Nach der Ehe

41. Duisburger Filmwoche Sie wohnt oben, er unten: Ivette Löckers Familienfilm „Was uns bindet“ ragt aus dem Festival heraus

Ivette Löcker stellt sich in Was uns bindet mit einem so grotesken wie beklemmenden Selbstporträt vor: Ihr Gesicht, das die Kamera vom Boden aus frontal kadriert, liegt eingezwängt im Kopfteil einer Massageliege. Auf die Ursache für ihre Verspannungen angesprochen erklärt sie: „Ich komm ja jetzt wieder öfter in den Lungau.“

Der Lungau, ein Bezirk im Südosten des Bundeslands Salzburg, in dem die in Berlin lebende Filmemacherin aufwuchs und die Eltern bis heute leben, bezeichnet mehr als einen Ort. Das Wort ruft ein ganzes Knäuel an ambivalenten Gefühlen auf: Kindheitserinnerungen, die eigene Ablösungsgeschichte und ein irgendwann eingerichtetes Distanzverhältnis, das sich als doch nicht ganz so sortiert und abgeschlossen herausstellt. Denn als die Eltern den drei Töchtern ihre beiden Häuser überschreiben und die Begutachtung des Erbes zu vermehrten Besuchen im „Lungau“ führt, ist Löcker plötzlich wieder mittendrin.

Was uns bindet – eine der herausragenden Arbeiten der 41. Duisburger Filmwoche, die den Film in der deutschen Erstaufführung zeigte – ist der produktive Versuch, das prekäre familiäre Gefüge (und die eigene Verstrickung darin) filmisch in den Blick zu bekommen und zu ordnen. Ähnlich präzise, unsentimental und erschütternd ist das nur Peter Liechti mit Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern (2013) gelungen. Löckers Position ist eine der teilnehmenden Beobachtung, dabei durchmisst die Kamera das gesamte Spektrum zwischen Nähe und Distanz. Von den intimisierenden Unmittelbarkeitseffekten des home movie könnte Was uns bindet also kaum weiter entfernt sein. Wenn Löcker ihre Eltern zur Befragung etwa nebeneinander auf die Kücheneckbank setzt (unter gerahmte Fotos der Häuser und Kinder), dann hat diese Anordnung etwas Bühnenhaftes.

Seit Löckers Eltern sich vor 18 Jahren getrennt haben, leben sie noch immer unter einem Dach: sie oben, er unten, im Keller. Was auf den ersten Blick nach einem unkonventionellen, vielleicht sogar ganz schönen Beziehungsmodell klingt, erweist sich schnell als furchtbar trauriges Arrangement. Die Beziehung der Eltern ist ein Theater der Wiederholung, jedes Aufeinandertreffen führt zur reflexhaften Reproduktion der immer gleichen Rollenmuster (er: dickschädelig, grob offensiv, sie: passiv-aggressiv, „leidig“, vielleicht auch einfach depressiv, mit eher feinen Nadelstichen).

Wurstkochen im Guten

Eine gemeinsame Sprache gibt es ebenso wenig wie geteilte Interessen. Seine Entfremdung, die ihm längst zur Gewohnheit geworden ist, hält ihn freilich nicht davon ab, gelegentlich in ihrer Küche vorbeizuschauen, beispielsweise um sie zu bitten, ihm drei Würste zu kochen – „damit ich irgendwann wieder ein Mittagessen hab.“ Was sie dann auch bereitwillig tut, vielleicht sogar mit einem Anflug von Zärtlichkeit. Obwohl sich der Vater, wie er der filmenden Tochter einmal gesteht, eine neue Partnerschaft wünscht, scheint das halbgetrennte Zusammenleben – einmal fällt das brutale Wort „Krieg“ – unverrückbar.

Hinter der einbetonierten Routine liegt eine geradezu fatalistische Ergebenheit in die Verhältnisse: „Dann hat das Schicksal seinen Lauf genommen.“ Auf die wiederholte Frage, was die Eltern noch binde, heißt es: die Kinder, das Haus. Beides gehört untrennbar zusammen. Das alte Bauernhaus, das sich Löcker mit ihrer Schwester Simone teilen wird – Marlies, die im Film nur über Skype präsent ist, wurde das „moderne“ Elternhaus übertragen –, stellt sich als baufällig heraus. Der Schimmel sitzt tief im Mauerwerk. Auch wenn sich zwischen Haus und Familie unweigerlich allegorische Bezüge auftun, bleibt Löcker in ihrer Beobachtung immer konkret.

Während der Vater versucht, jedes Problem mit sturem Pragmatismus wegzuargumentieren („am Schimmel stirbt niemand“) und die Schwester ihm unwirsch ins Wort fällt, findet sich Löcker in der Rolle der Vermittlerin wieder. Was uns bindet wirft am Rande auch einen Blick auf Geschwisterpositionen und ihre schwer umpolbaren Dynamiken.

Nicht zuletzt ist Ivette Löckers Film das Porträt einer aussterbenden Elterngeneration, die noch dafür gearbeitet und gelebt hat, etwas aufzubauen – um es dann an die Kinder weiterzugeben (wer von „uns“ wird irgendwann schon ein Haus zu vererben haben?). Und tatsächlich führt der Besitz dazu, dass die Familienmitglieder nun öfter „banonda“ (beinander) sind.

Ein Banonda, durch das tiefe Risse geht, das unerlöst bleibt.

06:00 27.12.2017

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