Nicht einfach nur ein Baum

A-Z Bäume In Rostock-Lichtenhagen fällten Linke eine "Friedenseiche", weil sie ein Symbol für Deutschtümelei sei. Was Menschen noch so alles in Bäumen sehen, verrät unser Lexikon
Nicht einfach nur ein Baum
Die Hyäne soll schuld sein, dass der Affenbrotbaum so aussieht, wie er aussieht

Foto: Antitesi / istockphoto

A

Affenbrotbaum Er ist ein legendärer Baum Afrikas. Ihm werden heilende Kräfte zugesprochen, er ist Sitz der Götter und Symbol für das Paradies. Mit der gedrungenen Gestalt, einer ausladenden Krone und langstielig herunterhängenden wachs-weißen Blüten ist diese Malvenart ein charakteristisches Gewächs der Savanne. Das Fruchtfleisch kann zu Bier vergoren werden, und vom Hemd bis zur Hütte lässt sich aus den Fasern vielerlei anfertigen. Schön ist auch seine Entstehungsgeschichte: Als sich nach der Schöpfung der Welt die Hyäne das erste Mal selbst in einem Wasserloch erblickte, erkannte sie ihre Hässlichkeit. Aus Wut schleuderte sie Gott einen Affenbrotbaum entgegen. Der Baum stieg gen Himmel und blieb nach seinem Fall verkehrt herum im Boden stecken – so wurden die Wurzeln zur Krone. Tobias Prüwer

E

Erkenntnis Mit dem Mundraub am Baum der Erkenntnis im Paradiesgarten ging es mit der Menschheit steil bergab. Das glauben jedenfalls diejenigen, die daran glauben. Die Schlange versprach dem Urpaar Adam und Eva, durch den Biss in den Apfel allwissend, also im Grunde Gott zu werden. Stattdessen wurden sie Mensch; ein gemeiner Betrug. Einige tragen bis heute schwer an diesem Fehlstart. Zum Beispiel Heinrich von Kleist, der Stotterer mit den Lindwurmsätzen. Er steckte Goethe und Schiller als Dramatiker zehnmal in die Tasche, konnte es aber nicht so rüberbringen. In seinem berühmten Essay Über das Marionettentheater beschrieb er, was die Menschheit aus ihrem vermaledeiten Menschsein herausholen könnte: einfach noch mal vom Baum der Erkenntnis essen – „um in den Stand der Unschuld zurückzufallen.“ Alles wieder zurück auf Anfang also. Doch wo steht dieser Baum? Das hat Kleist leider nicht geschrieben. Mark Stöhr

Eiche Wir müssen der „AG antifaschistischer Fuchsschwanz“ dankbar sein. Denn dadurch, dass dieser Zusammenschluss der politisch korrekten Grünpflanzenkontrolleure die „Friedenseiche“ vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen zwei Tage nachdem sie gepflanzt worden war, wieder absägte, wies die AG auf etwas Wichtiges hin: Ein Baum ist nicht einfach nur ein Baum – und eine Eiche schon mal gar nicht. Neben der ➝ Linde ist die Eiche der Deutschen liebster Baum. Sie soll Standfestigkeit symbolisieren, weswegen Politiker gern eine pflanzen. Das war in der NS-Zeit besonders beliebt, kam davor und danach aber durchaus auch vor. Das Fällen einer Eiche politisch zu instrumentalisieren, ist ebenfalls keine neue Erscheinung (➝ Germanen-Missionierung). Auf eine Frage hat die AG aber keine Antwort gegeben: Gibt es eine Kollektivschuld bei Bäumen – oder müssen im ideologischen Blätterkampf auch Unschuldige dran glauben? Jan Pfaff

F

Freund In den achtziger Jahren war Konstantin Wecker ein Baum. Er stand in der vordersten Reihe eines Waldes, sah die Sägen und Bagger kommen und wünschte sich: „I möcht Füaß ham zum Renna/ an Mund ham zum Schrein/ ned festgwurzelt sei/ i möcht mi befrein.“ So ein singender Baum ist heute – auch wenn Wecker das Lied noch vor zwei Jahren auf dem Stuttgarter Schlossplatz sang – eher schwierig, man könnte auch sagen: furchtbarer Kitsch. Damals aber war das Protestlied ein Wipfelstürmer. Der eigentliche Evergreen zur Mensch-Baum-Symbiose stammt allerdings von der Chansonette Alexandra. Kurz vor ihrem Tod sang sie ihre Ballade „Mein Freund, der Baum, ist tot – er fiel im frühen Morgenrot.“ Darin ging es weniger um den Verlust der Natur als den der Kindheit. Alexandra starb 1969. Sie fuhr nicht gegen einen Baum wie Camus, sondern übersah ein Vorfahrtsschild. MS

