Mit Faust und Sturmgewehr

Südafrika Unter seinem neuen Vorsitzenden Jacob Zuma könnte aus dem ANC eine straff geführte Partei werden, die um einiges radikaler ist als unter Nelson Mandela oder Thabo Mbeki

In einer Kampfabstimmung wurde Jacob Zuma Ende Dezember zum neuen Vorsitzenden des African National Congress (ANC) gewählt. Nun strebt er 2009 in Südafrika das Präsidentenamt an. Allerdings muss er sich demnächst wegen einer Schmiergeldaffäre vor Gericht verantworteten. Jede Anklage gegen ihn - meint unser Autor - mache Zuma populärer. Sollte er zum Staatschef aufsteigen, dürfte Südafrika afrikanischer werden.

"C´est l´Afrique!" - diese Formel dient nicht zuletzt britischen Kommentatoren als Ausdruck des Erstaunens und kopfschüttelnden Missverstehens, wenn sie über den neuen ANC-Präsidenten, Jacob Zuma, schreiben. Ihnen scheint die Floskel des einstigen kolonialen Erzrivalen Frankreich ausdrucksstärker und treffender zu sein als das zum Understatement neigende, englische "That´s Africa!". Oft gehört dazu ein seufzend resignierender Blick zum Himmel oder die "Du-weißt-schon-Geste" des zumeist weißen Afrika(ver)kenners.

Es wird nach Erklärungen dafür gerungen, weshalb ein populistisch veranlagter Politiker wie Jacob Zuma gerade erst zum ANC-Chef avancieren konnte und nun Anspruch auf die Nachfolge von Thabo Mbeki im Amt des Staatspräsidenten anmelden kann - obwohl er unter Korruptionsverdacht steht und sich demnächst vor Gericht verantworten muss. Auf jeden Fall ist Jacob Zuma auf den ersten Blick ein merkwürdiger Prätendent - wer ihn wohlwollend beurteilt, der kommt nicht umhin, seine Bildung als unterdurchschnittlich zu bezeichnen. Der weiß auch, dass er sich gern als intimer Kenner der afrikanischen Frauen und ihrer sexuellen Wünsche zu erkennen gibt. Eine Klage wegen Vergewaltigung konnten seine Verteidiger vor geraumer Zeit niederschlagen. Das Opfer - eine Anti-Aids-Aktivistin - stellten sie als unglaubwürdig dar. Doch schadet selbst Zumas Ignoranz gegenüber dem HI-Virus seiner Popularität überhaupt nicht. Als Vorsitzender des National Aids Council prahlt er damit, nie dessen Ratschläge zu befolgen. Vor allem seinen männlichen Wählern dürfte er damit bestätigen, was sie schon immer zu wissen glaubten: Sex und Aids haben nichts miteinander zu tun. Schließlich muss es Zuma wissen, ist er doch Ehrendoktor der Medizinischen Universität in Südafrika.

Wenn mein Idol reich ist, dann ist mein Volk reich

Aber fällt das, was über Zuma kolportiert wird, vor Ort ins Gewicht? Auch in Afrika kämpft ein Politiker zuerst um die Herzen der Wähler und erst dann um die Köpfe. Zuma weiß das und holte erst die einfachen Leute auf seine Seite, später die Studenten und Teile der Gewerkschaften. Seine Selbstgewissheit, die einfache Sprache, sein Rückgriff auf kulturell grundierte Urteile und Vorurteile ließen ihn für viele schwarze Südafrikaner zum Idol werden. Nach einem patriarchalisch gütigen Oliver Tambo, einem göttergleich verehrten Nelson Mandela und einem trocken kühlen Thabo Mbeki führt ab sofort ein Volkstribun den ANC. Besonders der Technokrat Mbeki - beleibe nicht der Intellektuelle, zu dem ihn westliche Medien gern stilisieren - hat durch seinen autoritär abgehobenen Führungsstil nicht nur das Vertrauen einfacher ANC-Mitglieder verspielt, auch die Sympathien der schwarzen Eliten.

Beratungsresistent hat er außerdem zwei traditionelle Alliierte verstoßen: die Kommunistische Partei und den von ihr beeinflussten, gleichwohl eigenständigen Gewerkschaftsdachverband COSATU. Dass Mbeki auf dem ANC-Kongress nicht den Herausforderer Zuma bezwingen konnte, überrascht vor diesem Hintergrund kaum.

