Maske und Spiegel

Permanente Revolution Ein Interview mit Ret Marut alias B.Traven zu seinem 125. Geburtstag am 23. Februar

Lest Traven nicht. Man sollte gar nicht erst damit anfangen. denn er kann schreiben. Nach den ersten Seiten im Totenschiff besteht die Gefahr der Sucht nach weiteren spannenden Geschichten, in denen die Menschen Gesichter und Stimmen haben, man den Geruch der Häfen beinahe in der Nase spürt und die Baumwollfelder vor sich sehen kann. Aber wer ihn leichtsinnigerweise doch lesen sollte, wird die Anziehungskraft dieses außergewöhnlichen Autors verstehen. Aus der Vielzahl Bücher ragen Das Totenschiff und der Caoba-Zyklus heraus. Das Totenschiff liest sich wie ein aktueller Kommentar zu den Migrationsbewegungen aus Afrika nach Europa, während in den sechs Caoba-Romanen verschiedene Stationen der mexikanischen Revolution festgehalten werden. Ausgangspunkt sind jeweils Arbeits- und Lebensbedingungen der Indios mit der Wechselwirkung von Ausbeutung und Widerstand - Widerstand gegen ungerechte Verhältnisse, die bis heute nicht befriedigend gelöst worden sind. Die Weiße Rose wurde zum Namensgeber für die "Weiße Rose", die deutsche Widerstandsbewegung der Geschwister Scholl gegen Hitler. Politisch wird Travens Engagement gegen Krieg, für die Freiheit der Presse und den Wert des einzelnen Mensch in seiner Zeitschrift Der Ziegelbrenner sichtbar: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Das Leben von B. Traven war ständig vom Spiel mit der Maske bestimmt. Der geheimnisvolle Autor war ein Mann der Maske und des Sich-Versteckens, weil er meinte, die Biographie des Autors sei unwichtig, er müsse durch sein Werk wirken. Lassen wir ihn also an seinem Geburtstag selbst zu Wort kommen.


FREITAG: Wenn man heute junge Leute fragt, was sie unter "Die weiße Rose" verstehen, wird genannt: Symbol für "Reinheit", "Unschuld", dann: Symbol für "Widerstand", Geschwister Scholl - Ihr Roman "Die weiße Rose" über die Hacienda, auf der Erdöl gefunden wird, und Ihr Autorenname sind mehr als 90 Prozent der Jugendlichen nicht mehr bekannt ...
B. TRAVEN: Ja, aber dann hat mein Roman doch zumindest eine ganz wichtige Funktion erfüllt...

Sie meinen, Ihr Roman sei als Ermutigung zum Widerstand gegen scheinbar übermächtige Kräfte zu lesen?
Es ging mir immer um die angemessene Reflexion gegenüber dem vermeintlich "Unabänderlichen". Nehmen Sie zum Beispiel die Figur des Indianers Jacinto in Die weiße Rose, der sich der übermächtigen "Condor Oil Company" nicht beugt, sein Land nicht verkaufen will. Jacinto weiß: Land ist ewig, Geld ist nicht ewig - darum kann man Land nicht gegen Geld tauschen.

Im Faschismus wie in Ihrem Roman zahlen viele, die Widerstand leisten, mit ihrem Leben. Wenn man sich die aktuellen politischen Auseinandersetzungen um die Herrschaft über Öl anschaut: Ist Widerstand gegen mächtige Interessen nicht gefährlich?
Für Öl gehen die Mächtigen immer buchstäblich über Leichen, ob in Afghanistan, Irak, Tschetschenien oder anderswo. Beispielhaft ist die Rechtfertigung des Präsidenten der "Condor Oil Company" in "Die weiße Rose". Dessen Fazit lautet: Was kümmert uns der Mensch? Wichtig ist nur das Öl.

Meinen Sie, dass die Gewalt und der Vorsatz, für Öl zu töten einerseits und die Bereitschaft dagegen Widerstand zu leisten andererseits, etwas zu tun haben mit der Verteilung von Armut und Reichtum?
Während der Regentschaft des Diktators Porfirio Diaz 1876 bis 1915 waren die Indianer Mexikos nicht viel besser dran als Sklaven. Ehrlich gesprochen: sie waren viel elender dran als Sklaven. In den letzten beiden Jahren der Diaz-Diktatur stiegen die Löhne nur gering an, während sich die Preise für Grundnahrungsmittel um 300 Prozent erhöhten. Die Produktion von Gummi, Zucker, Sisal, Kaffee, Vanille, Baumwolle und Tabak erhöhte sich, aber Nahrungsmittel mussten eingeführt werden. Aber das können Sie im "Land des Frühlings" nachlesen. Die Geschichte wiederholt sich wie in einer Spirale ...

