Macht es glücklich?

A-Z Geld Seit seiner Erfindung geht es mit der Menschheit bergab: Geld verdirbt die Kinder, die Liebe, das Ego. Trotzdem wollen es alle haben: Was sie über Geld wissen müssen

Antipathie

Sie haben einen Wunsch frei. Was wünschen Sie sich? Wenn Sie Europäer oder US-Amerikaner sind, dann sicher Geld. So viel, dass Sie nicht nur ausgesorgt haben, sondern rauschhaft konsumieren können, bis Sie tot umfallen. Wenn Sie Deutscher sind, wünschen Sie sich alles außer Geld. Zufriedenheit. Glück. Oder so. Denn als guter deutscher Romantiker haben Sie Ihren Wilhelm Hauff gelesen und wissen, dass Geld das Herz versteinern lässt. Dass die Zerstörungskraft des Geldes zum Verlust der Liebe führt, weswegen Frauen unter anderem gar nicht erst mit Geld umgehen wollen. Dass außerdem diese schlimmen antisemitischen Stereotype ohne dieses Geld gar nicht denkbar gewesen wären. Dass Geld im Übrigen stinkt. Wie gut, dass man nie einen Wunsch frei hat! Susanne Lang

Bitter Money

Ob Geld glücklich macht? Die Antwort hängt davon ab, wie man es erwirbt. Lottogewinn? Macht reich. Aber glücklich? Gehaltserhöhung? Macht vielleicht nicht reich. Aber sicher nicht unglücklich. Bankraub? Da wird es kompliziert. Die Luo, sesshaft in einer kenianischen Region, haben ein besonderes Konzept: Pesa makech – englisch: „Bitter money“, so auch der Titel des ethnologischen Klassikers von Parker Shipton zum Thema (1989) – heißt jene Sorte Geld, die man nicht ausgibt, um eine Hochzeit oder einen Klinikaufenthalt zu bezahlen. Das könnte Unglück bringen. Als bitter gilt money, wenn man es durch Diebstahl erwirbt oder indem man Land, Tabak oder Alkohol verkauft – alles Güter, deren Handel mit großen sozialen Veränderungen verknüpft war. Geld, sieht man also, ist nicht nur ein neutrales Tauschmittel. Es kann wohl doch stinken. Klaus Raab

Dispo

Irgendwann kommt der Moment, an dem die Bank den Dispositionskredit anbietet. Dieser kapitalistische Initiationsritus, oft gekoppelt mit der Anschaffung einer Kreditkarte (➝ Glaube), ist der Beginn einer verhängnisvollen Hassliebe. Unter der schimmernden Oberfläche der vom persönlichen Bank-Berater aufgelisteten Vorteile liegt ein Höllenschlund aus Unvernunft, steigenden ➝ Zinsen bis hin zur Privatinsolvenz. Die Gewohnheit, Geld, das einem nicht gehört, auszugeben, wird man genauso schwer wieder los wie Bettwanzen. Das Minus vor dem Kontostand wird nicht mehr als solches wahrgenommen, relevant ist allein, wie viel der Automat noch auszuspucken vermag. Steht man mehr als knietief im Dispo, empfiehlt sich nur noch die Flucht nach Südamerika. Sophia Hoffmann

Glaube

Die Banken- und Konzernherren sitzen in Bürotürmen, die alles überragen. Im Glas der Fassaden spiegelt sich die Welt unter ihnen, die nach ihrem Rhythmus lebt. Früher waren die Kirchen die höchsten Gebäude, in die Wolken gebaut, um dem Gottvater so nahe wie möglich zu sein. Die Kathedralen des Kapitalismus setzen auf maximale Distanz zum Fußvolk der Gläubigen, die nicht selten Gläubiger sind. Religion basiert auf einem Glauben an etwas, das sich nicht beweisen lässt. Das globale Finanzsystem basiert auf einem Glauben an etwas, das sich von der Mehrzahl nicht verstehen lässt. Die ersten Formen der Geldnutzung fanden in Tempeln statt. Die Christen kauften sich bis zur Reformation von ihren Sünden frei. Adam Smiths „unsichtbare Hand” des Marktes ersetzte ab dem 18. Jahrhundert die „unsichtbare Hand” Gottes, die bis dahin für eine Balance der sozialen Kräfte gesorgt hatte. Eine Religion ersetzte die andere. Höchste Zeit für eine Säkularisierung des Geldes. Mark Stöhr

