Mütter und Söhne

Venedig Das älteste Filmfestival der Welt ist für Überraschungen zu haben. Dieses Mal schlug ein Superbösewicht zu

Am Ende gewann der Film, der am meisten erwartet wurde, mit dem aber die wenigsten wirklich gerechnet hatten: Joker. Darin ergründet Todd Phillips die kranke Seele von Arthur Fleck, bevor der als Chaos-Clown dem dunklen Rächer Batman das Leben schwer macht. Dass die Geschichte aus dem DC-Kosmos im Wettbewerb auf dem Lido lief, war schon eine Überraschung. Dass der Film schließlich von der Jury um die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Löwen, geadelt wurde: eine kleine Sensation.

Aber verdient allemal. Denn Phillips beschwört ohne Superhelden-Tamtam eine düstere Welt im Klassenkampf, stellt gekonnt Bezüge zu populistischen Mechanismen her und macht seinen Joker so zu einem brandaktuellen Film. Und Ausnahmeschauspieler Joaquin Phoenix befreit sich mit morbidem Spiel aus dem Windschatten der geschichtsträchtigen Vorbilder Jack Nicholson und Heath Ledger; sein falsches Lachen als Arthur Fleck wird noch Filmgeschichte schreiben.

In seiner 76. Auflage wurde das älteste Filmfestival der Welt mithin den eigenen Ansprüchen gerecht: als Ort, der das Kino als Kunstform feierte, ohne sich den großen Produktionen zu verschließen. Festivalchef Alberto Barbera bewies erneut ein glückliches Händchen dabei, dem Ruf des Festivals als Oscar-Sprungbrett nachzukommen.

Brad Pitt ist zum Beispiel ein Kandidat, der in der kommenden Oscar-Saison gehandelt werden könnte. In James Grays Science-Fiction-Thriller Ad Astra spielt er einen Astronauten, der sich in naher Zukunft auf die Suche nach dem verschollenen Vater macht. Obwohl der Film teils eher wie eine schale Fusion aus Gravity und Interstellar wirkt, könnte Pitts nuanciertes, zurückhaltendes Spiel ihn auf die Listen der Academy-Awards bringen.

Dasselbe gilt für Scarlett Johansson und Adam Driver, die in Noah Baumbachs Marriage Story über ein Ehepaar am Abgrund grandios aufspielen. Baumbach beweist sein Gespür für Zwischenmenschliches und erzählt die Geschichte mit zartem Humor, der durch pointierte Überzeichnungen auch ins Satirische kippt.

Purer Zündstoff war dagegen die Einladung von Roman Polanski (der Freitag 36/2019). Der durfte seinen Spionagethriller J’accuse präsentieren, obwohl er wegen der mutmaßlichen Vergewaltigung einer Minderjährigen im Jahr 1977 in weiten Filmkreisen zur Persona non grata erklärt worden ist. Doch sein dicht inszenierter Film über die Geschichte des unschuldig verurteilten Offiziers Alfred Dreyfus kam beim Publikum in Venedig ausgesprochen gut an und entfachte eine Diskussion über das Verhältnis von Kunst und Urheber: Lässt sich das Werk überhaupt getrennt betrachten? Dass der Film am Ende mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, wirkt wie eine implizite Aufforderung genau dazu.

Grenzenlose Begierde

So war Venedig 2019 ein Festival der Emotionen und Diskussionen, dem der Spagat gelang. Mit dem Regiepreis für Roy Andersson für sein Bilderbuch About Endlessness und dem Darstellerpreis für Luca Marinelli in Pietro Marcellos Martin Eden wurde am Ende explizit das künstlerisch ambitionierte Kino honoriert. Der Schwede Andersson erzählt in About Endlessness wie schon in Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach, für den er 2014 den Goldenen Löwen bekam, in streng kadrierten Tableaus mit lakonischem Humor von der Absurdität unserer Existenz. Der italienische Regisseur Pietro Marcello übertrug in Martin Eden den autobiografischen Roman von Jack London ins Neapel des 20. Jahrhunderts und lässt Marinelli darin als überall aneckenden Autor einen widersprüchlichen Charme entwickeln

Leer ging leider Pablo Larraíns hoch gehandelter Film Ema aus, ein audiovisueller Rausch über eine Tänzerin im heutigen Santiago de Chile, die den abgegebenen Adoptivsohn zurückholen möchte. Mit Musicalanleihen verhandelt der Film Muttergefühle, grenzenlose (körperliche) Begierden und das Korsett der Institution Familie.

Überhaupt war es das Festival der Mütter und Söhne, vor allem in der Nachwuchsreihe Orizzonti. Fulminant etwa Rodrigo Sorogoyens Madre über eine Mutter, die in einem Teenager den vor Jahren verschollenen Sohn zu erkennen meint – eine komplexe, in langen Einstellungen fotografierte Reflexion über das Unüberwindbare und eine außergewöhnliche Liebesgeschichte. Die Französin Jessica Palud erzählte in ihrem leisen Drama Revenir von einem Sohn, der nach Hause kommt, als die Mutter im Sterben liegt. Auch der einzige deutsche Festivalbeitrag, Katrin Gebbes Pelikanblut, erzählt die Geschichte einer Mutter: Da holt sich Nina Hoss mit einem neuen Adoptivkind einen kleinen Teufel ins Haus. Der Film ist gewissermaßen das düstere Gegenstück zu Nora Fingerscheidts Systemsprenger, ein spannendes Psychogramm mit Horrorelementen, das zum Schluss unnötigerweise ins Okkulte kippt.

Am Ende eines Filmfestival sind es einzelne Szenen, die sich einbrennen und zu einer montagehaften Rückschau verschmelzen. Unvergessen bleibt die beinahe in Zeitlupe mehr schwebende als springende Katze aus Yonfans No. 7 Cherry Lane. Dass der Animationsfilm den Drehbuchpreis erhielt, ist eine wunderbare und wunderbar selbstreferenzielle Würdigung der Filmkunst. Denn Yonfan erzählt am Rande der 1967er-Proteste in Hongkong von einem Studenten, der einer Tochter Nachhilfe gibt und mit der Mutter Filmklassiker im Kino anschaut. Die schwer einzuordnende, völlig entschleunigte Meditation über die Zeit ist zugleich eine Liebeserklärung an Hongkong und an das Kino.

06:00 14.09.2019
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