Macht und Ohnmacht auf der Station

Corona-Diaries Über Vor- und Nachteile der Krankenhaushierarchie und ein Abschiednehmen in Würde. Tagebuch einer Medizinstudentin im praktischen Jahr auf der Geriatrie – Teil 3
Macht und Ohnmacht auf der Station
„Die aktuellen Regelungen fühlen sich falsch an“

Foto: imago images / Westend61

19. April 2020

Mittlerweile bin ich seit mehreren Wochen auf der Station und habe mich eingewöhnt. Wir sitzen in der morgendlichen Abteilungsbesprechung, mehrere ÄrztInnen husten oder sind erkältet. „Mein Hals ist nur trocken“, heißt es entschuldigend. Am liebsten würde ich vorschlagen, die Besprechung mittels Skype durchzuführen. Wir haben auch wesentlich weniger PatientInnen, sodass mehrere ÄrztInnen zu Hause bleiben könnten, weiterbezahlt werden und im Falle einer Coronaerkrankung auf der Station ihre KollegInnen ablösen. Die Tests könnten in Ruhe durchgeführt und die Quarantäne eingehalten werden.

Doch aktuell bin ich Studentin im praktischen Jahr. Die Hierarchien im Krankenhaus räumen mir nicht den Spielraum ein, meine Gedanken und Vorschläge im Plenum einzubringen. Sonst bin ich aus meinem privaten Umfeld oder im Aktivismus gewöhnt, viel zu besprechen, auf Nachfragen und Einwände einzugehen, im Einvernehmen zu entscheiden – also möglichst hierarchiefrei zu arbeiten. Meine Nebenjobs zeigen mir, dass die Arbeitswelt anders funktioniert. Im Krankenhaus erst recht. Natürlich verlangen Notfallsituationen eine Hierarchie, weil schnell Entscheidungen getroffen werden müssen. Das ist mir bewusst. Klar ist auch, dass Menschen aufgrund eines hohen Wissensstandes eine Autorität zugesprochen bekommen. Wenn aber die Meinung der Chef- und OberärztInnen kommentarlos hingenommen werden, fängt es für mich an, schwierig zu werden. Sinnvoll scheint mir ein reflektierter Umgang mit Macht.

Auf Station wird ein möglicher Verdachtsfall besprochen. Er soll nicht auf die für Corona eingerichtete Intensivstation. Die Oberärztin ist sich sicher, der Chef würde sonst wüten. JedeR hat hier seinen Platz im Krankenhaus. Ich verstehe.

Nach der Visite schaue ich nach einem Patienten, da ich noch ein paar Fragen habe. „So eine Scheiße hier“, begrüßt er mich. Er berichtet, dass sein Bruder Kleidung für ihn mitgebracht hat. Ihm wurde von der Ärztin zugesichert, dass sie sich vor dem Gebäude unterhalten dürfen. Doch die Pflege wurde nicht informiert. Sie haben ihm ein Treffen wegen einer möglichen Ansteckungsgefahr untersagt. Sein Bruder hat die Sachen abgegeben und ist nach Hause gefahren, die Chance auf menschlichen Kontakt wurde verpasst. Ich verstehe seine Wut. Er ist seit mehreren Wochen im Krankenhaus, teilt sich das Zimmer mit einem aufbrausenden Mitpatienten und der Kontakt zum Personal bietet kaum Raum für längere Gespräche. Während er im Zimmer eingesperrt bleibt, gibt es kaum Beschränkungen fürs Personal oder seine Mitmenschen.

Ob er sich dem Risiko aussetzt, ist seine Entscheidung. Auf der anderen Seite könnte er seinen Zimmernachbar anstecken. Das macht den Fall komplizierter. Der Patient liegt traurig und gefrustet im Bett. Vielleicht auch einsam. Sicherlich nicht förderlich für seine Gesundheit.

Er kann nur zu einem gewissen Grad Widerstand leisten, weil er nicht mehr so kräftig und mobil ist. Sonst hätte er einfach unbemerkt rausgehen können. Auch aus diesen Gründen können geriatrische Patienten leichter vom Krankenhaus ins Pflegeheim überstellt werden, obwohl viele zurück nach Hause möchten. Wenn man nicht ernst genommen wird, kann man sich nur schlecht wehren. Schwierige Entscheidungen werden täglich getroffen. Für ein Pflegeheim oder eine Kontaktsperre während der Corona-Zeit kann es gute Gründe geben. Hier kann man sich die Zeit nehmen, mit den PatientInnen zu sprechen und sie nicht vor vollendete Tatsachen zu stellen. Jedenfalls drücke ich meinem Patienten die Daumen, dass es ihm bald wieder besser geht, er nach Hause und seinen Bruder besuchen kann.

Andere PatientInnen werden diese Station jedoch nicht verlassen. In den meisten Fällen lehnen die PatientInnen eine Therapie ab. Sie sind zufrieden mit dem Leben, das sie hatten und akzeptieren ihren baldigen Tod. Vor ihren Entscheidungen habe ich großen Respekt. Ein Transport nach Hause oder in ein Hospiz ist in ihrer körperlichen Verfassung oft nicht möglich. Meine Vorstellung davon, Menschen die letzte Ehre zu erweisen, ist es, den Tod so erträglich wie möglich zu machen. Nicht nur eine ausreichende Schmerzmedikation, sondern die letzten Tage nach ihren Wünschen zu gestalten. Zum Beispiel das Zimmer mit persönlichen Gegenständen einzurichten, Fotos ihrer Liebsten auf den Tisch zu stellen, ihre Lieblingsmusik zu spielen und Gesellschaft zu bieten. Doch in der Hektik des Krankenhausalltages ist das nicht möglich. Angehörige könnten diese Aufgaben übernehmen. Die meisten möchten viel Zeit mit ihren Liebsten verbringen, ihre Hand halten, sich kümmern. Die restriktiven Besuchszeiten verhindern das. Das erlaubte Maß liegt bei einer Stunde am Tag von einer Person. Die aktuellen Regelungen fühlen sich falsch an.

Hier finden Sie Teil 1 und Teil 2 des Corona-Tagebuchs aus der Geriatrie

Unsere Autorin hat sich Leila Deaibes als Pseudonym gewählt. Sie ist 26 Jahre alt und studiert Medizin. Momentan arbeitet sie im praktischen Jahr auf einer geriatrischen Krankenhausstation

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15:37 21.04.2020

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