Nachtzug

A–Z Bald ist nicht nur der „Nachtzug nach Lissabon“ Legende: Die Deutsche Bahn stellt ihre City Night Lines ein. Unser Lexikon der Woche zum Schlafwagen
Redaktion | Ausgabe 48/2014 2

A

Altphilologe Die Zeit zurückdrehen, alles anders machen und sich einen Traum erfüllen – das wollte der Berner Lateinlehrer Raimund Gregorius und setzte sich in den „Nachtzug nach Lissabon“. Der gleichnamige Roman von Pascal Mercier hat noch einen weiteren Protagonisten: den portugiesischen Arzt und Philosophen Amadeu de Prado. Dieser beziehungsweise dessen Buch fasziniert den Schweizer Pädagogen so sehr, dass er sein Leben hinter sich lässt und sich auf die Spuren des Portugiesen begibt.

Dabei erfährt Gregorius nicht nur, dass Prado schon lange tot ist und zuvor gegen die portugiesische Diktatur gekämpft hatte, sondern auch viel über sich selbst. Die 2004 zuerst veröffentlichte Geschichte wurde in über 30 Sprachen übersetzt und im vergangenen Jahr von Bille August mit Jeremy Irons in der Rolle des umherstreifenden (➝ Lonely Wolf) Altphilologen verfilmt. Katharina Finke

E

Erotik Im City Night Line prickelt es selten wie in Hitchcocks North by Northwest, der Cary Grant im Nachtzug auf eine unwiderstehliche Fremde treffen ließ. Aber manchmal kann öko auch ganz schön sexy sein. Vor einigen Jahren reiste ich nach Italien, um gegen Atomkraft zu demonstrieren. Natürlich umweltfreundlich mit dem Zug, obwohl das Flugzeug billiger und schneller gewesen wäre. Aber ich war nicht der Einzige, der so ökologisch dachte. Das kann verbinden. Im Nachtzug teilte ich das Abteil mit einer sehr sympathischen, hübschen Italienerin. Sie forschte, wie sich herausstellte, zu erneuerbaren Energien und war für ein Auslandssemester in Deutschland. Das Abteil war voll und alle schimpften auf Berlusconi. Nie wieder habe ich mit Zufallsbekanntschaften eine so politische Debatte geführt. Es wurde spät, und einer nach dem anderen verließ den Raum, um sich woanders schlafen zu legen. Am Ende blieben wir zwei. Ein paar Tage später nahm ich die Geschichte in meine Rundmail auf, die ich regelmäßig an Freunde schickte. Mit offenem Ende. Das wurde interessanterweise ganz verschieden interpretiert. Meine Bekanntschaft habe ich nur noch einmal wiedergesehen. Schade. Franz Weis

F

Fulda Warum dauert eine Zugfahrt nachts um Stunden länger als am Tag? Die Züge fahren etwas langsamer, vor allem aber werden auf der Strecke Waggons munter an- und abgehängt. Reisende nach Kopenhagen, Amsterdam oder Prag starten in Basel noch gemeinsam, in Fulda ist dann Schluss. Fulda ist als die Hölle eines jeden (Zweiklassengesellschaft) Schlafwagenreisenden bekannt. In Fulda wird rangiert. Der Bahnhof ist prinzipiell hell erleuchtet und geräuschlos geht hier nichts vonstatten . So mancher Schweiztourist soll hier schon schlaflos gefrustet sein Rüblikuchensouvenirpaket auf einmal verspeist haben. Schafft man es endlich wegzunicken, geht das Ruckelzuckel unter Getöse wieder von vorne los.

In einem Lokführerforum steht, es komme nicht so sehr auf den Bahnhof an. Sondern aufs geübte Händchen der Zugführer und Rangierer. Tobias Prüwer

K

Kosten Sind die Züge unrentabel geworden? Ich frage den Schaffner (➝ Schlafwagenschaffner) auf meiner letzten nächtlichen Fahrt zwischen Berlin und Paris. „Ach was“, sagt er. Die Zahl der Passagiere sei sogar gestiegen. Er mache den Job seit 20 Jahren. „Aber viele Waggons sind heute älter als ich, da stünden jetzt halt Investitionen an.“ Die spart sich die Bahn lieber. „Für die jungen BWLer sieht es eben gut aus, wenn sie auf dem Papier Stellen streichen können“, sagt er achselzuckend; er selbst bleibt verschont, alle 120 Schweizer Kollegen seien gekündigt worden.

