Mafia-Kitsch

A–Z Das Thema „arabische Clans“ haben alle Zeitungen und Polit-Sendungen durch. Als Kulturfaktor steht die Mafia vor dem Bankrott. Von vergangenen Highlights kündet das A–Z
Mafia-Kitsch

Foto: Found Image Holdings/Corbis via Getty Images

A

Atlantic City Schon das Ziel der Stadtgründung im Jahr 1954 war das Anlocken von Touristen. Die Gründerväter ließen zeitnah eine Zugstrecke nach Philadelphia bauen. Reisende sollten es komfortabel haben. Das bis heute berühmteste Wahrzeichen der Stadt, der Boardwalk, sollte ursprünglich verhindern, dass Sand in die Lobbys der Strandhotels getragen wird.

Seine Blütezeit erlebte Atlantic City in den 1920er Jahren. Als das Prohibitionsgesetz in Kraft trat, wurde es schlicht ignoriert. Dank Enoch L. Johnson, dem korrupten Strippenzieher (Godfather)dieser Zeit, wurde Atlantic City ein Touristenmagnet. Es bot alles, wonach sich die damalige Gesellschaft verzehrte: Glücksspiel, Prostitution, Shows und natürlich Alkohol.Johnson und „seine“ Stadt wurden sehr, sehr reich. Dann endeten die Prohibition und die goldene Ära. Mit der Legalisierung des Glücksspiels in New Jersey 1976 erwachte Atlantic City wieder. Es entstanden die ersten legalen Casinos östlich des Mississippi, dank neuer gieriger Investoren. Auch diese Zeit war nicht von Dauer, aber noch heute erinnern stillgelegte Hotelcasinos daran. Diana Gevers

E

Eimer Schuhe aus Beton: Es ist die Mordmethode, die mit der Mafia assoziiert wird. Den Opfern werden in Eimern die Füße einbetoniert, danach werden sie im Meer oder in anderen Wasserlandschaften versenkt. Um einen Menschen durch Ertrinken zu ermorden, braucht es weit weniger Aufwand. Bei dem Klischee, das zum Signal wurde, geht es um die „Entsorgung“ der Leiche.

Es gibt tatsächlich belegte Fälle von einbetonierten Mafia-Opfern. Vor zwei Jahren fand man im Hafen von New York einen Toten mit Mafia-Verbindung, dessen Füße in einem Betonblock steckten. Er starb durch die Einwirkung stumpfer Gewalt, bevor man ihn im Wasser versenkte. Das war der erste Fall in der Stadt seit gut 50 Jahren. 1964 entdeckte man den letzten Mafia-Toten mit Beton am Bein im New Yorker Hafen. Dass die Mafia Leichen gegen deren Entdeckung in Baustellenfundamenten versteckt, passiert umso häufiger. Das machen allerdings viele Verbrecher, es ist keine Mafia-Spezialität mit Signalwirkung. Tobias Prüwer

G

Godfather Neben Scarface-Shirts mit Al-Pacino-Aufdruck ist auch das schwarze Shirt mit den minimalistischen Konturen des Oberhauptes der Corleone-Familie immer auf der Straße anzutreffen. Die über Marlon Brandos Konterfei eingefügten Steuerhölzer für eine Marionette, die wie ein Logo für die Marke „Godfather“ stehen und sinistre Mächte und Machenschaften im Hintergrund symbolisieren, drücken auch ein grundsätzliches Missverständnis der Träger (tatsächlich eher Männer) aus: Der Faszination grandiosen Storytellings und brillanter Schauspieler erlegen, ist ihnen der politische, subversive Impetus des Films nicht bewusst geworden. Vielmehr glauben sie, dass beim Tragen des Textils etwas von der Kaltblütigkeit, Skrupellosigkeit und Resilienz Don Vito Corleones auf sie abfärbt (➝ Ordnung). Sie sind Marionetten des Kinos geworden. Marc Ottiker

