Meister des gepflegten Dialogs

Habermas Am 18. Juni 1929 kam Jürgen Habermas in Düsseldorf zur Welt. Wie der linksliberale Verfechter des "kommunikativen Handelns" zum wichtigsten Intellektuellen der BRD wurde

Jürgen Habermas ist der repräsentative Intellektuelle der alten Bundesrepublik. Er verkörpert die Westorientierung der Republik. Die politische Kultur der USA, die pragmatische Philosophie, G.H. Mead und Talcott Parsons, sind entscheidende Referenzpunkte seines Denkens. Der Preis dafür allerdings schien hoch.

Die Kritische Theorie, verknüpft mit den Namen Max Horkheimer und Theodor Adorno, war Ende der 60er Jahre immerhin das einzige Beispiel dafür, dass eine linke Theorie in Deutschland das intellektuelle Leben entscheidend prägte, vielleicht sogar innerhalb der Soziologie hegemonial, vorherrschend, war. Und dann kam einer aus dieser Schule – Habermas war Assistent von Adorno – und behauptete, Krisen im Spätkapitalismus seien nichts als „temporär ungelöste Steuerungsprobleme“. Das klang verdächtig nach Systemtheorie und Anpassertum, dazu sprach der Autor häufig von „Anschlussfähigkeit“, die theoretisch herzustellen sei, und benutzte zu allem Überfluss eine staubtrockene wissenschaftliche Diktion, die nach genau den öffentlichen Verwaltungsbauten in grauem Beton aussah, in denen sich der kritische Zeitgenosse nur widerstrebend verlor.

„Anschlussfähig“ wollte Habermas unbedingt sein. Nur an oder für wen? Zunächst mal an den bundesrepublikanischen Wissenschaftsbetrieb. Ein Wort, das in der Habermas-Literatur regelmäßig wiederkehrt, ist Fleiß. Vielleicht ist Fleiß ja das Codewort der Wiederaufbau-Generation für Gelehrsamkeit. Habermas jedenfalls hat nicht nur einen bemerkenswerten Ausstoß an Texten, inklusive eines Hauptwerks, eines „Monstrums“ (Habermas über seine „Theorie des kommunikativen Handelns“).

Seine Theorie integriert ordentlich die wichtigen zeitgenössischen Entwicklungen im Wissenschaftsbetrieb, kein Essay der entsprechenden Forschungsliteratur wird auszuwerten vergessen. Dabei hatte die sprachwissenschaftliche Wende in der Kritischen Theorie und die „Theorie kommunikativen Handelns“ hierzulande wohl mehr Gegner als Anhänger – obwohl, oder vielleicht auch gerade weil ihr Autor als bekanntester deutscher Intellektueller und als einziger galt, der auf dem Markt der Ideen und Theorien mit den übermächtigen Franzosen oder den Amerikanern konkurrieren konnte.

Distanz zu den 68ern

Adornos Haltung, irgendwie innerhalb und außerhalb zu sein, zudem eigene Idiosynkrasien in die Theorie einfließen zu lassen, wurde dagegen durch Habermas‘ Öffnung Geschichte. Sie war natürlich, bei Adornos Persönlichkeit und seiner Biografie als Emigrant, auch nicht einfach zu replizieren. Ob allerdings eine Anschlussfähigkeit, fokussiert auf den Wissenschaftsbetrieb, die ultima ratio ist, und ob Habermas nichts als diesen Konformismus zustande gebracht hat, bleibt die Frage. Schließlich füllen seine politischen Schriften zahlreiche Bände und enthalten eine komplette Geschichte der Republik, ihrer intellektuellen Konstellationen und öffentlich verhandelten Themen. Dieser Philosoph und Soziologe ist ein radikaldemokratischer homo politicus.

Könnte mal wieder ein Rückfall in alte deutsche Sünden drohen, in Autoritarismus, reaktionäre Umtriebe, sollten wieder antidemokratische Reflexe hervorbrechen – dann ist es wie in der Geschichte mit dem Hasen und dem Igel: Habermas ist schon da und hält die Fahne der Aufklärung hoch. Wäre das Land nach seinem Bilde, könnte man es hier aushalten.

Mit den rebellierenden Studenten der sechziger Jahre konnte Habermas allerdings nicht viel anfangen – auch wenn er den Vorwurf des „Linksfaschismus“, gerichtet an die Adresse von Rudi Dutschke, später zurücknahm. Die neuen sozialen Bewegungen der 80er Jahre veränderten dagegen die politische Theorie von Habermas. Die Protestierer, Hausbesetzer und Ökos lernte er, nach anfänglichem Zögern, schätzen. Ziviler Ungehorsam – Testfall für den demokratischen Rechtsstaat, lautete der Titel eines Essays. Habermas unterschied zwischen Legalität, der die Blockierer gegen die Raketenstationierung der Regierung Kohl, die Boykotteure der Volkszählung und andere Bürgerinitiativler offensichtlich nicht entsprächen, und der Legitimität des Protestes, die sie genauso selbstverständlich für sich reklamieren könnten. Er verteidigte den zivilen Ungehorsam als „Bestandteil der politischen Kultur eines entwickelten demokratischen Gemeinwesens“ und schrieb: „Ich halte es für ein Anzeichen der Reife der politischen Kultur in der Bundesrepublik, dass die Empfindlichkeit der Bürger für die Legitimität weitreichender politischer Entscheidungen heute unverkennbar größer ist als noch in der Adenauerzeit.“

