Nachruf auf Hildegard Knef

Nachruf Im Alter von 76 Jahren ist die Schauspielerin, Sängerin und Autorin Hildegard Knef vergangene Woche in Berlin gestorben

Sirene mit trockener Intelligenz

Die stärkste Erinnerung an die Schauspielerin Hildegard Knef bleibt der Auftritt der erst 20-Jährigen in Wolfgang Staudtes Die Mörder sind unter uns (1946), dem ersten deutschen Nachkriegsfilm. Sie spielt darin eine KZ-Überlebende, die sich im zerbombten Berlin mit dem Kriegsheimkehrer Mertens (Ernst Wilhelm Borchert) ein Zimmer teilen muss. Nach anfänglichen Zankereien werden die beiden ein Paar, ihre Liebe wird freilich einer harten Belastungsprobe ausgesetzt. Mertens zerbricht beinahe an der Erkenntnis, dass die verbrecherischen Nazioberen auch in der neuen Gesellschaft wieder die Schaltstellen besetzen, ohne für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Mit diesem Dilemma war er die zentrale Figur, zu der Knef einen kontrastierenden Nebenpart lieferte, der jedoch viel intensiver nachwirkte. In der ruhigen, besonnenen Schönheit ihrer Auftritte bleibt das erlittene Unrecht immer anwesend. Anders als der verbitterte Mann erscheint sie als Frau mit Zukunft, die sich von der Vergangenheit nicht die Lebens- und Liebesfähigkeit nehmen lässt.

Sie sei die Marlene Dietrich des denkenden Mannes, befanden einige über Hildegard Knef. Der Leib einer blonden Sirene beherbergte eine pragmatische Energie, eine trockene Intelligenz sowie die Fähigkeit zu klaren und klugen Formulierungen, die später ihre Autobiografie Der geschenkte Gaul (1970) zu einem Werk literarischen Ranges machte. Knef vertraute in die zerebralen Momente der Erotik, die vielleicht noch verführerischer sein können als kokette Augenaufschläge unter einem verschleierten Hütchen. Dass auch ihr Körper sich sehen lassen konnte, war spätestens mit Die Sünderin von Willi Forst klar, in dem Knef für Sekundenbruchteile nackt zu sehen war. Dieses harmlose Filmchen ist heute nur noch als Beispiel für die Bigotterie Nachkriegsdeutschlands wertvoll. Man zerriss sich das Maul über die angebliche moralische Verfehlung einer Schauspielerin und fand gleichzeitig die Konzentrationslager mit keinem Wort erwähnenswert. Auch Kritiker, die Knefs Auftritte auf Berliner Boulevardbühnen - mit Vorliebe war sie dort als schnippische Dirne besetzt - enthusiastisch gefeiert hatten, zeigten sich nun pikiert. Die schlimmsten Verrisse kamen natürlich von den Kanzeln.

"Mein Leben ist eine einzige Achterbahn", sagte sie einmal selbst über das ewige auf und ab, dass sie in der Gunst des Publikums durchmachte, bevor sie in späteren Jahren "unsere Hilde" wurde, ein allseits geliebter und geachteter Star. Nach dem frühen Triumph Die Mörder sind unter uns und dem Film ohne Titel, für den sie 1948 in Locarno als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde, holte David O. Selznick sie in die USA. Doch als Knef die ihr verordnete Deckbiografie einer Österreicherin namens Gilda Christian ablehnte, die dem Mogul marktfähiger als ihre deutsche Vergangenheit erschien, war die Karriere dort wieder zu Ende bevor sie überhaupt angefangen hatte. Nach dem Aufruhr um Die Sünderin versuchte sie es ein zweites Mal, diesmal mit mehr Erfolg. Doch stets blieb Berlin - da stimmt der auch von ihr gesungene Schlager mit dem Koffer ganz und gar - zentraler Anlaufpunkt. Die 1925 in Ulm geborene Knef kam schon als Kind in die Hauptstadt und machte dort bei der UFA eine Ausbildung zur Trickzeichnerin, bevor sie auf die Bühnen der Unterhaltungsindustrie wechselte. Seit 1996 lebte sie wieder endgültig dort. Nachdem sie in den Sechzigern an Krebs erkrankte und 56 Mal operiert wurde, litt sie in der letzten Zeit an einer Lungenkrankheit, die sie ans Bett fesselte und sie dem Tod bereits mehrmals sehr nahe brachte, wie sie der Bild zu ihrem 76. Geburtstag am 28. Dezember gestand. In der Nacht zum 1. Februar ist Hildegard Knef an einer akuten Lungenentzündung gestorben.
Mathias Heybrock