Kosten sparen statt zu investieren: Die Bahnmanager betreiben ihr Geschäft so wie die Bundesregierung ihre Wirtschaftspolitik. „Dabei könnte man gerade die Jungen locken, wenn man hier endlich WLAN und Duschen im Abteil anbieten würde“, meint der Schaffner. Ich bin jung, ich brauche im Nachtzug weder WLAN noch Privatdusche. Aber ich bin wütend. Weil ich nun nicht mehr am Fenster liegen, fasziniert in die Dunkelheit starren und mich auf Paris freuen kann. Sebastian Puschner

L

Lonely Wolf Nächtliche Zugfahrten sind ein beliebter Topos in der Literatur und Popkultur. Da ist etwa James Browns Soul-Klassiker NightTrain, der mit dem Ruf „Alle einsteigen!“ beginnt; es folgen 12 Stationen quer durch die USA. Überhaupt Amerika, die Züge und der Blues – das schmerzlich schöne Lonely-Wolf-Prinzip. Einst trabte der Mann auf dem Pferd durch die Prärie, als Versprengter, Suchender. In der Industriemoderne wurde er zum Hobo und blinden Passagier, der sich des Nachts in Güterzüge schmuggelt.

Als Jack Kerouac 1957 On the Road schrieb, meinte er auch die railroads. William T. Vollmann knüpfte 2009 in Hobo Blues. Ein amerikanisches Nachtbild daran an. Ernst Haffner wiederum schickt in seinem Roman Blutsbrüder (1932) den jungen Franz durch die Weimarer Republik: Er verbringt 36 lebensgefährliche Stunden an das Gestänge eines D-Zugs gehängt. Tödlich endet die Reise für einen US-Passagier in Agatha Christies Mord im Orientexpress (1934): Der Mann wird nachts auf der Fahrt durch Kroatien mit zwölf Messerstichen umgebracht. Bei Franz Dobler sitzt aktuell Ein Bulle im Zug (2014); der Beamte fährt planlos mit der Bahncard 100 herum, nachdem er versehentlich einen Jungen erschossen hat. Und Jörg Fauser schrieb 1983 für Achim Reichel den Songtext zu Nachtexpress: „Auch Agenten und Spione brauchen nachts einen Traum.“ Katja Kullmann

M

Mitreisende Den Worst Case stellte ich mir lange so vor: Vier Wandersburschen stolpern mit lautem Hallo und einer ebenso herzhaften Schnapsfahne ins Abteil und entledigen sich ihrer Wanderstiefel. Freunde hatten das so erlebt, die Nacht verbrachten sie dann im Speisewagen (➝ Transsib) und auf dem Gang (➝ Zweiklassengesellschaft). Ich selbst traf nur auf wohlerzogene Kinder mit großen Kopfhörern und japanische Touristinnen, die vor Höflichkeit kaum atmeten. Bis wir im März an Bord des City Night Line von Paris nach Hamburg stiegen.

Die Liegen waren bezogen, der Zug kam ins Rollen, da stellte sich heraus, dass die Dame rechts unten einen Hund ins Abteil geschmuggelt hatte. Er war wirklich lieb, wie sie beteuerte, aber auch zahnlos, steinalt und stank bestialisch. Dass sie deshalb Parfüm versprühte, machte es nicht besser, dass sie selbst nicht lieb war und die kommenden vier Stunden am Telefon über ihren Ex-Mann schimpfte, die Sache komplett. Beinah. Denn kurz vor der Grenze stieg sie aus, um zu rauchen. Zurück im Zug irrte sie sich in der Tür. Ihr Hämmern alarmierte die Lehrerin der dahinter nächtigenden Schüler, die rief den Schaffner, der die Polizei und bis zur nächsten Station war von Madames Bett dann wirklich nur noch das leise „pfff, pfff“ ihres Parfümzerstäubers zu vernehmen. Im Nachhinein wäre es eine lustige Geschichte, wäre die Polizei in dieser Nacht nicht noch einmal gekommen. Um sechs syrische Flüchtlinge aus dem Zug zu holen. Danach war es totenstill. Christine Käppeler

P

Protest Am Berliner Hauptbahnhof verteilt dieser Tage ein Mann schwarze Flyer: „Alle reden von Europa. Die Bahn nicht.“ In Anlehnung an den alten Wetterslogan der Bahn macht er darauf aufmerksam, dass der Nachtzug Perseus nach Paris am 11. Dezember „letztmalig verkehrt“. Die eintrudelnden Fahrgäste wissen das alle, genau deshalb fahren sie ja noch mal. Bitter. In Kopenhagen ließ man den Nachtzugfans nicht so viel Zeit. Trotzdem bereiteten sie Anfang November dem letzten einen hoffnungsfrohen Abschied mit Night Train von James Brown (➝ Lonely Wolf) und Flashmob samt Übergabe von Unterschriftenlisten.