Inflation

Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen hat sich die Inflation vielleicht stärker eingegraben als die beiden Weltkriege. Als im August 1923 die Papiermillion für einen Dollar eingetauscht wurde, schrieb der Journalist Friedrich Kroner: „Man hat nicht viel zuzusetzen. Das trommelt täglich auf die Nerven, der Zahlenwahnsinn, die ungewisse Zukunft.“ Angstschlangen vor den Läden, Tagesgefühle wie Tageskurse. Bis November kletterte der Kurs auf 4,2 Billionen. Die Inflation ruinierte den kleinen Sparer, er floh in Sachwerte. Es war die Geburtsstunde des modernen Konsumenten, der die Konjunktur am Laufen hält (➝ Taschengeld) und von der „gefühlten Inflation“ getrieben wird. „Er konsumiert“, beobachtete schon ein zeitgenössischer Nationalökonom, „weniger, um es zu genießen als um es nicht zu verlieren.“ Ulrike Baureithel

Kinder

Am 28. Oktober ist Weltspartag. Dann tragen die Kinder wieder ihre Sparbüchsen zur Bank (➝ Inflation), wie es schon ihre Eltern und Großeltern im Knirpsalter getan haben. Der Weltspartag wurde in den zwanziger Jahren von 29 Ländern ins Leben gerufen und sollte die Bevölkerung zur Bildung von Rücklagen anhalten. Für den Sparernachwuchs ist der Weltspartag eine große Werbeveranstaltung. Er soll sie zu dem Glauben erziehen, dass ihr Geld bei der Bank sicher sei und von den freundlichen Damen und Herren hinterm Schalter immer weiter vermehrt würde. Vielleicht tragen einige der Kinder in diesem Jahr ja „Occupy”-T-Shirts. Vielleicht sind ihre Büchsen nicht mit Münzen gefüllt, sondern mit Hosenknöpfen. MS

Linden-Dollar

In der 3-D-Onlinewelt Second Life sollte alles besser sein als in der wirklichen Welt. Der Avatar eine schönere Version des eigenen Ichs, das Haus größer und mit Meeresblick, der Sex aufregender. Nur eins war wie im echten Leben: Jedes Extra kostete Geld. Die Betreiberfirma Linden Lab hatte eine virtuelle Währung eingeführt: den Linden-Dollar, den man gegen echte US-Dollar tauschen konnte. Viele Firmen witterten das gr0ße Geschäft mit virtuellen Gütern: Sportschuhe, Autos, Stripperinnen. Der Springer-Verlag verkaufte sogar eine Second- Life-Zeitung. Die neue Welt entpuppte sich aber als erstaunlich anti-kommerziell. Wirklich Geld verdienen ließ sich nicht. Heute nutzen Firmen Second Life anders. Sie halten dort virtuelle Meetings ab und sparen so Reisekosten. Jan Pfaff

Restpfennigaktion

Auch Kunst macht Geld zum Thema – Interaktion mischt sich häufig mit Gesellschaftskritik (➝ Antipathie). Mit der „Restpfennigaktion“ im öffentlichen Raum wollte Susanne Bosch wissen, was man mit Geld so alles anstellen kann: Von 1998 bis 2002 sammelte sie Restpfennige und Zukunftsideen ein: rund 7,2 Millionen Pfennige und 250 Kilo Münzen kamen zusammen. Nach der Euroeinführung wurden mehrere Projekte realisiert, die eine Jury ausgewählt hatte. Inzwischen ist das „Restgeld“ eines von 150 Objekten, die der Anwalt und Kunstsammler Dr. Stefan Haupt erworben hat. Mit seiner Sammlung Dreißig Silberlinge – Kunst und Geld wirft er eine eher moralphilosophische Frage auf. Für den Betrag hat Judas einst Jesus verraten (➝ Glaube). Aber was ist uns Verrat heute wert? Maxi Leinkauf

Tabu

Über alles wird geredet. Über alles? Nein. In einer klitzekleinen Nische unserer Gesellschaft schlummert noch ein knorriges Tabu, das alle Eigenschaften einer überkommenen kulturellen Übereinkunft hat – rational nicht begründbar und alle Betroffenen schädigend: das Sprechen über den Lohn. Privates weiß man nach einigen Jahren gemeinsamer Großraum-Existenz über die Menschen, die einen Tag für Tag acht Stunden lang keineswegs nur schweigend begleiten. Gerade eine Redaktion zeichnet sich durch kommunikatives Hintergrundrauschen aus. Aber auch hier gilt das Tabu (➝ Antipathie). Obwohl vor über einem Jahr ein Gericht entschieden hat, dass Klauseln im Arbeitsvertrag ungültig sind, die das Reden darüber verbieten. Angeblich belegen Studien: In Abteilungen, in denen alle das Gleiche verdienen, wird effektiver gearbeitet. Aber um das zu erreichen, müsste man über das Gehalt der Kollegen reden. Michael Pickardt

