Modell aus der Gusseisen-Zeit?

SCHWÄCHELNDER EURO - KRAFTSTROTZENDER DOLLAR Die Zukunftsgewissheit des US-Kapitalismus beeindruckt die internationalen Finanzmärkte

Der Außenwert des Euro zeigt Schwäche. Zwar kam es nach Einführung der Währung am 1. Januar 1999 zu einer kurzen Aufwertungsphase, jedoch schon ab Februar begann die Schwächeperiode. Vergleicht man den Wert Anfang 2000 mit demjenigen ein Jahr zuvor, so verlor der Euro nominal gegenüber einem Korb der wichtigsten anderen Währungen um annähernd 15 Prozent. Gegenüber dem Dollar fällt der Wertverlust sogar noch deutlicher aus. Nachdem in den USA die Zinsen schon seit einigen Monaten anstiegen, erhöhte auch die Europäische Zentralbank (EZB) schließlich ihre Sätze. Allerdings liegen sie im Euroraum noch immer unter dem Niveau der USA . Eine Verringerung der Differenz angesichts der Euroschwäche wurde von der EZB bislang offensichtlich als nicht hinnehmbar angesehen. Die Zinspolitik der EZB folgt mit zeitlichem Verzug lediglich derjenigen der USA.

Impuls für die Lohn-Preis-Spirale?

Die EZB ist mit einem Dilemma konfrontiert, wie vor ihr zahlreiche andere Zentralbanken auch. Um die Konjunktur und damit die Beschäftigung zu beleben, werden von ihr niedrige Refinanzierungszinssätze erwartet. Die Forderung nach niedrigen Zinsen ist deshalb plausibel, weil es im Euro-Raum bisher keine Gefahr inflationärer Entwicklung gibt. Die Inflationsrate lag in der EU 1999 bei 1,6 Prozent - in den USA betrug sie hingegen 2,1 Prozent. Auch für die absehbare Zukunft ist auf diesem Feld keine Trendwende zu erwarten. Die Forderung der IG-Metall nach einer Lohnerhöhung von fünf Prozent wird zu einem Ergebnis führen, das nahe am Produktivitätsfortschritt liegt und damit keinen ernsthaften Kosten- und somit Preisdruck erzeugt. Da Abschlüsse in der Metallbranche Signalwirkung für die anderen Zweige haben, sind so initiierte inflationäre Impulse bundesweit nicht zu erwarten. Zugleich liefert die Lohnentwicklung hierzulande aufgrund der ökonomischen Stellung Deutschlands den Standard der Lohnentwicklung im Euroland insgesamt, so dass auch hier kein Inflationsdruck erzeugt werden dürfte.

Derartige Impulse können sich allerdings durch eine Abwertung des Euro ergeben, da die importierten Güter teurer werden. Doch auch diese Tendenz ist bislang nicht besorgniserregend, da die Importquote für den Eurowährungsraum insgesamt relativ gering ist und die Handelströme vorrangig zwischen den Mitgliedsländern fließen. Außerdem deutet nichts darauf hin, dass die so angestoßenen leichten Preiserhöhungen in eine Lohn-Preis-Spirale einmünden, da - wie gesagt - die Lohnpolitik produktivitätsorientiert ist.

Das Absurde ist, dass die EZB gleichwohl den Abwärtstrend des Euro nicht einfach ignorieren kann. Zwar hat der schwache Euro dem Eurowährungsraum einen Exportboom beschert, der die gegenwärtige konjunkturelle Belebung mitträgt, jedoch birgt ein weiterhin schwächelnder Euro ein erhebliches Gefahrenpotenzial. Beispielsweise kann nicht ausgeschlossen werden, dass aufgrund einer zufälligen Begebenheit ein ohnehin angekratztes Vertrauen zusammenbricht und massive Portfolioumschichtungen zu Lasten des Euro auslöst. Dass solche Prozesse selbst in hochentwickelten Ökonomien nicht auszuschließen sind, zeigen die gravierenden Dollarkrisen 1978/79 und 1986/87. Hinzu kommt, dass der Euro die Rolle der D-Mark als weltweit wichtigster Reservewährung nach dem US-Dollar übernommen hat, und Reservewährungen von Vertrauensänderungen internationaler Kapitalanleger besonders betroffen sind.

So schmerzlich die Zinserhöhung der EZB ist, so verständlich ist gleichwohl die Angst der Eurobanker vor einer Flucht aus dem Euro, die dann aufgrund der folgenden massiven Abwertung tatsächlich zu einem Inflationsschub führen würde. Ein solches Szenario würde die EZB zu einer harten Hochzinspolitik zwingen, mit allen Konsequenzen für Wachstum und Beschäftigung. Insofern ist die jetzige maßvolle Zinserhöhung der EZB von 0,25 Prozent nachvollziehbar, weil so einerseits Bereitschaft signalisiert wird, Vertrauen in den Euro zu verteidigen, und andererseits nur geringfügige negative Auswirkungen auf das Investitionsverhalten und damit auf die Konjunktur zu erwarten sind.

Triumph der Euro-Skeptiker?

