was steckt eigentlich in mir, in meiner Seele? In meinem Song „Sie haben die Wahl“ geht’s um manipulative Mechanismen und darum, dass man nie zum Rädchen einer Maschine werden sollte.

Sie stammen aus Starnberg, einem der reichsten Landkreise Deutschlands, und leben nun in Kreuzberg an der Grenze zu Neukölln, einem der ärmsten Viertel von Berlin. Weil es hip ist?

Ich bin die Gentrifizierung. Ich wohne hier im Graefekiez, finde es charmant, dass es ein bisschen rumpelig ist, wohne aber in der Straße, in der die schöneren Cafés sind. Ich komme aus Süddeutschland und profitiere davon, dass ich hier eine Fabriketage mieten kann, die ich in München niemals bezahlen könnte.

Sie treiben also die Mieten hoch.

Ich sehe den Schaden, den ich anrichte. Vorher war in diesem Gebäude, in dem wir gerade sind, eine soziale Einrichtung, die vom Senat nicht mehr bezahlt werden konnte. Sie musste raus. Andererseits ist es für das Viertel toll, dass sich Künstler ansiedeln: Wir treten in kleinen Clubs auf. Das gefällt vielen, ein tolles Konzert zu sehen. Es ist auch Aufgabe des Staates, dafür zu sorgen, dass die Viertel gemischt bleiben und nicht Arme und Reiche in sauber getrennten, abgekapselten Gegenden wohnen.

Riskiert man ein Projekt wie „TV Noir“ eher, wenn man aus materiell abgesicherten Kreisen kommt?

Mein Elternhaus ist nicht so reich gewesen, aber wir gehören zum Bildungsbürgertum. Mein Papa ist Wissenschaftler. Aber zu denken: Notfalls boxt mich mein Papa raus – dafür bin ich zu alt. Mein Rückhalt ist nicht das Häuschen in Starnberg, sondern ich bin ein guter Mathematiker. Ich kann programmieren, und wenn’s schlimm wird, hacke ich eben für irgendeinen Finanzdienstleister in Karlsruhe Java-Applikationen. Das nervt zwar, aber ich brauche keine Existenzängste zu haben. Natürlich bin ich aber postmaterialistisch aufgewachsen.

Was heißt das?

Meine Mutter hatte Freude daran, wenn sie ein schönes Kleid kaufte. Aber irgendeinen Standard zu halten – das war ihr egal. Ich hatte nie diese mittelständische Angst vor dem Abstieg. Es kam darauf an, etwas Großartiges zu machen.

Läuft bei „TV Noir“ der Soundtrack zum postmaterialistischen Leben?

Die Künstler, die uns nahe sind, teilen ähnliche Werte, Materielles ist unbedeutend.

Sie schreiben an Ihrem vierten Album. Was beschäftigt Sie?

Der musikalische Blog: Es ist etwas auseinandergegangen, und das muss verarbeitet werden. Ein Lied handelt davon, wie erschütternd leichtgewichtig etwas im Nach­hinein erscheinen kann. Es tut weh, wenn dieser Wahnsinn und die Intensität auf einmal gar nicht mehr da sind, nur noch ein Loch im Kopf und im Bauch.

Etwas sehr Privates.

Oder insofern politisch, weil es auch ums Suchen geht: Sag mir, sag mir schnell, wo ist zu Hause, von wo wird es hell, von wo wird es Tag hier? Ich möchte nicht nur irgendwo mitmachen, sondern sagen können: Ich brenne dafür.

Songs und Sofa-Storys

Im Netz ist seine Sendung längst Kult. Christoph Tex Drieschner hat das Musik-Format TV Noir gegründet und konzipiert.

Der 41-Jährige wurde in Hamburg geboren und zog früh mit der Familie nach Starnberg. Dort hat sein Vater am Institut des Physikers Carl Friedrich von Weizsäcker gearbeitet.Drieschner selbst ist studierter Mathematiker und war in verschiedenen IT-Firmen tätig, doch eigentlich ist die Musik sein Leben.

Seit 2008 moderiert er TV Noir, das zuerst nur online zu sehen war. In der Show, die im Heimathafen Neukölln aufgezeichnet wird, lädt er Musiker ein, die auf seinem Sofa Platz nehmen und mit ihm über ihre Musik plaudern. Zwischendurch spielen sie unplugged ihre Songs.

TV Noir lief eine Zeit lang im Offenen Kanal Berlin (Alex TV) und wurde 2009 für den Grimme Online Award nominiert. Seit diesem Mai kann man das Wohnzimmer der Singer und Songwriter nicht mehr nur unter tvnoir.de, sondern auch jeden 2. und 3. Freitag im Monat bei ZDFkultur sehen.

Renommierte Künstler wie Heather Nova, Annett Louisan oder Wir sind Helden treten neben Newcomern wie Philipp Poisel, Bosse oder Polyana Felbel auf. Tex (so sein Künstlername) Drieschner ist selber Songwriter und Musiker. Er war von 1994 bis 2000 Mitglied der Hamburger A-cappella-Band The Buddhas und trat 2004 als Support der Popband Juli auf, die sich nach einem Lied von ihm benannt hat.

Von Drieschner sind bislang drei Alben erschienen. Außerdem hat er als Karikaturist für die taz sowie die Hamburger Morgenpost gearbeitet, ein bayerisches Hörspiel eingesprochen und ein Computerbuch verfasst.Im Moment arbeitet er an seinem vierten Album. ML

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14:00 03.06.2011

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