K

Koks Während sich die Normalos manchmal gern dem Mafiösen annähern (➝ Godfather), nähert sich die einstige Unterwelt den Regeln des Marktes an. Sie legt sich ein sauberes Image zu. Hipster, Politiker und Unternehmensberater versprechen ein gutes Geschäft. Aber die neue Kundschaft hat einen Haken. Sie baut ihre Identität auf ihrem Konsum auf. Das aber ist oft problematisch. Nehmen wir das beliebte Kokain. Es zerstört die Umwelt, provoziert blutige Konflikte und versklavt Koka-Bauern. Wer Bio-Gemüse kauft, will aber auch beim Drogennehmen ein reines Gewissen haben. Das hat der Dealer von heute verstanden und eine Neuheit auf den Markt gebracht: Fair-Trade-Biokoks. Gut, ganz neu ist das Geschäftsmodell nicht. Deniz Yücel hatte sich schon 2013 mit einem Dealer getroffen, selbstverständlich nur zu Recherchezwecken. Der Dealer, ein Freddy, der nicht Freddy hieß, sagte damals: „Ja, mein Koks ist fair gehandelt und bio.“ Yücel bohrte als guter Journalist nach und kam zu einem schockierenden Ergebnis: Das Label ist eine Lüge! Wer hätte gedacht, dass die Unterwelt so was tut? Marlene Brey

L

Lansky Der Sohn einer jüdischen Familie entwickelte schon früh sein kriminelles Potenzial. Nach dem gewaltsamen Tod von Arnold „The Brain“ Rothstein wurde Meyer Lansky zum mächtigsten Mafia-Verbrecher New Yorks. Da war er gerade 26. Im Vergleich zu seinen Jugendfreunden, den brutalen Vorzeige-Mobstern Bugsy Siegel und Lucky Luciano, war Lansky war klein, leise und schlau. Sehr schlau. Die Behörden konnten ihm nie wirklich etwas nachweisen. Ihre Zeugen vor Gericht waren so unglaubwürdig, wie die Beweislast mager war. Alle Daten zu Lanskys weitreichenden Aktivitäten rund um Glücksspiel in New York, Florida und Kuba sowie Drogen- und Alkoholschmuggel waren der Legende nach ausschließlich in seinem Kopf gespeichert.

Lansky war auch politisch: Schon weit vor Beginn des Zweiten Weltkriegs profilierte er sich als Feind der Nazis und sorgte nach dem Hilferuf eines jüdischen Politikers durch regelmäßige gewaltsame Störungen von Nazi-Versammlungen in New York dafür, dass diese deutlich weniger häufig stattfanden. Meyer Lansky starb 1983 mit 80 Jahren an Lungenkrebs. Sein auf 300 Millionen Dollar geschätztes Vermögen wurde nie gefunden. Das Wissen darum wurde mit ihm in Miami begraben. Diana Gevers

M

Medellín Verehrt und verachtet – Pablo Escobar. Der einst mächtigste Drogenboss der Welt machte die kolumbianische Millionenstadt Medellín zur gefährlichsten Stadt der Welt, aber der Massenmörder baute auch Schulen und Krankenhäuser. So prangt sein Name gerade in Armenvierteln noch immer an mancher Hauswand. Eigentlich ist all das lange her, Medellín wird nicht mehr wegen Auftragsmorden gefürchtet, sondern für soziale Stadtplanung gelobt. Der Hype um den 1993 erschossenen Escobar ist dennoch ungebrochen – und er kommt vor allem von außen: Netflix widmete ihm mit „Narcos“ eine beliebte Serie, Touristen wandeln auf seinen Spuren durch Medellín, und mancher behauptet stolz, auf dem Grab von „El Doctor“ gekokst zu haben.

Für die meisten Einheimischen ist das ein Schlag ins Gesicht. Fast alle hatten Opfer zu beklagen im Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg, in dem der Kampf zwischen linken Guerillas, rechten Paramilitärs, dem Staat und eben der Drogenmafia Hunderttausende Tote forderte. Im Museo Casa de la Memoria im Zentrum Medellíns wird diese Geschichte aufgearbeitet – eine Ausstellung, die unter die Haut geht, erzählt von den Schicksalen der Opfer. Wer das Erinnerungsmuseum besucht hat, denkt nicht mehr an glorifizierende Escobar-Touren. Timo Reuter

O

Ordnung Im verharmlosenden Mafia-Kult steckt das Nachtrauern gegenüber zwei alten Ordnungen: dem Faustrecht und der Männer-Omnipotenz. Die Faszination für die „ehrenwerte Gesellschaft“, wo Respekt gilt und man seine Händel selbst ausficht, hat etwas vom Kohlhaas-Komplex. Wie der gleichnamige Rosshändler in Kleists Roman agiert der Mafioso dieser Vorstellung nach zwar illegal, aber legitim. Scheiß auf die Rechtsordnung, in der ich unrecht habe. Wenn Gerechtigkeit im modernen Rechtsstaat mit seinen abstrakten Gesetzen und ohne Rachemechanismus fern scheint, ist Selbstjustiz attraktiv – zumindest im Film.