Eines haben die Proteste erreicht: am 14. Januar steht eine öffentliche Anhörung zur Zukunft der Nacht- und Autozüge im Bundestagsausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur an. Ulrike Bewer

S

Schlafwagenschaffner „Sie hätten einmal die Atmosphäre in diesen Zügen erleben sollen, als es noch Barwagen gab“, schwärmte ein Schaffner kürzlich in der Zeit. „Da feierte Gott und die Welt.“ Die Trinkabteile sind leider schon länger abgeschafft (➝ Transsib). Als „Zugbegleiter/innen in Schlaf- oder Liegewagen in Nachtzügen“, so die offizielle Bezeichnung, kann man dennoch viel erleben.

Mit „Grand Tour oder Die Nacht der Großen Complication“ hat Steffen Kopetzky 2002 einen ganzen Roman um die Erlebnisse eines Schlafwagenschaffners gewebt. Der Autor arbeitete selbst eineinhalb Jahre lang als solcher, im Buch rollt er auf einem seiner zwei Hauptschienenstränge das Leben des Schaffners Leo Pardell aus. Auf rund 750 Seiten ist zu erfahren, wie dieser wurde, wer er ist. Architekturstudent Leo sollte zum Praktikum nach Argentinien, saß Betrügern auf und jobbt nun des nachts auf Europas Schienen, während er der Familie das erfolgreiche Leben in Buenos Aires vorgaukelt. Weichen und Prellböcke markieren seinen Weg. Begegnungen, verpasste Gelegenheiten und Paralellstränge wechseln sich ab wie die Landschaften. Ein Stationenroman für Menschen mit Langmut. Der wichtigsten Eigenschaft des Schlafwagenschaffners überhaupt. Tobias Prüwer

T

Transsib Aus der Hochkultur des Nachtzugreisens hat sich Deutschland spätestens 1969 verabschiedet, als die Überreste des Orientexpress mit Halt in Stuttgart und München vom Fern- zum D-Zug herabgestuft wurden. Blicken wir also endlich mal wieder nicht besorgt, sondern bewundernd nach Russland: Die Königin der Nachtzüge ist – und bleibt! – die Transsibirische Eisenbahn. Wo alle Passagiere zum Bettzeug Zahnbürste und Pantoffeln gereicht bekommen. Wo am Waggonende die kleine Teeküche selbst zur dunkelsten Stunde nicht kalt wird. Und wo über die schnarchende Zweckgemeinschaft (➝ Mitreisende) eine Schaffnerin wacht, die auch jedes Schullandheim locker im Griff hätte. Michael Ebmeyer

Z

Zweiklassengesellschaft Über ein halbes Jahr hinweg fuhr ich einmal so oft wie möglich von München nach Paris, wo meine Freundin ein Erasmussemester verbrachte und unsere Tochter in den Kindergarten ging. Ein Bett im Liegewagen gab unser Portemonnaie nicht her, Flüge waren im Umweltbudget nicht drin. Sitzplätze im Nachtzug aber waren teils unfassbar günstig, mein Rekord liegt bei 40 Euro für Hin- und Rückfahrt.

Ich teilte das Abteil mit anderen, die wenig Geld hatten: rumänische Arbeitsmigranten, Studierende auf Europareise, Rentner in abgewetzten Mänteln. Der billige Sitzwagen war naturgemäß viel existenzieller als der teure Liegewagen: Schaffner warnten vor Dieben und die speckigen, harten, nicht verstellbaren Sitze im Rücken erinnerten mich jede Minute daran, dass ich mich auf einer langen, beschwerlichen Reise befand, deren Zweck es aber auch rechtfertigte, morgens völlig übermüdet und verrenkt vom Münchner Hauptbahnhof direkt in die dortige Journalistenschule zu hetzen. Und dann gab es ja noch die echten Glücksmomente eines Sitzwagenfahrers: Dann nämlich, wenn man im Abteil höchstens zu zweit war und seinen Körper über drei Sitze ausgestreckt hinlegen konnte. Sebastian Puschner

06:00 10.12.2014

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