Meine Elektro-Ohren

Die Ratgeberin Unsere Kolumnistin entdeckt eine Parallelwelt hinter Ohrstöpseln
Meine Elektro-Ohren
Bislang schlossen sie die Umwelt aus, nun kann man mit ihnen Umgebungsgeräusche sogar verstärken

Foto: Design Pics/Imago

In den vergangenen Monaten hatte ich mich schon einige Male gewundert: Ich mache einen kleinen Küchenwitz und der Teenagersohn fällt vor Lachen vom Stuhl, kriegt sich nicht mehr ein. Zunächst tat ich das Phänomen als Wahrnehmungsfehler meinerseits ab, doch nach und nach stieg mein Selbstbewusstsein. Was bin ich lustig geworden, dachte ich selbstzufrieden.

Eines Tages klärt mich der Sohn auf: „Ähm, ich lache gar nicht wegen dir, sondern über ...“, tut nichts zu Sache wer, einen Youtuber halt, der dem Sohn über dessen Ohrhörer offenbar atemberaubend komische Dinge zuflüstert. Manche davon scheinen zufälligerweise mit meinen Witzen synchronisiert. Und ich dachte, der Sohn hört Musik! Nie wäre mir in den Sinn gekommen, dass er sich noch ein Zweitgespräch reinzieht. Unfassbar! Seitdem frage ich mich: Ist er der Einzige oder ist es Massenhabitus? Bis das geklärt ist, seien Sie, liebe Leser auf der Hut vor Gesprächspartnern mit Elektronik in den Ohren!

Ich weiß, wovon ich rede, gehöre ich doch seit Neuestem selbst zu diesen Menschen, wobei: Sind wir überhaupt noch Menschen? Noch kann ich die zwei schwarzen Bauteile, die an meine Ohren angeschlossen sind, auch wieder ausstöpseln. Aber warum sollte ich? Im Ambient-Sound-Modus kriege ich auch mit den Dingern im Ohr mit, was um mich herum passiert. Das ist ja das Geniale! Was ich höre, höre ich mit Schmackes: Wenn ich über den Flur gehe, knarzen keine Holzdielen, nein, sie bersten unter meinen Schritten; wenn ich einen Müllsack zubinde, höre ich, oha, der ist ja aus purem Blech, das ich mit meinen bloßen Händen teils schreddere, teils verflüssige und zu einem Knoten winde; und aus allen Wasserhähnen klirrt das Wasser, so kalt ist es anscheinend um mich herum. Cool! Für das nächste Update wünsche ich mir noch ein paar lustige Alternativsounds. Etwa: Dielen knirschen = „Boing“, Tüten knistern = „Wieher, wieher“ und Sohneslachen = „Triumphfanfaren“. Gut wäre es noch, gewisse Stimmen einfach blockieren zu können. Ansonsten alles großartig. Nur der Sohn ist nicht ganz zufrieden. Ich komme gerade von einem knackigen Hundespaziergang, vollelektrisiert von Minimal Music, angereichert mit Orkangeräuschen der Umgebung, und das bei vollem Sonnenschein. Was die Menschen um mich herum ein kaum merkbares Lüftchen nennen, faucht in meinen Elektro-Ohren wie der Weltuntergang.

Ich krache also aus dem Sonnenorkan in die Wohnung, pflüge mich in die Küche, da höre ich plötzlich vom Türrahmen her die akustisch verstärkte Beschwerde des Sohnes: „Du ignorierst mich!“ Wie sich herausstellt, hat er – in seinem am Ende unserer Wohnung sich befindenden Zimmer auf dem Bett liegend – dreimal „Hallo“ gesagt, ohne dass es eine Reaktion darauf gegeben habe. Er ist aufgestanden und hat sich in die Küche geschleppt, um mir diesen Missstand mitzuteilen. Aha, ich höre offenbar nur Dinge, die in allernächster Nähe passieren. So wie jetzt die Sohnesrede, der mir vorträgt, was er eigentlich fragen wollte und warum er überhaupt dreimal „Hallo“ gesagt hat. Es geht um dringend notwendige Anschaffungen.

Hach, jetzt könnten mir meine neuen Ohr-Bauteile doch automatisch Tipps zum formvollendeten Nein-Sagen einflüstern. Wo habe ich die Dinger überhaupt? Verwirrt klicke ich im Smartphone auf „Find my Earbuds“. Antwort: „Es scheint, dass Sie Ihre Ohrhörer bereits tragen.“ Genial! Die kennen ihre Cyborgs.

Susanne Berkenheger verteilt als Die Ratgeberin regelmäßig für den Freitag gute Ratschläge

06:00 10.06.2019
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