Tanzritual

Bei Hochzeiten im muslimischen Teil Tansanias, aber nicht nur da, gibt es eine kleine Tanztradition: Die Frauen der Hochzeitsgesellschaft wedeln, während sie zur Taarab-Musik tanzen, demonstrativ mit großen Geldscheinen. Sie tun das nicht nur, um zu zeigen, was sie so haben; sie bekunden so auch der für die Musik zuständigen Zeremonienmeisterin ihren Respekt. Wenn ein Lied einer Frau gut gefällt, weil etwa eine Aussage darin versteckt ist, die ihr zusagt oder die mit ihrem Leben zu tun hat, stecken sie der Solistin den Schein zu. Es soll, hört man, allerdings auch vorkommen, dass Frauen mit dem großen Schein wedeln, aber dann doch lieber einen kleineren überreichen, den sie heimlich in der Hand versteckt halten. Weshalb man sagen kann, dass das Prinzip des schönen Scheins hier mustergültig verwirklicht ist. raa

Taschengeld

Lange Zeit war ich in der Taschengeld-Frage Anhänger einer keynesianischen Makrotheorie: Sie behauptet, verkürzt, dass Veränderungen im Konsum in erster Linie von Veränderungen im verfügbaren Einkommen verursacht werden. Mit anderen Worten, mein Kind konsumiert weniger, wenn ich ihm weniger Taschengeld gebe, also: less is less. 50 Cent pro Woche. Diese Praxis stammt aus einer Frühphase meines Vaterseins.

Dann fiel mir auf, dass less auch more ist, denn je weniger mein Kind zum Ausgeben hatte, desto öfter fragte es. Ich führte daraufhin eine Art Grundeinkommen ein: Mein Kind bekam so viel Geld – drei Euro pro Woche –, dass es problemlos seinen Bedarf an Süßigkeiten und Star-Wars-Heftchen decken konnte und auf diese Weise merkte, dass es gar nicht mehr braucht; also more is less. Mir wurde dann schnell klar, dass mein Kind gar nicht wusste, was es mit dem ganzen Geld anfangen sollte. Denn es hatte alles, und was es noch nicht hatte, würde es bald von der Patentante bekommen – more is more. In einem totalitären Akt strich ich alle Zahlungen und überlegte, eine Einkommenssteuer auf die großzügigen Geschenke der Patentante zu erheben. Inzwischen habe ich eine komplett verdorbene Zahlungsmoral (➝ Glaube): Wenn das Kind Hausaufgaben macht, gehorcht und allgemein nicht weiter auffällt, gibt es Taschengeld – wenn nicht, dann auch. Mikael Krogerus

Zinsen

Mit Geld könnte es so einfach sein: Der Bäcker verkauft mir Brot, ich gebe ihm Geld, er kauft davon Mehl usw. Aber reine Äquivalenz für den Austausch von Waren war Geld noch nie – Zins gibt es länger als Münzen: Bereits 2500 v. Chr. bezahlten Menschen in Mesopotamien, was der Duden heute als „Preis für die zeitlich befristete Überlassung eines Vermögensgegenstands“ definiert. Und woraus die „Kapitalmystifikation in der grellsten Form“ wurde. So Karl Marx im Kapital über den Finanzkapitalismus: „Wie das Wachsen den Bäumen, so scheint das Geldzeugen dem Kapital in dieser Form als Geldkapital eigen.“

Ist Zins die Möglichkeit für kleine Leute, ihren Hausbau per Kredit zu realisieren? Oder der für alle Finanzkrisen verantwortliche Konstruktionsfehler? Diesen Streit wird es so lange geben wie den Zins. Bis dahin können Kritiker ihre Brötchen ja mit Regionalgeld zahlen: Das vermehrt sich nicht, wenn es dem Warenkreislauf entzogen wird. Sondern es verliert dabei an Wert. Sebastian Puschner

09:00 22.10.2011

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare 6