Maskengold im Münsterland

Corona Eine Massentierhaltungs-Firma in Jens Spahns Wahlkreis erweiterte ihr Portfolio. Mit Folgen
Maskengold im Münsterland
Im April 2020 war eine FFP2-Maske bis zu 35 Euro wert

Foto: Christof Stache/AFP/Getty Images

Zum Start spendete die örtliche CDU Beifall: Im Wahlkreis von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Münsterland in Nordrhein-Westfalen stieg ein Unternehmen im Sommer 2020 in die Maskenproduktion ein. Die Maschinen für die Fertigung kamen aus China, Leiharbeiter wurden aus Polen geholt. Mehr als 20 von ihnen infizierten sich mit dem Coronavirus. Jetzt macht sich Ernüchterung breit.

Es lag nicht auf der Hand, dass die Firma FIT Farm Innovation Team im Juli vergangenen Jahres in ein für sie neues Geschäftsfeld einstieg: die Herstellung von FFP-2-Masken zum Schutz vor dem Sars-Cov-2-Virus. Das Unternehmen war bisher spezialisiert auf Anlagen für die Massentierhaltung, Legebatterien, Käfige, Fütterungsmaschinen und dergleichen mehr. Einer der beiden Geschäftsführer, Sergej Babitzki, zeigt in seinem Profilbild auf Facebook statt eines Fotos von sich eine Stallanlage mit Zehntausenden von Hühnern auf den Philippinen.

Die FIT GmbH witterte – zu Recht, wie sich erweisen sollte – in der Herstellung von medizinischen Masken ein Riesengeschäft. Die Firma hatte gute Geschäftsbeziehungen nach Asien. Sie wusste auch, wie sie rasch Maschinen zur Produktion von FFP-2-Masken aus China bekommen konnte. Und sicherte sich in der Gemeinde Heek, im nordrhein-westfälischen Landkreis Borken, eine leer stehende Werkshalle für das Projekt. Die Bedingungen erschienen vielversprechend. „Für die Maskenfertigung wurde in der großen Lagerhalle eine kleine Halle gebaut, um Kontaminationen zu vermeiden“, berichteten die Westfälischen Nachrichten im Juli 2020. „Durch eine Lüftungsanlage mit Überdruck wird saubere Luft herein- und die verbrauchte Luft herausgeleitet.“

Zu den ersten Gratulanten gehörte eine Delegation der CDU aus dem Münsterland, der Heimat von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Unter Führung der nordrhein-westfälischen CDU-Landtagsabgeordneten Heike Wermer besuchte sie Mitte Juli die Firma. Begeistert berichtete Wermer unter der Überschrift „Schutzmasken made in Heek“ über die Station ihrer Sommertour. Auch Markus Jasper war dabei, langjähriger Vertrauter von Spahn und früherer Geschäftspartner des damaligen Bundestagsabgeordneten bei einem Beratungsunternehmen. Er ist heute Geschäftsführer des CDU-Kreisverbandes Borken, dem Spahn vorsitzt. Daneben besichtigten drei weitere CDU-Kommunalpolitiker die Produktion, unter ihnen der Bürgermeisterkandidat der Partei für die bevorstehenden Kommunalwahlen und der CDU-Fraktionschef im Gemeinderat.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Spahn hat das Geschäft mit der Masken-Produktion in Heek nicht mit eingefädelt. Aber die Euphorie unter seinen Parteifreunden in der Heimat war im vergangenen Sommer groß. Es herrschte, was den Mangel an Masken anging, Panik im Land. Die Landtagsabgeordnete Wermer kündigte damals an, die Firma FIT werde an einem Förderprogramm des Bundes partizipieren, das dazu beitragen solle, kurzfristig die Produktionskapazität von Maschinen zur Maskenkonfektionierung zu erhöhen. Sie fand es offenbar selbstverständlich, dass es für das Vorhaben Bundesmittel gibt.

Die Gunst der Stunde genutzt

Zu dieser Förderung kam es allerdings dann doch nicht, wie das Bundeswirtschaftsministerium auf Anfrage mitteilt. Zu den Gründen der Ablehnung des Antrags schweigt sich das Ministerium aus. FIT-Geschäftsführer Jens Rudolph sagt, der Förderantrag sei abgelehnt worden, weil man nicht habe nachweisen können, dass ein hinreichend großer Anteil der Masken an private Abnehmer, den freien Markt also, gehe.

Besondere Kontakte zur CDU bestreitet Rudolph energisch. Er sagt: „Wir haben keine Lobbyarbeit gemacht und brauchten das auch nicht.“ Auch so hätten sich für die Schutzmasken „alle Arten von Abnehmern“ gefunden: Kliniken, Apotheken, Behörden. Die Gunst der Stunde hat das Unternehmen genutzt. Produziert wurden anfangs 200.000 Masken pro Woche. Nach und nach steigerte das Unternehmen die Kapazität auf ein Mehrfaches davon.

