Meine Mutter, mein Bruder und ich von Nuran Calis

Kino Bei diesem Film kommt man um die Biografie des Regisseurs nicht herum. Nuran David Calis war Türsteher und Regiestudent an der Falckenberg-Schule in ...

Bei diesem Film kommt man um die Biografie des Regisseurs nicht herum. Nuran David Calis war Türsteher und Regiestudent an der Falckenberg-Schule in München, hat Videoclips für Hip-Hop-Bands gedreht und am Hamburger Thalia Theater inszeniert, einer der ersten Bühnen Deutschlands. Und er ist der Sohn armenisch-jüdischer Einwanderer aus der Türkei, also einer, dem man wohl genauso wenig wie seinen Eltern etwas über Fremdheit im eigenen Land erzählen muss. Aus dieser Erfahrung können wunderbare Filme entstehen, die die eigene Lebenswelt überhöhen, interpretieren, gerne auch ein wenig auf die Schippe nehmen. Nur eines sollten sie nicht tun: Dem Publikum ständig entgegenschreien, was dort passiere, sei ein tatsächlich so gelebtes Leben, also Authentizität pur. Die ist im Kino sowieso meist eine Lüge.

Nur anfangs sieht es so aus, als sei Calis, der auch das Drehbuch verfasste, in diese Falle getappt: Areg, der im Zentrum seines Debütfilms steht, ist Christ, kommt - natürlich -aus Armenien und studiert - natürlich - in München. Jura, deutscher geht´s ja schon nicht mehr, aber Areg möchte - natürlich - Filme machen, und Freundin Lilly und Mitbewohner George müssen schon mal als Darsteller für seine künstlerisch-verquaste Bewerbungsvideos herhalten. Seine Mutter Maria und sein kleiner Bruder Garnik leben in Regensburg, wo sie auf ihre Einbürgerung warten. Ziemlich zu Beginn des Films, als einige Zuschauer noch über das Schicksal des abwesenden Vaters rätseln mögen, holt Areg seiner Familie einen Grabstein ins Wohnzimmer - zum Umgravieren, weil Maria kein Deutsch versteht. Das eigenhändig auf armenisch beschriftete Stück wird aufgestellt und von einem spießigen Gärtner mit Verweis auf den offiziellen Steinmetz des Friedhofs beanstandet. Mehr muss man nicht wissen über die Mehrheitsdeutschen und auch nicht über die Holzhammermethoden, mit denen Calis gelegentlich das Dilemma seiner Protagonisten umreißt. Einzig mit dem Genozid durch die Türken, der die erstarrte Maria geprägt hat, geht der Regisseur behutsam um: Das nationale Trauma Armeniens ist immer präsent, steht aber nie im Vordergrund.

Nicht nur das Leben Aregs, der hin- und hergerissen ist zwischen seiner Freundin, künstlerischer Selbstverwirklichung und der schwer kranken, vom Heimweh geplagten Mutter, durchzieht ein seltsamer Schwebezustand. Der Film an sich ist geprägt vom Nebeneinander oft übergroßer Symbole, Gesten, Worte und gelungener humoristischer Einsprengsel. Einen eigenen Ton, eine Sicherheit im Atmosphärischen, hat Calis noch nicht gefunden, aber die ironische Subversion kommt dem Film durchaus zugute. Da gibt es zum Beispiel das Kreuz, das durch ein Erdbeben in Zeitlupe vom Hausdach in Marias Heimatdorf fällt. Aber eben auch den dicken George, von Christoph Franken prächtig irgendwo zwischen Tollpatschigkeit und Herzensgüte dargestellt, oder Stefan Hunstein als dauermampfenden Arzt, der Aregs Mutter auf schnoddrige Weise eine ernste Diagnose stellt. Oder Corinna Harfouch, die mit großem Ernst eine stolze, einsame Münchner Produzentin spielt, die Areg erst durch ein Missverständnis als Putzkraft anheuert, dann aber eines seiner Drehbücher verfilmen möchte. Vor Ort, versteht sich, ein Angebot, das gerade dann kommt, als die Krankheit seiner Mutter Areg zwingt, zu ihr nach Regensburg zu gehen.

Schließlich macht sich die Familie sogar noch auf nach Armenien, zu dem Dorf, dessen Zerstörung Maria verdrängt hat und wo Garnik einen Schatz vermutet. Hier betet Calis in schwelgerischen Kameraflügen eine karge und dennoch einladende Landschaft an, die warm ist und zugleich kaum ein Fleckchen Grün zwischen braunem Staub zulässt. Aregs Mutter wird eine furchtbare Erlösung im reaktionären Heimatpathos vor dem armenischen Sonnenuntergang finden. Käme nicht bald der Voiceover Garniks, eines kleinen, früh lebensklugen Pragmatikers, der als einziger sieht, wie sich das Alte und das Neue versöhnen ließen - der Kitsch an dieser Stelle wäre unerträglich. Viel schöner aber ist, wie das Kino sich selbst feiert: Auf einer Sperrholzbühne, vor einem Publikum aus festlich gekleideten Freunden, Pappkameraden und der beinahe schon erblindeten Maria erhält Areg einen Oscar, wie er es seiner Mutter versprochen hat.

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00:00 02.05.2008

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