G

Germanen-Missionierung Lange war Gott mit ihm: In den 670er Jahren nach Christi Geburt im damaligen Königreich Wessex geboren, wuchs Bonifatius zu einem der wichtigsten Glaubensverkünder seiner Zeit heran. Er überzeugte Thüringer, Franken und Bayern von der Heiligkeit des Kruzifixes. Mit etwa 80 Jahren wurde er dann beim Versuch, die Friesen zu bekehren, erschlagen. Vielleicht war das eine späte Rache für das Fällen der Donar-Eiche.

Im Dörfchen Geismar nämlich, heute ein Stadtteil von Fritzlar, verehrte man eine dem Donnergott Donar geweihte Eiche. Eigenhändig soll Bonifatius 724 dem mächtigen Baum mit der Axt zu Stamme gerückt sein. Die anwesenden Heiden erwarteten die Wut der Götter. Als der Baum fiel und nichts passierte, verwies der Missionar auf die Überlegenheit des Christentums über den Glauben der Germanen – und überzeugte. Aus dem Baum wurde ein Bethaus gebaut. Dass sein theologisches Argument hinkte, musste Bonifatius an seinem Lebensabend schließlich aus Friesenhand erfahren. Und die Frage, wo Gott ist, wenn man ihn mal braucht, trieb über Jahrhunderte hinweg Theologen und Philosophen an. Papier erwies sich dabei als sehr geduldig. Unzählige Bäume kamen so weiterhin für Gottesbeweise zu Schaden. TP

K

Kunst Wenn Künstler sich mit Bäumen beschäftigen, reicht ein einzelner meist nicht aus. 7.000 Eichen pflanzte Joseph Beuys 1982 bei der documenta 7. Seine „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ war erst nach fünf Jahren abgeschlossen. Dass der Fett-und-Filz-Künstler mit dem deutschesten aller Bäume ganz Kassel bewaldete, fanden damals viele nicht gut.

Nicht ganz so viele Birken, aber immerhin 320, hat der polnische Künstler Lukasz Surowiec für die diesjährige Berlin Biennale aus Auschwitz mitgebracht. Seine Birken wurden nicht nur im Stadtraum angepflanzt, die Besucher konnten die Setzlinge auch mit nach Hause nehmen, als persönliches Holocaust-Gedenken im Garten oder auf dem Balkon. Mal ein anderes Souvenir als die Postkarte aus dem Museumsshop. Fanden wieder viele nicht gut. Stina Hoffmann

L

Linde „Kein schöner Land in dieser Zeit/ als hier das unsre weit und breit/ wo wir uns finden/ wohl unter Linden/ zur Abendzeit“, so lautet die erste Strophe eines bekannten Volksliedes. Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, spiegelt diese Strophe das Leben einer Dorfgemeinschaft der damaligen Zeit wider: Überall da, wo die Bewohner eines Dorfes schon vor Hunderten von Jahren zusammentrafen – vor der Kirche oder auf dem Dorfplatz –, findet sich auch heute noch oft eine Linde. An „Tanzlinden“ traf sich die Dorfgemeinschaft zu Feierlichkeiten, und unter dafür vorgesehenen Linden wurde früher Recht gesprochen.

Der Lindenbaum hat herzförmige Blätter und man erkennt ihn schnell an dem süßlichen Duft seiner hellgelben Blüten. Er zählt – neben der Eiche – zu den bekanntesten Bäumen in Deutschland und taucht immer wieder in Gedichten und Volksliedern auf. Schon bei den Germanen soll die Linde für die Liebe zu ihrer Göttin Freya gestanden haben. Den verschiedenen Gedichten oder Liedtexten, die über die Jahrhunderte hinweg entstanden sind, ist gemein, dass die Linde immer wieder als Symbol der Liebe oder auch der Gemeinschaft ihren Platz darin findet. Myriam Schäfer

O

Olivenbaum Heißer Wind, Platanen und Zypressen, das Mittelmeer. Wer an Olivenbäume denkt, träumt schnell vom Dolce Vita. Und dann gab es diesen Nachmittag in Jenin. Von der Terrasse seines Hauses aus schaute Dr. Lamia auf den Olivenhain, und sein Blick wurde sanft, als er von seinem Großvater erzählte, der die Bäume gepflanzt hatte, und von seinem Vater, der daraus Öl hergestellt hatte. Hinter dem Hain konnte man die Umrisse einer Mauer erkennen, die zu einem palästinensischen Flüchtlingslager gehörte. Es schien weit weg. Die Olivenbäume haben die Kämpfe überlebt, Intifada und all die anderen. Hier konnte sich Lamia auch als Palästinenser frei fühlen. Und für Momente die Grenzen und Mauern vergessen. Maxi Leinkauf

S

Symbol Als „Baum des Lebens“ hat der Baum an sich eine Reihe symbolischer Bedeutungen. In der Bibel kann der Lebensbaum des Garten Eden Ewigkeit schenken. In vielen Kulturen ist der Weltenbaum religiös-mythisches Symbol für die Verbindung von Himmel, Erde und Unterwelt. Phylogenetische Bäume, eine Art grafischer Stammbaum, stellen die Abstammung der Lebewesen dar und veranschaulichen die Evolutionstheorie. Das Web-Projekt Tree of Life sammelt nach diesem System Daten zur Phylogenie aller Lebensformen und zur Biodiversität.

Sogar die Kleinhirnstruktur nennt man aufgrund ihrer Verästelungen Lebensbaum: Arbor vitae cerebelli. Eine Reihe anderer Pflanzen trägt ebenfalls den Namen wie das Wacholdergewächs „Sibirischer Zwerg-Lebensbaum“ und die Zypresse „Morgenländischer Lebensbaum“. Der „Schadscharat al-Haya“ wird auch als Lebensbaum bezeichnet. Der 400 Jahre alte Baum im arabischen Bahrain ist eine Touristenattraktion. Er gilt als Naturwunder: Woher er sein Wasser bezieht, ist unklar – die nächste Wasserstelle ist einen Kilometer entfernt. TP

U

Urbaum Manche Bäume gibt es, obwohl sie eigentlich gar nicht mehr da sind. Sie heißen Klonbäume. Bei ihnen sind der Stamm und die Äste nicht mehr das Original, nur noch die Wurzeln. Und dieses Untergrund-Gewucher kann buchstäblich steinalt sein. In Schweden steht so ein Urbaum, sein Name ist Old Tjikko. Er ist oben herum vielleicht ein paar Hundert Jahre alt, sein Wurzelsystem bringt es aber auf sage und schreibe 9550 Jahre. Er ist damit der älteste Klonbaum der Welt. Zum Vergleich: Die Menschen jagten damals Gazellen und übten noch den Getreideanbau. Mit einer solchen Geschichte kann Methuselah, eine Kiefer in Kalifornien, nicht mithalten. Doch auch sie trägt ihren Namen nicht zu Unrecht. Ihr Alter, ermittelt durch Dendrochronologie, also das Zählen der Jahresringe, beträgt 4843 Jahre. Methuselah ist damit der älteste Nicht-Klonbaum der Welt und der eigentliche Gewinner im Urzeitwettbewerb. Denn an ihm ist oben und unten noch alles so, wie es immer war. MS

Z

Zauber In der Bibel gibt es zwar den Baum des Lebens (➝ Symbol), aber keine handelnden Bäume. Dafür muss der Leser in den Fantasy-Bereich ausweichen. Im Harry-Potter-Universum wächst die Peitschende Weide. Ein Baum, in dem sich Harry und Ron nicht nur mit einem fliegenden Auto verfangen, sondern der zudem einen geheimen Gang bewacht. Dazu schlägt der Baum alles, was sich nähert.

Noch wehrhafter sind die Ents aus Herr der Ringe – Bäume, die sich entwurzeln und durch den Wald streifen können. In den Filmen werden diese „Hüter des Waldes“ vor allem als überdimensionale Kampfmaschinen dargestellt. Von Tolkiens liebevoller und filigraner Schilderung dieser gutmütigen Riesenbäume und ihrem Zusammenleben mit der Natur bleibt dabei leider wenig übrig.

Es geht, was das Thema „magische Bäume“ betrifft, aber noch eine Nummer größer. In der nordischen Mythologie wird der ganze Kosmos durch einen Baum symbolisiert. Die Weltesche Yggdrasil ist Heimat aller Dinge, vom Totenreich Hel unter den Wurzeln bis zum Sitz der Asen in der Krone, die Menschen leben dazwischen in Midgard. Sebastian Triesch

09:00 09.09.2012

Ausgabe 08/2020

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