Müde jubeln die Komparsen

GeschichtsKino 2 Volker Schlöndorffs kraftlose Heldenstory vom "Strajk" in Polen

Schon in der ersten Szene zerstört der Film beim Zuschauer jeden Glauben. Eine Kamerafahrt durch eine Werkshalle, der Blick auf die Schweißnaht geheftet, an deren Ende die Heldin Agnieszka sitzt und immer noch schweißt, während die Kollegen sich rundherum in den Feierabend zerstreuen. Gezeigt werden soll: das Arbeitsethos der tapferen Agnieszka. Zu sehen ist: die lau inszenierte Choreographie von Statisten. Bei den "Kollegen" erkennt man das Stichwort, auf das hin sie ihren vorgezeichneten Weg beschreiten.

Die lustlosen Statisten in Volker Schlöndorffs Strajk sind Symptom einer Entwicklung. Der Geschichtsverarbeitung im deutschen Film haftet eine große Müdigkeit an. Es hat etwas Routiniertes, ja Industrielles, wie die Späher des Eventfernsehens und großen Kinos die Zeit von den Jahren vor Hitler bis zum Ende des Kalten Krieges abgrasen nach Geschichte, die noch nicht erzählt worden ist.

Geschichte erzählen heißt dabei zumeist: Geschichte bebildern. Die Vergangenheit ist kein Material, das etwa wie in der von Schlöndorff verfilmten Blechtrommel künstlerisch gestaltet wird, um historische Wirkweisen sichtbar zu machen. Geschichte soll erlebt werden durch ihre möglichst detailgetreue Nachstellung. Da geht es um Echtheit, selbst wenn im Grunde alles falsch ist: Der Witz von Donnersmarcks Stasi-Drama Das Leben der anderen besteht ja gerade darin, dass mit dem Film und seinem "untergangshaftem" Ernst Politik gemacht wird gegen die scheinbar verfälschenden DDR-Darstellungen in Sonnenallee oder Good bye, Lenin, obwohl Das Leben der anderen von einer Wandlung berichtet, die alles ist - bloß nicht typisch für die DDR.

Mit Strajk wollte Schlöndorff Anna Walentynowicz, der Kranführerin auf der Danziger Lenin-Werft, "ein Denkmal setzen". Die heute 77-jährige Frau entzog sich dieser Umarmung und drohte anfangs sogar mit Anwälten, was von einem feinen Gespür zeugt. Dafür, dass die eigene Geschichte in einer "Ballade nach historischen Ereignissen" so der Untertitel, mit einer "Heldin wider Willen", so der Arbeitstitel, schwerlich zu ihrem Recht kommen kann.

Das Hin und Her zwischen der Anlehnung an die Fakten und dem Weiterdrehen ins Fiktive endet in Mimikry. So hat Katharina Thalbachs Agnieszka im Film einen Sohn - Vater ist natürlich der Parteisekretär aus der Werft -, der den durch das politische Engagement seiner Mutter gefährdeten Studienplatz retten will, indem er sich freiwillig zur Armee meldet. Das hat der tatsächliche Sohn von Anna Walentynowicz nie getan. Aber die Verknüpfung von Geschichte und Film giert nach Personalisierung, was man in jedem Fernsehzweiteiler beobachten kann, wo der Welten Lauf zwangsläufig eine Ménage à trois queren muss. Damit wird zwar im künstlerischen Sinne verdichtet, die historischen Prozesse aber reduzieren sich auf die Kraft des einzelnen - ein Muster, das die amerikanischen Biopics lehren.

War in Schlöndorffs Böll-Verfilmung Die verlorene Ehre der Katharina Blum das Private noch politisch, ist das Politische in Strajk entweder privat (Parteisekretär-Vater) oder beides wird inszenatorisch fein säuberlich getrennt. Erst schlägt das Herz hoch, dann die Faust. Die allein erziehende Agnieszka verliebt sich zaghaft in einen hilfsbereiten Trompeter (Dominique Horwitz), der dankenswerterweise bereits kurz nach der Trauung stirbt. Damit ist der Weg frei für das politische Engagement der Protagonistin, deren Entlassung aus der Werft in Danzig zu den Protesten und der Gründung einer freien Gewerkschaft führt. Inszeniert hat Schlöndorff den Vorgang als Rührstück: Wie bei einem Déjà-vu muss auch hier die Überbringerin der schlechten Nachricht, eine Sekretärin, mit der Heldin fraternisieren und darüber in Tränen ausbrechen - ganz so, als habe sie bereits den Film gesehen, in dem sie selber mitspielt.

Strajk endet mit dem ersten großen Erfolg der frisch formierten Gewerkschaft. Um folgende Ungerechtigkeiten, heißt es im Epilog der alten Frau am Meer lapidar, sollen sich andere kümmern. Schlöndorff hat es sich bequem gemacht mit der kraftlosen Inszenierung einer utopischen Idylle. Weder der Konflikt zwischen Walentynowicz und Lech Walesa, bei dem es um das Verhältnis zur Macht geht, noch der später verhängte Kriegszustand stören die naive Erzählung von guter Rebellion. Was bleibt in Strajk von einer erregenden Zeit, ist lascher Komparsenjubel.


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00:00 09.03.2007

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