The greatest singer without a voice

"Das war ein Lied meiner alten Liebe, Cole Porter, nun folgt ein Lied meiner neuen Liebe, John Lennon und Paul McCartney, die beiden gehören zu den Beatles." Mit diesen Worten leitete Hildegard Knef bei einem Konzert 1966 in Hamburg zu einer Version von Yesterday über, wie nur sie sie singen konnte: brüchig, rauchig, mehr gesprochen denn gesungen, mit der Hingabe einer, die "ihr Leben an den Kleiderhaken Mensch gehängt hat. Für Ella Fitzgerald war sie "the greatest singer in the world without a voice".

Die Sängerin Knef wurde von Cole Porter entdeckt, der sie 1954 für die Rolle der Ninotschka in seinem Musical Silk Stockings wollte. "Das kann ich nicht", sagte sie. Er antwortete: "O ja, das können Sie!" Und es folgten 675 Vorstellungen am New Yorker Broadway. In Deutschland begann ihre zweite Karriere als Chansonsängerin 1963 mit der Verfilmung der Dreigroschenoper. Später kamen dann Hits wie Ich brauch kein Venedig, Eins und eins, das macht zwei - und natürlich 1968 Für mich soll´s rote Rosen regnen.

Ausgangspunkt und Thema ihrer Texte war stets Hildegard Knef: "Man sollte über das schreiben, was man kennt", sagte sie einmal. Sie tat es mit einer Direktheit und einer Ironie, wie sie sonst im deutschen Schlager jener Jahre kaum zu finden sind. Ein wunderbares Beispiel ist Von nun an ging´s bergab, eine Autobiografie auf 32 Zeilen, in der sie ihren Aufstieg als Abstieg besingt: "Erst war ich beleidigt, dann war ich verstört / doch dann hat mich einer singen gehört / ich hab ihn gewarnt, doch er sagte ich muss / und damit begann der neue Verdruss."

In einem Interview vor einem Jahr meinte Hildegard Knef rückblickend, dass ihr von all ihren Tätigkeiten Singen die liebste gewesen sei. 1998 erschien ihr letztes Album, 17 Millimeter, insgesamt hat sie über 200 Lieder aufgenommen.
Philipp Anz

Hildegard Knef

Er setzt mich von der Steuer ab

Er hat zwei Büros in Kiel und in Berlin
Und fürs Renomée ´ne Villa im Tessin
Seine Frau verzog nach Monte Carlo jetzt
Wo sie so wie bei ihm auf Zero setzt

    Er setzt mich von der Steuer ab
    Sonst wär´ ich ungeheuer knapp
    Anstatt privat leb´ ich vom Staat
    Wenn ich mir mal ein Nachthemd kauf´
    Dann taucht das als "Diverses" auf
    Macht andere die Steuer arm
    Mich macht die Steuer reich

    Ich hab´ eine schöne Wohnung mit Balkon
    Zur Kontaktaufnahme während der Saison
    Teuere Kleider schreibt er ab für den Kontakt
    Privat bin ich laut Büchern völlig nackt

      Er setzt mich von der Steuer ab
      Sonst wär´ ich ungeheur knapp
      Anstatt privat, leb´ ich vom Staat
      Fährt er mit mir nach Spanien fort
      Bucht er das Lächeln auf Export
      Macht andere die Steuer arm
      Mich macht die Steuer reich

      Nur am Sonntag schließ´ ich mein Kontaktbüro
      Denn da geht er mit den Kindern in den Zoo
      Ich lad´ meine Freundin ein ins "Kolibri"
      Da spielt uns die Kapelle "Sonntags nie"

        Er setzt mich von der Steuer ab
        Sonst wär´ ich ungeheuer knapp
        Anstatt privat leb´ ich vom Staat
        Hängt er mir Klunkern um den Hals
        Geht das auf Werbung allenfalls
        Macht and´re die Steuern arm,
        Mich macht die Steuer reich

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 08.02.2002

Ausgabe 25/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare