Natürlich Vollkorn

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Donnerstag ist Markt. Er wünscht sich Leberwurst im Glas, sie einen Rollmops aus der Löcknitz. Oder lieber Lachs von weiter her? Ham wa alles, bitteschön junge Frau. Darf´s ein bisschen mehr sein? fragt einen ja heutzutage keiner mehr. Der Öko-Markt ist ein beliebter Ort für Mütter mit Kinderwagen. Sie stehen vor den Ständen und schwatzen, die Kleinen, sofern sie schon laufen können, stehen auf dem Treppchen vor dem Wagen, in dem die guten Waffeln hergestellt werden. Natürlich Vollkorn! Aber mit Zucker, Marmelade oder Nusscreme, ganz nach Belieben. Iss doch noch -, ich will nicht mehr, das Kind schiebt den Rest weg, flugs hat ihn sich seine Mutter einverleibt. Die sind wirklich lecker, sagt meine Freundin und leckt sich die Lippen. Die Schokoladencreme klebt ihr am Kinn. Ich bleibe bei meiner alten einfältigen Variante: mit Apfelmus, ohne Zucker.

Die Frau an meinem Gemüsestand hat ein rotbäckiges Gesicht. Sie sieht aus wie ihre Ware: gesund und frisch. Vergnügt packt sie mir Schwarzwurzeln, sandige Mohrrüben, Porree und den schwarzen Rettich auf die Waage. Davon kann es ruhig ein bisschen mehr sein! Mit klammen Fingern rechnet sie auf der Tüte die Summe aus. Wie früher. Ohne Kasse oder Code. Ich warte geduldig. Denn sie ist meine Gemüsefrau, auch wenn ich schon Feldsalat bei dem jungen Mann mit den Senfgurken oder am Stand mit den Wurstgläsern gekauft habe. Sie ist mir die Liebste - das ist nun mal so. So ein Markt ist eine Augenweide, im Sommer wie im Winter. Nimm dir die Zeit, es muss ein bisschen mehr sein, sagt Pia. Oder wüsstest du sonst, was Portulak ist, oder wie köstlich Wels schmeckt? Nein. Ich hätte nicht die blauen Ohrringe, und sie nicht ihren Seidennicki. Und wir hätten noch nie beim Holunderpunsch den Vorzug von Mangold gegenüber Spinat erörtert und der Frau mit dem Filzhut beim Spinnen zugesehen. So viele Herrlichkeiten zwischen Anfang und Ende der kleinen abgesperrten Straße, so viele Überraschungen!

Letztens also der Pfannkuchen. Ein halbes Hanfbrot und einen Pfannkuchen ohne Kokos obendrauf, bitte. Gleich neben Käthe, dem Denkmal, stellte ich meine Taschen ab und aß. Der erste Biss, und: Der ist ja grau innen! Vollkorn natürlich. Ich kaute und schmeckte irritiert. Keine Schmälerung des Genusses, aber dieser Anblick! Grau unter der Kruste. Doch dann kam die Marmelade, und spätestens da war alles in Ordnung mit meiner neuesten Entdeckung gesunder Lebensweise. Immer donnerstags!

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00:00 11.05.2001

Ausgabe 41/2021

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