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POSTMODERNE ANTWORT AUF DIE BUDDENBROOKS Péter Esterházys Roman "Harmonia Caelestis" ist kein Familiendenkmal

Knapp über ein Kilo wiegt Péter Esterházys neuer Ziegel, über 900 Seiten stark und auf Grund seiner Eigenwilligkeit da und dort schon von der Kritik als Chef d´Œuvre inszeniert. Mit derlei Attributen wollen wir etwas vorsichtig umgehen. Ohne Zweifel hat der ungarische Schriftsteller schon seit langem auch im deutschen Sprachraum eine wachsende Fangemeinschaft, die an seiner medialen Verarbeitung wirkt, und das seit seinen Beiträgen für das avantgardistische "Forum Stadtpark" in Graz. Aus einer traditionsreichen und großen Familie stammend hat Esterházy schon immer beim Schreiben und im Leben für die Ausdehnung der Familie gesorgt.

Harmonia Caelestis ist ein problematisches Buch. Klar, Esterházy wäre nicht Esterházy, würde er nicht all das aufbieten, was einen Esterházy ausmacht. Aber langsam. Was sagt der Name? Die Esterházys waren eines der bedeutendsten Adelsgeschlechter Europas, jedenfalls des Habsburger Reiches, und dort wiederum in dessen ungarischen Teil. Sie zählten zu den größten Großgrundbesitzern in Ungarn (zu dem damals noch die spätere Slowakei, Siebenbürgen sowie Teile Kroatiens gehörten). Aus ihnen gingen Feldherrn, Ministerpräsidenten und Künstler hervor, Reichsfürsten, Staatsrechtler und unter dem Sozialismus Bauarbeiter. An ihrem Hof verkehrten berühmte Leute, bekannt sind die Anekdoten rund um den genialen Joseph Haydn, sozusagen ein Hauskomponist; ein Nebenschauplatz der Familienchronik ist das Sommerschloss Z?eliezovce im Hrón-Tal, wo ein kunstsinniger Esterházyfürst ein Techtelmechtel seiner Tochter Karoline mit einem gewissen Herrn Schubert unterband, der dort auffällig viele Klavierstücke à quatre mains komponierte und sich danach mit einer schönen Müllerin beschäftigte. Kurz, eine Familie, die über Jahrhunderte hindurch das high life dieser Zeitenläufe repräsentierte, zugleich auch Handelnde der Geschichte. Und, wie das zweite Buch den Faden der Familie verfolgt, auch Misshandelte der Geschichte: Als Ausbeuter erfährt er die Wonnen der Diktatur des Proletariats: "Eure Exzellenz, ich würde sagen, bitte schön, die Kommunisten sind hier." Mit diesem Satz beginnt das zweite Buch, die aktuelle Geschichte.

Esterházy präsentiert diese Familie in zwei Büchern. Wie üblich geht es bei ihm weder um Narration noch um Historie. Das Geschichtliche mit all ihren Personen, Ereignissen und Gegebenheiten ist ihm nur enzyklopädisches Material, mit dem er sich einen Sprachraum ausstattet. Darin macht er aus jedem Vorfahren einen Vater - "mein Vater" - gleichgültig, ob Palatin Esterházy anno 1612 oder Pál Esterházy, der 1711 in Wien eine Sammlung sakraler Gesänge unter dem Titel Harmonia Caelestis erscheinen lässt, oder der tatsächliche Vater, der nach 1945 von den Kommunisten enteignet wird. "Mein Vater" ist die zentrale Figur des ersten Buches, übertitelt mit "Numerierte Sätze aus dem Leben der Familie Esterházy", insgesamt 371 auf 442 Seiten, die Reihenfolge des Lesens ist dem Leser überlassen. Manche Rezensenten haben diesen Teil mit einem Mosaik verglichen; allerdings ergibt ein Mosaik, so sein Zustand halbwegs erhalten, ein Gesamtbild, was von diesem Sprachspiel nicht gesagt werden kann, weil es vermutlich gar nicht beabsichtigt gewesen ist. Der Ironiker Esterházy meint es nämlich bitterernst mit der Dekonstruktion der Identität - die Auflösung der Zeitebene, das Eintreten in abgeschlossene Geschichtsräume bringt Denkmuster der Historizität und der Authentizität durcheinander.

