Muscle-Shirts zu Rollkragenpullovern

Musik Nach dem Event-Pop-Spektakel: St. Vincents sechstes Album „Daddy’s Home“ klingt nach dem New York der 1970er
Als sie den Vater aus dem Gefängnis abholt, gibt sie Autogramme. Aber da ist mehr
Als sie den Vater aus dem Gefängnis abholt, gibt sie Autogramme. Aber da ist mehr

Foto: imago/Brigani-Art

Ein Fan der Band Steely Dan zu sein: Das ist kein Verbrechen. An der Börse herumzugaunern hingegen: Das ist sehr wohl ein Verbrechen. Daddy’s Home handelt von beidem. Es ist das sechste Album der Musikerin St. Vincent aus New York und zugleich das erste, mit dem sie sich als Anhängerin der legendär guten (und legendär uncoolen) Jazz-, Soft-, Funk- und Poprock-Veteranen zu erkennen gibt. Es ist außerdem das erste, seit ihr Vater 2019 aus dem Gefängnis entlassen wurde. Zehn Jahre hatte er eingesessen, es ging um Betrug im Wert von 43 Millionen US-Dollar. Nun kommt der Mann nach Hause zu einer Tochter, die im Verlauf derselben zehn Jahre Karriere gemacht hat.

St. Vincent heißt eigentlich Annie Clark und kommt aus Texas. Was dort mit einer schulischen Außenseiterlaufbahn als Metal-Fan begann, hat sich zu jener Art von Erfolgsgeschichte ausgewachsen, die an sich für Disney-Karrierekinder wie Justin Timberlake oder Miley Cyrus bestimmt ist. Clark gilt als Gitarrengöttin, ihr viertes Album St. Vincent wurde 2015 mit einem Grammy für die beste Alternative-Platte ausgezeichnet. Seitdem sind Produzentinnen- und Modeljobs hinzugekommen, Regiearbeiten, schauspielerische Kurzauftritte und eine anderthalbjährige Celebrity-Beziehung mit Cara Delevingne.

Sie löst Gagas Versprechen ein

St. Vincent ist nicht Lady Gaga, aber ihr 2017er-Album Masseduction war die Art von Event-Pop-Spektakel, das Gaga immer versprochen hatte, ohne es je ganz einlösen zu können. Kunstbeflissene Konzepte und Trashfaktor stießen aufeinander, die Musik klang ebenso plastikverkleidet wie Clarks Kostüme aussahen. Die Tour zur Platte absolvierte die Musikerin mit Mikrofon und Gitarre – alles andere kam nicht mehr von einer Band, sondern vom Band. Künstlerinnen machen solche Sachen, wenn sie gelangweilt sind vom eigenen Indierockstar-Status und vielleicht auch dann, wenn der Alternative-Grammy nicht mehr reicht. Daddy’s Home kann man als Gegenreaktion auf diese Phase der Künstlichkeit verstehen.

Alles ist diesmal: Musik. Mit richtigen Instrumenten, die von richtigen Händen gespielt werden, mit einem ganzen Fuhrpark aus Wurlitzer-, Rhodes- und Hammond-Orgeln, mit Bläsern, Streichern, Chorgesang und sogar E-Gitarren, die wieder nach E-Gitarren klingen. Das ist der Steely-Dan-Einfluss auf Daddy’s Home. Muscle-Shirts werden zu Rollkragenpullis, wenn Clark im Titelstück des Albums zu abgezockten E-Piano-Akkorden darüber singt, wie sie ihren Vater aus dem Gefängnis abholte und Autogramme im Besuchsraum schrieb. Ihr immer schon wandelbarer Gesang erklingt passenderweise völlig entfesselt: Sie faucht, sie gurgelt und lässt sich während eines besonders schwülen Gitarrensolos sogar zu einem wunderbar muckermäßigen „Yeah!“ hinreißen.

Die Rezeption von Daddy’s Home konzentrierte sich vorab allzu unverhältnismäßig auf diesen Song und seine unwiderstehliche Geschichte. Mindestens ebenso prägend war jedoch jenes New York der 70er-Jahre, das Clark aus Erzählungen von und über die Schauspielerin Candy Darling kennt, aus Filmen von John Cassavetes und Songs von Stevie Wonder, Sly Stone oder Lou Reed. Dreckig, aber funky, niemals einladend und doch verführerisch: So stellt man sich diese Stadt vor, und so klingt auch Daddy’s Home. Dass Clark daraus keinen Katastrophentourismus schöpft, sondern gegenwärtige Popsongs, stellt sie mit ihrem Talent als Songwriterin, Musikerin und Arrangeurin sicher.

Man könnte also auch uncool sein und sagen: mit Steely-Dan-Methoden.

Daddy’s Home St. Vincent Caroline 2021

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