Erst vor einigen Tagen hat das Bundesgesundheitsministerium in einem Bericht an den Gesundheitsausschuss des Bundestages deutlich gemacht, um welche Gewinnerwartungen es zu dieser Zeit ging. Demnach wurden FFP-2-Masken vor der Pandemie für durchschnittlich 1,25 Euro pro Stück gehandelt. Bis Mitte März 2020 sei der Stückpreis auf durchschnittlich 16,71 Euro gestiegen. Im April 2020 seien „in Extremfällen“ bis zu 35 Euro pro FFP-2-Maske erzielt worden. Selbst Anfang Juni 2020 habe der Preis zeitweise immer noch bei durchschnittlich 21,40 Euro pro Stück gelegen. Das Bundesgesundheitsministerium spricht im Rückblick auf den Mangel an FFP-2-Masken von einer „krisenhaft zugespitzten Situation“.

Ob das Ministerium bei der hektischen Beschaffung von Schutzmasken im vergangenen Jahr auch auf Angebote der Firma FIT aus Heek zurückgriff, ist unklar. Auf Anfrage teilt ein Ministeriumssprecher dazu mit: „Zu einzelnen Beschaffungsvorgängen und vertraglichen Details gibt das BMG keine Auskünfte.“ Inzwischen bietet auch FIT wie viele Wettbewerber seine Schutzmasken zu Preisen ab 99 Cent pro Stück an.

Am Beispiel aus dem Münsterland lässt sich gut illustrieren, was rund um FFP-2-Masken „made in Germany“ schiefgehen kann. Denn während noch die Produktion bei FIT selbst ordnungsgemäß – und auf Hochtouren – lief, gab es zur Firma im März 2021 negative Schlagzeilen in der Lokalpresse: Das Unternehmen hatte zwischenzeitlich 25 Leiharbeiter aus Polen geholt, um die Kapazität zu steigern. Von ihnen steckten sich 21 mit dem Coronavirus an, zwei mussten ins Krankenhaus.

Zudem stellte sich heraus, dass die Arbeiter von der Firma illegal in einem Bürotrakt in einem Industriegelände im Nachbarkreis Coesfeld untergebracht worden waren – und nicht etwa in einer der vielen wegen Corona leer stehenden Pensionen der Region. FIT-Geschäftsführer Rudolph sagt zur Ansteckung der polnischen Mitarbeiter, die nun in Quarantäne sind: „Das kann jedem passieren.“ Eine Verantwortung seines Unternehmens für den Corona-Ausbruch sieht er nicht. Die polnischen Mitarbeiter hatten zuletzt eine gemeinsame Nachtschicht bei FIT.

In der Region ist die Aufregung groß. „Ich bin komplett bestürzt und stocksauer“, wird Marion Dirks zitiert, die Bürgermeisterin von Billerbeck, wo die Leiharbeiter in Mehrbettzimmern im Industriegebiet nächtigten. Christoph Schlütermann, Vorsitzender des DRK-Kreisverbandes Coesfeld, lobt die Behörden: „Nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn nicht so schnell reagiert worden wäre.“

Von Tönnies nichts gelernt

Der parteilose Bürgermeister von Heek, Franz Josef Weilinghoff, gibt zu, er sei im Sommer 2020 zunächst auch froh über die Maskenproduktion in seiner Gemeinde gewesen. „Ich habe selten erlebt, dass ein Produktionsstandort so schnell aufgebaut worden ist. Respekt.“ Die illegale Unterbringung der herbeigeholten Arbeiter aber kritisiert er. Weilinghoff sagt, die sei auch gar nicht alternativlos gewesen: „Da hätte man mit ein bisschen Fingerspitzengefühl einen Vertrag mit örtlichen Beherbergungsbetrieben machen können.“

Die CDU-Vertreter in der Region reden inzwischen nicht mehr so gern über die einst von ihnen gelobte Maskenproduktion im Münsterland. CDU-Kreisgeschäftsführer Jasper verweist auf die „klaren Worte“ seines Parteifreundes, des Coesfelder Landrats Christian Schulze Pellengahr. Der hatte sich „bestürzt“ über den Corona-Ausbruch unter den FIT-Mitarbeitern gezeigt und gesagt: „Es ist mir völlig unverständlich, dass einzelne Unternehmer aus dem Ausbruchsgeschehen in fleischverarbeitenden Betrieben offensichtlich nichts bis wenig gelernt haben.“

Die CDU-Landtagsabgeordnete Wermer sagt nun, sie sei „enttäuscht von der mangelnden sozialen Verantwortung des Unternehmers hinsichtlich der Unterbringung der polnischen Mitarbeiter“. Einen Satz des Landrats wiederholt sie fast wörtlich: „Es ist bitter, dass einzelne Unternehmer aus dem Ausbruchsgeschehen in fleischverarbeitenden Betrieben offensichtlich nichts bis wenig gelernt haben.“ Den Besuch eines Unternehmens in ihrem Wahlkreis würde sie jedoch jederzeit wieder machen.

Matthias Meisner, vormals Redakteur beim Tagesspiegel, arbeitet als freier Journalist. Am 7. April erschien der Sammelband Fehlender Mindestabstand. Die Coronakrise und die Netzwerke der Demokratiefeinde, dessen Mitherausgeber er ist

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06:00 14.04.2021

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