Es gibt selbstverständlich keine Garantie dafür, dass die D-Mark nicht in ein gleiches Dilemma geraten wäre, wie es gerade den Euro belastet. Man denke nur an die Zäsur der Geldpolitik der Deutschen Bundesbank 1981 als Reaktion auf eine Schwächephase der D-Mark, die der Bundesrepublik den bis zu diesem Zeitpunkt schärfsten konjunkturellen Einbruch bescherte. Auch Anfang der Neunziger wurde eine kriselnde D-Mark mit einer Hochzinspolitik bekämpft, an deren Auswirkungen wir noch heute leiden. Die aktuellen Probleme des Euro haben indes tiefere Ursachen.

Durch die Beseitigung des Bretton-Woods-Systems und die bald darauf forcierten Liberalisierungen und Deregulierungen der Kapitalmärkte haben sich die Unsicherheiten deutlich erhöht. Dieser Prozess war eine bewusste politische Entscheidung - kein irgendwie geartetes Naturgesetz. Da sich die westlichen Länder, unabhängig davon, ob ihre Währung stark oder schwach war, dem illusionären Wunsch nach größerer wirtschaftspolitischer Autonomie hingaben, brach mit der Deregulierung des Kapitalverkehrs auch das System fester Wechselkurse zusammen. Seit 1973 befindet sich die Weltwirtschaft in der ungünstigsten aller Konstellationen, da deregulierter Kapitalverkehr und flexible Wechselkurse ein instabiles System bilden. Die Erwartungen internationaler Anleger haben ihr stabilisierendes Korsett verloren. Jeder Vermögensbesitzer muss auf der Hut sein, nicht von unerwarteten Abwertungen überrascht zu werden. Das führt zu sensiblen Reaktionen auf alle Symptome möglicher Wechselkursänderungen und eröffnet ein breites Feld spekulativer Aktivitäten.

Insofern steht fest, mit ökonomischen Fundamentaldaten wie Inflationsraten oder Leistungsbilanzsalden kann die Schwäche des Euro nicht erklärt werden. Von Analysten werden dann auch im Zweifelsfall dubiose Faktoren wie die Verkrustung der europäischen Arbeitsmärkte, ein unliebsames Steuersystem oder die Spendenaffäre im Eurokernland Deutschland als Ursachen genannt. Die Begründungen für Währungsschwächen und -stärken werden so zu einem Großteil wirtschaftspolitisch instrumentell verwandt. Um ein anderes Beispiel zu nennen: Wird die Dollarstärke in der ersten Hälfte der Achtziger auf die gigantischen Budgetdefizite mit ihren zinssteigernden Wirkungen zurückgeführt, so begründen weitaus geringere Budgetdefizite in Europa eine Euroschwäche. Kurz: Erwartungen lassen sich nicht allgemein theoretisch bestimmen, sondern sind jeweils nur spezifisch historisch erklärbar. Die USA gelten derzeit als Zukunftsmodell des modernen Kapitalismus. Dies macht den Dollar stark. Europa gilt bei internationalen Anlegern als Modell der gusseisernen Zeit. Das macht den Euro schwach. So beliebig solche Urteile sind, so schnell können sie sich auch ändern.

Platzt die Börsenblase in den USA?

Die Verfassung der Weltwirtschaft ist alles andere als stabil. Japan und Europa realisieren hohe Leistungsbilanzüberschüsse, die sich vor allem in den USA als Defizite niederschlagen. 1999 betrugen die Defizite der USA rund 300 Milliarden Dollar, also eine gigantische Größenordnung. Es ist nicht auszuschließen, dass diese hohen Defizite das Vertrauen in die US-Währung ebenso untergraben, wie dies in Südostasien geschehen ist. Besorgniserregend ist zudem die Börsenblase in den USA, die - wenn sie platzt - zu einem simultanen Börsen- und Dollarabsturz führen könnte, wie ihn die USA 1987 schon einmal erleben mussten. Im Gegenzug wäre die Euroschwäche schlagartig vorbei - trotz vermeintlich verkrusteter Arbeitsmärkte und Sozialversicherungssysteme. Eine plötzlich auftretende Stärke des Euro ist freilich ebenso wenig wünschenswert wie seine momentane Schwäche. Alle abrupten Veränderungen erhöhen die ökonomischen Unsicherheiten, führen üblicherweise zu Zinserhöhungen und belasten so das Wachstum und die Beschäftigung. Aber solange die zentralen Währungen der Welt durch flexible Wechselkurse und deregulierten Kapitalverkehr verbunden sind und zugleich die Bereitschaft zu kooperativer Geldpolitik fehlt, werden massive Kursschwankungen mit großen Verlusten nicht zu vermeiden sein.

Heute ist der Euro schwach, morgen ist er vielleicht schon stark. Dass Zentralbanken auf die jeweilige Situation immer nur unbefriedigend reagieren können, kann ihnen nicht vorgeworfen werden, solange sie sich in dem derzeitigen Weltwährungssystem bewegen müssen. Dass sie gleichwohl zuweilen übertreiben, zeigt eindrucksvoll die Geschichte der Deutschen Bundesbank. Die EZB hat sich bisher pragmatischer gezeigt, doch ist eine endgültige Beurteilung noch nicht möglich.

Unsere Autoren lehren an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft, Berlin, beziehungsweise der Fachhochschule für Wirtschaft, Berlin.

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00:00 11.02.2000

Ausgabe 42/2021

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