Dennoch: Dieser Teil liest sich wegen der Länge mit einiger Anstrengung. Das liegt keinesfalls an der Sprache, der Autor, so scheint es, kann gar keine schlechten Sätze schreiben, er ist ein formvollendeter Stilist, verbindet Information, historische Anspielung, Ironie, Zitat, Parodie in zwei, drei Sätzen: "62. Mein Vater hatte, wie - angeblich - jeder Türke, zwei Ehefrauen, eine für den Winter, die Dicke, und eine für den Sommer, die Dünne. Er arbeitete damals als Statiker für die Österreicher, die gleichbedeutend mit den Habsburgern waren, aber die verschiedenen Länder nummerieren die Herrscher unterschiedlich, zum Beispiel Rudolf, was anfangs etwas problematisch war, oder zumindest zu de facto Missverständnissen führte, deswegen muss man als erstes die Kaiser ›beziehungsweise‹ Könige kalibrieren, zum Beispiel den Rudolf, aber egal, der wievielte, um die Belange des Landes hat er sich nicht gekümmert, er beschäftigte sich im Hradschin mit Astronomie und Alchimie, um sich später von der Geisteskrankheit übermannen zu lassen."

Da schwingt etwas von Jorge Luis Borges mit, manchmal fühlt man sich erinnert an Julio Cortázars Rayuela, seine Affinität zu Bohumil Hrabal ist auch kein Zufall, stand doch dieser Tscheche dem magischen Realismus vielleicht am nächsten. Und dennoch...

Das zweite Buch heißt Bekenntnisse einer Familie Esterházy in 201 Portionen, wobei es nun auch immer wieder Vernetzungen zum ersten Buch gibt, das das Unterfutter für das zweite darstellt. Hier erzählt der Autor vom Abstieg der Familie, die von den neuen Herren als Klassenfeind behandelt wird. Die Klassenfeinde werden erst einmal umerzogen, zu diesem Zweck auf das Land verbannt, nach Nordungarn in die LPG Roter Stern, wie es sich gehört, um diesen Herrschaften 400 Adelsjahre auszutreiben. "Mein Vater", nun der echte, versucht sich als Bauer und Arbeiter, im Straßenbau, als Melonenzüchter, der Graf als Knecht. Da Menschen sich nur schwer verändern, hält man an vielen Gewohnheiten fest. Irgendwann dürfen sie wieder nach Budapest an den Stadtrand zurückkehren, Péter darf in den späten Sechzigern sogar studieren, sein Bruder bringt es sogar zum Fußball-Nationalspieler. Auch hier gibt es wieder Rückgriffe auf die Räterepublik 1919, auf den Zweiten Weltkrieg, des öfteren streifen bekannte Personen durchs Wortgelände, Béla Kun, István Bethlen, Sándor Márai, auch Personen aus früheren Büchern des Autors, bei Esterházy weiß man ja nie, was wirklich wirklich ist, das wäre nun wirklich etwas zu langweilig. Aber muss Roberto aus "Donau abwärts" ausgerechnet ein IM sein?

Für diesen Teil spricht auch, dass er sich die realsozialistische Ära vorknöpft, die in der gesellschaftlichen Debatte in Ungarn eher ein Randthema ist. Esterházy zeigt ohne die Methode des erhobenen Zeigefingers auf die Zerstörungen in den Mikrobereichen des Lebens. Das kommt gegen Schluss zu einem "Höhepunkt", wenn das Leben des wahrlich nicht kleinbürgerlichen Vaters wieder in "geordnetere Bahnen", freilich nicht in Ordnung kommt: ausgerechnet beim Wort "Vaterland", mit dem dieser Esterházy "nichts, aber auch gar nichts zu schaffen hat".

László Földényi hat - vielleicht etwas voreilig? - die Auferstehung des Familienromans gefeiert. Als treuer Fan spannt er einen historischen und soziologischen Bogen: Spätestens mit Ende des Zweiten Weltkriegs, als das klassische Bürgertum seine repräsentative Stellung verlor, war auch dieses Genre am Ende. Er beschreibt genau die Eckpunkte des Niedergangs, um dann die Aristokratie als "Möglichkeit" hinzustellen, nicht als soziologische Kategorie, aus der der Autor schöpft: "Bei Esterházy ist das ganze irdische Dasein - also die Geschichte der Familie - ein riesiges Spiegellabyrinth. Es gibt keine herausgehobenen Punkte, die in himmlischer Reinheit leuchten würden - aber gleichzeitig strahlt und glänzt alles wie ein riesiger barocker Lüster."

Schön. Das deutet vielleicht schon das Problem des Buches an.

Péter Esterházy: Harmonia Cælestis. Aus dem Ungarischen von Terézia Mora. Berlin Verlag im Random House, Berlin 2001. 926 S., 68,00 DM.

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00:00 04.01.2002

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