Als das politische Establishment kompromisslos reagierte und nach altdeutscher Sitte die bürgerlichen Nachfahren des französischen Citoyen kriminalisierte, beklagte der Theoretiker 1983 den „verhärteten Legalismus“ und nahm entschlossen den Kampf auf mit einem „neokonservativ gleichgeschalteten Feuilleton“. Wer nun aber hoffte, der berühmte Professor hätte sich endlich engagiert und an die Seite der Demonstranten gestellt, missverstand die Rolle des Intellektuellen in der Öffentlichkeit, die Habermas betrieb- und aufmerksam zeit seines Wirkens ausfüllte: „Das ist etwas anderes als ein Aufruf zu zivilem Ungehorsam.“ Und wenig später, für alle, die es vielleicht überlesen hatten: „Mit einem Aufruf zu zivilem Ungehorsam hat das nichts zu tun.“

Offensichtlich bestand Distanzierungsbedarf. Habermas mag nicht zu etwas aufrufen, das er gut findet und beredt verteidigt. Das ist ein Widerspruch – aber ist es auch ein produktiver? Habermas bewegte sich offensichtlich innerhalb des Rahmens, den er in Strukturwandel der Öffentlichkeit skizziert hatte, seiner legendären Habilitationsschrift (die übrigens Adorno in Frankfurt nicht annehmen wollte, so dass der Jungwissenschaftler zu Wolfgang Abendroth ins benachbarte Marburg ausweichen musste). Dort beschrieb er eine bürgerliche Öffentlichkeit, die sich in der direkten Konversation, in den Salons und Kaffeehäusern und dem klassischen bürgerlichen Medium, der Schrift, herausgebildet hatte, und in der sich die Kraft des besseren Arguments durchsetzte.

Natürlich wäre die Behauptung naiv, dass sich dieses Modell irgendwo flächendeckend durchgesetzt hätte. Die Eigentumsverhältnisse im Kapitalismus haben Habermas nie sonderlich beschäftigt, aber immerhin hat er sie zur Kenntnis genommen. Zeitungen, wusste auch er, sind vom Anzeigengeschäft abhängig, Medienkonzerne dominieren den Meinungsmarkt, wirtschaftliche Krisen bedrohen unabhängige Schriftmedien. Als zuletzt die Süddeutsche Zeitung, Flagschiff einer linksliberalen Öffentlichkeit im Sinne des Philosophen, ins Kriseln geriet, empfahl dieser staatliche Hilfe und die Form einer gemeinnützigen Stiftung – also Prawda, nur unabhängig.

Quo vadis kritischer Intellekt

Bücher, Zeitungen, der gepflegte Dialog, sind Habermas’ Medien. Der Dauertalk auf den Fernsehkanälen ist für ihn ebenso eine fremde Welt wie das Gebaren von zu Medienintellektuellen mutierten Professorenkollegen, die mit flotten Thesen und Kurzzeitaufregern gerne im Feuilleton, noch lieber im Fernsehen auftauchen wollen. Und im Internet?

Sicherlich hat die Rolle des Intellektuellen, wie Habermas sie ausfüllt, etwas Fossiles – und sie wirkt im Zeichen des universitären Bologna-Prozesses, der alles Wissen im Sinne einer instrumentellen Vernunft marktförmig organisiert, genauso lebensfreundlich wie vieles aus der alten BRD, wenn es mit den Erscheinungsformen der aktuell grassierenden Unvernunft verglichen wird.

Aber vielleicht ist der professorale Fossilismus des Diskurstheoretikers in anderer Hinsicht anschlussfähig. Laut Habermas „hat die von Intellektuellen betriebene Systematisierung und Durcharbeitung von Weltbildern empirische Tragweite“. Ideen werden umso wirksamer, je rationaler, prägnanter, präziser, formal avancierter sie erarbeitet und präsentiert werden. Das impliziert sicherlich auch die traditionelle Arbeitsplatzbeschreibung eines Intellektuellen. Aber warum nicht innerhalb der Rolle des kritischen Intellektuellen differenzieren?

Einige gehen auch mit dem Megafon auf die Straße, andere kümmern sich vordringlich um die Codes, die Werkzeuge, die ‚Formalia’, dank derer bestehende Codes überschrieben, umdirigiert, in eine andere, progressive Richtung gelenkt werden können. Wäre das nicht eine Aufgabe für linke Medienintellektuelle, die dann auch einen ordentlichen Professor wie Habermas und seine Theorie formaler Rationalisierung von Weltbildern neu lesen, abseits der Schlachten der Vergangenheit, in denen er als affirmativer Theoretiker enttarnt wurde? Natürlich ist Habermas affirmativ. Er selbst hat nie das Gegenteil behauptet. Aber Platon war auch affirmativ – und manchmal kommt einem die alte BRD vor wie die deutsche Antike.

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17:45 17.06.2009

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