Auch die mächtige ANC-Jugendliga - Sprecherin einer frustrierten, oft arbeitslosen Generation - vermochte sich nie für den unterkühlten Mbeki zu begeistern, wohl aber für den Faust und Sturmgewehr schwingenden Jacob Zuma. Dessen Lieblingslied Bring mir mein Maschinengewehr ist bereits inoffizielle Hymne der Jugendliga und der Zuma Youth.

Der Aufsteiger Zuma gehört einer alten Elite an, die sich in ihrem Führungsanspruch über afrikanische Werte definiert, er hat es gegenüber seiner Volksgruppe der Zulus nie an größter Loyalität fehlen lassen. Um so erstaunlicher, wie es ihm gelang, sich innerhalb des vom Stamm der Xhosa beherrschten ANC durchzusetzen - der erste Zulu, dem dies seit Gründung der Anti-Apartheid-Bewegung 1902 gelang. Zudem konnte er die Gräben zwischen den Ethnien überwinden, die sich seit dem Ende der Apartheid 1994 stets über die Frage der Regierung stritten. Natürlich eint Zuma den ANC nicht zuletzt auch deshalb, weil er sich demonstrativ von den Weißen abgrenzt, vor allem den einstigen Parteigängern der Apartheid.

Auf Jacob Zuma trifft zu - wie auf so viele Politiker südlich der Sahara -, dass sie eine bedingungslose Gefolgschaft reklamieren und Reichtum (wie Bereicherung) als nichts Verwerfliches empfinden. Reichtum bedingt Macht und bestätigt die Überzeugung: Wenn mein Idol reich ist, dann ist mein Volk reich, dann bin ich reich. Letztlich sieht sich Zuma weniger als Repräsentant eines Systems, sondern als das System selbst, was ihn in eine Reihe mit vielen schwarzafrikanischen Staatsführern stellt. Nach ihrem Verständnis dienen Exekutivorgane wie Armee, Polizei und Administration nicht dem Erhalt des Rechts oder eines demokratischen Systems, sondern dem Machterhalt der herrschenden Partei und ihrer Führer.

Es gibt keine Oppositionspartei, die ihn aufhalten könnte

Falls der Matador nicht in den nächsten Jahren an Aids stirbt, dürfte er Südafrika ein gutes Stück afrikanischer machen und eine Politik verfolgen, die vorzugsweise den schwarzen Mittel- und Unterschichten dient. Jede Anklage könnte ihn stärken. Hat er doch - wie andere auch - von Winnie Mandela gelernt, wie man entweder einer rechtskräftigen Verurteilung entgeht oder daraus politisches Kapital zu schlagen versteht.

Sein auf einen pragmatischen Willen fixierter Intellekt und eine Bildung, die er sich in zehn Jahren Haft auf Robben Island erworben hat, verbieten vorerst nassforsche Prophezeiungen, wie sich Südafrika unter Zumas Ägide entwickelt. Vermutlich gewinnen die Ratgeber der Linken aus der KP und den Studentenverbänden an Einfluss, so dass der ANC von einer Bewegung mehr zu einer Partei klassisch linker Provenienz mutiert. Dass unter diesen Umständen auch eine Spaltung nicht auszuschließen ist, liegt auf der Hand. Immerhin haben mehr als 30 Prozent der Kongressdelegierten im Dezember Jacob Zuma nicht gewählt.

Außenpolitisch wird er einen westlichen Wertekanon kaum zu seinem Katechismus erheben. Verblüffend freimütig bekundet Zuma, dass Robert Mugabe, der Präsident Simbabwes, ein "dezidiertes Vorbild" sei. Schon jetzt verlassen weiße Farmer die nördlichen Provinzen Südafrikas - freiwillig und mit finanzieller Entschädigung zwar, ohne einen innenpolitischen Konflikt heraufzubeschwören, doch künftig möglicherweise auch in dem Bewusstsein: Es gibt niemanden, es gibt keine Oppositionspartei oder sonst irgendetwas, das Jacob Zuma aufhalten könnte. Möglicherweise werden - diese Mutmaßung greift weit voraus - nur die Gewerkschaften dank ihrer Infrastruktur sowie ihrer finanziellen Mittel ein demokratisches Korrektiv sein können, das einem mit den Townships verbündeten Präsidenten Paroli bietet. Wie das in den autoritär geführten Staaten Simbabwe oder Sambia bereits geschehen ist. Doch das sind alles höchst spekulative Prognosen.

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