Gerade kann man lesen, dass sich die Grundnahrungsmittel in Mexiko enorm verteuert haben. Die Preise für Mais-Tortilla sind um 50 Prozent gestiegen, weil das Mehl verstärkt zur Herstellung von Biotreibstoff benutzt wird und über 10.000 Mexikaner deshalb gegen die Regierung protestiert haben.
Ja, die Regierungen, die - so eine der Ursprungsbedeutungen des Wortes - ja eigentlich alles gerade richten sollten. Zu oft passiert das Gegenteil. Zu oft ist Regierung Unterdrückung eines Teils des Volkes zum Nutzen eines anderen Teils desselben Volkes.

Vor kurzem reiste der neue mexikanische Präsident Felipe Calderon nach Deutschland. Auch er lud ausländische Investoren in sein Land ein. Über die sozialen Verhältnisse hieß es in Presseberichten: "Ein halbes Dutzend mexikanische Großunternehmen mischen auf dem Weltmarkt mit. Gleichzeitig aber geht die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander: Während der Telekommunikationsunternehmer Carlos Slim mit rund 35 Milliarden Dollar Privatvermögen der drittreichste Mensch der Welt ist, überleben 17 Millionen seiner Landsleute laut Weltbank mit einem Dollar pro Tag, weitere 26 Millionen mit zwei Dollar.
Es scheint, als ob die Zeit vor hundert Jahren im Süden Mexikos stehen geblieben ist. Schon Porfirio Diaz lehrte, dass niedrige Arbeitslöhne und eine versklavte Arbeiterschaft ein Land reich machen. Er verschacherte das Land an das ausländische Großkapital.

Am Neujahrstag 1994 besetzten Aufständische, die sich EZLN nannten (Ejército Zapatista de Liberación Nacional) die städtischen Zentren des mexikanischen Bundesstaates Chiapas mit den Parolen "Nieder mit der NAFTA!" und "Land und Freiheit"! Kann man darin eine Kontinuität des Befreiungskampfes sehen?
"Land und Freiheit" war schon die zapatistische Losung in ihrem Kampf vor fast 100 Jahren. Jede neue Generation hat das Recht und die Pflicht zu sagen: "Es reicht!" Lassen Sie mich Folgendes hinzufügen: In allen Menschen den Trotz zu erwecken, ist meine vornehmste Aufgabe. Trotz gegen jede Idee, gegen jedes Programm, gegen jede Regierung. Mensch, sei ewiger Revolutionär, und du hast gelebt.

Sei ein ewiger Revolutionär?
Nennen Sie das, wie Sie wollen. Die Zapatisten verfolgen im Prinzip den Grundgedanken der permanenten Revolution, indem sie nicht im klassischen Sinne die Macht ergreifen, sondern sich dieser Macht grundsätzlich entziehen wollen, weil sie begriffen haben, dass sie sonst sofort ein Teil dessen werden, das sie gerade bekämpfen. Insofern entsprechen sie vollkommen meinem revolutionären Ideal des Trotzes. Was ich als das Beklagenswerteste nach "Revolutionen" empfinde, ist, dass diejenigen, die gestern noch die Verfolgten waren, heute die Verfolger sind. Es geht mir also weniger um einen Kampf mit den Waffen, als um einen Kampf mit Worten. Es ist das Wort, gemeinsam mit der Liebe und der Würde, das uns zu Menschen macht.

Die Zapatisten geben sich in der Öffentlichkeit nicht zu erkennen und zeigen sich regelmäßig nur mit Masken. Welchen Sinn sehen Sie in der geheimnisvoller Aussage "Wenn ihr wissen wollt, was für ein Gesicht hinter der Skimütze steckt - nehmt einen Spiegel und schaut hinein!"?
Es erscheint mir selbstverständlich, dass sich auch die Kämpfer mit dem Wort vor der Obrigkeit schützen müssen, durch Masken und Pseudonyme. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen...

Sie sind damals nur knapp und durch Glück mit dem Leben davon gekommen ...
Ich würde gerne noch etwas genauer auf den symbolischen Gehalt des Spiegels in Zusammenhang mit der Maske eingehen, weil ich glaube, dass Marcos als Kämpfer mit dem Wort sich ähnlich begreift wie ich mich mit meinem Werk, nämlich als Künstler: Du als derjenige, der angesichts des Dir nicht bekannten Künstlers in den "Spiegel" schaut, musst fühlen können, dass der Künstler in seinem Werk Dich ganz persönlich gemeint hat, dass er Dich in Deiner Seele zu sprechen wünscht, dass Du - ohne etwas über ihn und seine Person zu wissen - das Gefühl hast, dass er Dir genau das sagen wollte, was Du längst schon selber zu Dir sagen wolltest.

Könnte das ein Grund für den Erfolg Ihrer Bücher sein? Dass die Leser sich gepackt fühlen von dem, was Sie im Spiegel sehen?
Ich bin nichts als das Ergebnis der Zeit, das innigst wünscht, in die große Allgemeinheit wieder zu verschwinden, wie es völlig namenlos heute vor Ihnen seine Worte hinausschreien muss.