Damit verwoben ist die Vorstellung, dass hier Mann noch Mann sein kann, tun muss, was Mann tun muss. Und Frau nicht. Damit wird das 20er-Jahre-Bohei nur zur weiteren Realitätsflucht in eine alte Geschlechter-Ordnung. Die wirklich emanzipativen Momente jener Zeit werden bei Mafia-Partys nicht begossen. Zwischen Al Capone und „Mafiabraut“ (O-Ton mehrerer Kostümhändler) ist kein Platz für eine Marlene Dietrich. Man mag sich noch so ausschweifend geben, Frauen bleiben bei dem Gedöns darauf fixiert, das Kurze zu tragen. Tobias Prüwer

S

Soundtrack Im tiefsten Süden Italiens, in Kalabriens Aspromonte-Gebirge, wird von düsteren Männern seit Ewigkeiten eine Musik gemacht, die sich paradoxerweise als Sprachrohr der Schweigsamen versteht. In ihren Liedern geht es um Blut und Ehre – darum, dass es manchmal besser ist, kein zwitschernder Vogel zu sein, sondern eine stumme Taube (➝ Eimer). Darum, dass man nicht mehr lange lebt, wenn man das Schweigen bricht und zwitschert.

Anfang der Nullerjahre veröffentlichte die Plattenfirma PIAS zwei Alben, die zu hören sich immer noch lohnt: Il Canto di Malavita, der Gesang vom Verbrecherleben, und Omertà, Onuri e Sangu, „Verschwiegenheit, Ehre und Blut“, versammeln das seit 100 Jahren tradierte Liedgut der Mafia. Kalabrien ist anders, erzählen die alten Lieder, die der Kalabrese Mimmo Siclari mit acht Musikern eingespielt hat. Allzu viel passiert nicht auf diesen Alben. Eine Gitarre zupft immer wieder einen Akkord, ein Akkordeon leiert im Stil alter kalabresischer Volkstänze, dazu gesellt sich mal eine Maultrommel. Doch die Lieder aus den Gründungsjahren der Mafia rühren in karger Anmut direkt ans Herz des Hörers. Minimalistische Schrotflinten-Folkore aus dem tiefen Süden. Marc Peschke

T

Toni Hamady Mein Interesse an der Mafia speist sich aus zwei Quellen: 1. Thrill, 2. Soziologie. Der aktuelle Spiegel-Titel ist in beiderlei Hinsicht eine Enttäuschung. „Die Macht des Clans“ beschreibt nichts, was man nicht auch in der Lokalpresse lesen konnte. Schwach leider auch der Versuch, den Plot aufzubrezeln: „Monopoly“ ist nicht das Spiel, das man mit „arabischen Clans“ assoziiert. Da ist die Fachliteratur spannender. Bei dem Soziologen Diego Gambetta kann man erfahren, dass das Leben der sizilianischen Cosa Nostra zwar langweiliger ist als in Verfilmungen – die Führung muss sich in Kellern verstecken –, aber der Zug zur Selbststilisierung schon existiert: Mafia-Bosse sehen oft bieder aus, aber sie kopieren gern die Gesten von Marlon Brando alias Don Corleone. Intensiver noch erscheint die Selbststilisierung in den „arabischen Clans“ und bei ihrer ➝ Zusammenarbeit mit dem Rap.

In Kreuzberg gibt es einen Friseurladen, der mit dem Thrill kokettiert: „Toni Hamady“. Er gehört Kida Khodr Ramadan, der den Clanboss in der Serie 4 Blocks spielt. Es gibt Plakate der Serie an den Wänden des Lokals. Ob das reicht, um zum Hard Rock Cafe der Clankultur zu werden, muss bezweifelt werden. Michael Angele

Z

Zusammenarbeit Bushido lebt jetzt getrennt. Nicht von seiner Ehefrau, nein, mit der ist er wieder zusammen. Er wurde von seinem Rapper-Kollegen Capital Bra verlassen. Capital wer? Capital Bra, der erfolgreichste deutsche Künstler 2018. Nun hat dieser die Zusammenarbeit mit Bushidos Label beendet. Schlussmachen per SMS hat natürlich keinen Style. Darum machte er es per Instagram. In einem Video lauten seine letzten Worte an Bushido: „Ich dachte, wir sind ein Team. Aber wir sind kein Team. Polizei ist jetzt dein Team.“ Bushido war immer wieder in Machenschaften von Clans verwickelt. Wenn Capital Bra damit kokettiert, ist der Mafia-Kitsch an der Spitze der deutschen Singlecharts angekommen. Wenn seine Ansage dagegen ernst ist, sind die Clans nun selbst Mainstream. Marlene Brey

06:00 06.04.2019
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