Mehr Nacktheit wagen?

Debatte Nackte Haut ist heute nicht mehr provokant. Ein verdecktes Gesicht kann erotischer sein als ein unbedeckter Nabel. Macht euch locker, Genossinnen und Genossen
Mehr Nacktheit wagen?
In Deutschland neigt man zu prinzipiellen Lösungen – man darf oder darf nicht, ist liberal oder reaktionär, ruft nach Gesetzen und hat Gesinnung. Nur: Nackt oder Nichtnackt, das ist nicht die Frage

Foto: Karan Kapoor/Getty Images

Der Minirock war eine Provokation, aber irgendwann wurden sichtbare Pobacken und entblößter Busen gewöhnlich ... Allerdings war die hochgeschnallte Brust schon im Dirndl und in luxuriösen Abendroben gut sichtbar. Heute laufen Männer mit dicken, gerne hängenden nackten Bäuchen durch die Gegend, ohne sich zu schämen. Ich wünsche mir oft, sie würden sich verhüllen, auch gut sichtbares Gemächt in eng anliegenden Hosen aus weichem Baumwollstoff stört mein ästhetisches Empfinden. Ist das politisch inkorrekt, von wegen Bodyshaming?

Beim Sportfest in Tokio sind die Turnerinnen in Ganzkörperanzügen statt in knappen Trikots angetreten, das aber nicht aus Züchtigkeit, sie haben sich, wie die Norwegerinnen, die beim Beachvolleyball Shorts statt Bikini anzogen, von männlichen voyeuristischen Vorgaben emanzipiert. Andere Sportlerinnen haben sich nackt im Playboy abbilden lassen, jede nach ihrer Façon. Zucht und Unzucht haben viele Facetten, die erst geklärt werden müssten. Soll man beim Kirchenbesuch in Italien Kopf und Schultern bedecken? Als meine fortschrittlichen Freundinnen nach Persien reisten, haben sie selbstverständlich ihr Haar verhüllt, sie haben sich, wenn auch ungern, an die dort geltenden Regeln gehalten. In Kenia oder Tunesien halten sich die Touristen nicht an die Regeln; sie baden, speisen und saufen fern von den Einheimischen in eigenen Zonen (das lokale Personal hat sich daran gewöhnt).

Macht euch locker, Genossen, auch Genossinnen. Regelverletzungen sind billig geworden, ein verdecktes Gesicht oder hochgeschlossenes Krägelchen kann erotischer sein als ein unbedeckter Nabel. Erotik ist ohnehin passé, das hängt wohl mit all den Enthüllungen zusammen. Ja doch, wir brauchen neue Regeln: Männer mit Hängebauch sollten sich was überziehen, Frauen, deren Brüste kleiner sind als die von fetten Männern, dürfen nackt gehen, stillende Mütter könnten einen („1“) Busen zeigen. Selbstredend bin ich dafür, dass sich junge Neubürger aus Gegenden, in denen Frauen verachtet werden, an unsere Regeln halten, weder grabschen noch vergewaltigen (was ja auch einige deutschblütige Männer noch lernen müssen). Soll man Zonen für diese und jene einrichten? Wer entscheidet dann über die Grenzen oder einen fluiden Grenzverkehr zwischen Ver- und Enthüllenden? Das ist nicht so einfach wie mit dem Streit um ein drittes Klo – was ja überholt ist, seit wir wissen, dass es 75 (oder waren es 57?) Geschlechter gibt.

In Deutschland neigt man zu prinzipiellen Lösungen – man darf oder darf nicht, ist liberal oder reaktionär, ruft nach Gesetzen und hat Gesinnung. Nur: Nackt oder Nichtnackt, das ist nicht die Frage. Was hier debattiert wird, ist, mal wieder, die vermaledeite Identität. Hast du eine, zwei oder viele, bist du weiß, schuldig, gar männlich, nehmen wir Rücksicht auf Musliminnen oder verteidigen wir „unsere“ Nacktheitsberechtigung? Die Parole aus dem vorigen Jahrhundert: „Anpassung oder Widerstand“, greift hier nicht.

Ich halte es eher mit dem 18. Jahrhundert, als sich moderne Sitten auch erst langsam herausgebildet haben. Um die neue Vielfalt dieses Landes anzuerkennen, wird man miteinander reden müssen, gerne streiten, wer auf wen (womöglich hässliche nackte Männer auf empfindliche Frauen) Rücksicht nehmen soll, was tolerant, was Prinzipienreiterei ist. Im Glücksfall entwickelt sich daraus ein neuer Umgang.

Hazel Rosenstrauch, Journalistin und Autorin, hat zuletzt u. a. das Buch Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau veröffentlicht

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06:00 09.08.2021

Ausgabe 38/2021

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