Das "Totenschiff" handelt von dem Seemann Gerard Gales, dessen Schiff vorzeitig ausläuft und der ohne Papiere und ohne Geld in Antwerpen zurückbleibt...
...mit der absurden Folge, dass es in der Macht der Bürokraten liegt, einem lebendigen leibhaftigen Menschen seine Existenz zu bestreiten - sehen Sie: Ich brauche keine Papiere; ich weiß, wer ich bin, sage ich. Sie sollten aber Papiere haben, damit Sie mir beweisen können, wer Sie sind, sagt der Polizeioffizier.

Ist das "Totenschiff" eine Anklage gegen die Festung Europa, die sich abschottet gegen alle auf der anderen Seite des Meeres, gegen die, die in gewisser Weise "ihre Papiere" verloren haben?
Das Gesicht Europas hat sich in den vergangenen Jahrzehnten drastisch verändert. Dennoch lässt sich festhalten, dass jede Zeit ihre Ketzer und jede Zeit ihre Inquisition hat. Für die heutige Zeit sind es der Pass, das Visum, der Einwanderungsbann, die Dogmen, an die man zu glauben und die man zu akzeptieren hat, oder man muss die verschiedenen Grade der Folter über sich ergehen lassen.

Die Sie in den Maschinen- und Kesselräumen der "Totenschiffe" drastisch schildern ...
Ja, Sie können sich ja Bilder dazu aus dem Film von 1958 ansehen, wenn Ihre eigene Fantasie nicht ausreichen sollte.

Manche lesen das "Totenschiff" wie eine Art Predigt gegen ein Laster des modernen Menschen: die Gier nach mehr, nach billiger, nach schneller.
Ich nenne das Profitgier im weitesten Sinne, die sich über jegliche Regungen von Menschlichkeit hinwegsetzt ...

Sie sind in Ihrem Leben viel gereist, manchem erscheint es wie ein Jagen oder eine Suche nach etwas. Wonach haben Sie Ihr Leben lang gesucht?
Lassen Sie es mich so sagen: Der Schatz, den zu finden Du die Mühe einer Reise nicht für Wert hältst, das ist der echte Schatz, den zu suchen Dir Dein Leben zu kurz erscheint. Der funkelnde Schatz, den Du meinst, der liegt auf der anderen Seite. - Und es ist nicht immer einfach, die richtige Seite zu finden und dort hin zu gelangen.

Was braucht der Mensch zum Leben?
Man gebe den Menschen ein bewegteres und reicheres, ein vollsaftigeres Leben; man mache ihnen die Arbeit zur Freude und nicht zum bloßen Mittel, die Nahrung schwer genug zu sichern; man gebe den Menschen jede Möglichkeit, ihre ganzen Fähigkeiten und Begabungen anzuwenden und auszunutzen, statt sie verkümmern zu lassen. Dann würden keinerlei Fundamentalisten - von den Kriegshetzern bis zu den religiösen Fanatikern - irgendwelchen Erfolg haben, in keinem Land.

Die Attraktion des Sozialkritikers B.Traven ist ungebrochen, auch wenn er nicht mehr in den Schlagzeilen vorkommt. Die Gesamtauflage seiner Romane und Schriften beträgt viele Millionen. Mehrere seiner Bücher sind verfilmt worden. Das Internet bietet unter B. Traven über 24.000 Einträge an. Wikipedia enthält einen kürzlich aktualisierten Beitrag zu B. Traven - oder sollte man sagen zu Otto Alber Max Feige, geboren am 23. Februar 1882 in Schwiebus und gestorben am 26. März 1969 in Mexiko? Der Mann, der seit 1907 unter dem Namen Ret Marut als Schauspieler auf deutschen Provinzbühnen agierte; der von 1917 - 1921 die Zeitschrift Der Ziegelbrenner herausgab und sich politisch für die Münchener Räterepublik so engagierte, dass er standrechtlich erschossen werden sollte. Der Mann, der 1951 als Traven Torsvan mexikanischer Staatsbürger wurde. Der Mann, der 1958 zur Premiere der Verfilmung des Totenschiffs mit Horst Bucholz als Hal Croves auftrat.

Insoweit ist Traven ein Unbekannter geblieben, ein Mann, der sich verbarg und sich seinen Lesenden nicht zeigen wollte. Heute, an seinem 125. Geburtstag, hat er sich auf seine Art gezeigt - im Spannungsverhältnis von Fiktion und Realität. "Eine Geschichte, die nicht wahr ist, gut zu erzählen, ist eine Gabe, my boy. Sie sind ein Künstler, wissen Sie das?" heißt es im Totenschiff. Dazu gratulieren wir Ihnen, Herr Traven!

Das "Gespräch" führten Werner Hennings und Werner Glenewinkel.

Werner Hennings und Werner Glenewinkel lehren an der Universität Bielefeld Entwicklungssoziologie und Sozialgeographie.


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00:00 23.02.2007

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