Nicht jeder Käfig ist eine Hölle

Wellness Auf der Stange Ab 2012 ist die herkömmliche Käfighaltung EU-weit verboten. Doch wann ist das Huhn glücklich?

Nur frei laufende Hühner sind glückliche Hühner. So lautet einer der wohl wichtigsten Glaubenssätze von Tierschützern und Verbrauchern. Auf der Hühnerleiter zur Glückseeligkeit hockt nach landläufiger Meinung die frei laufende Legehenne ganz oben. Eine Sprosse tiefer sitzt das Bodenhaltungshuhn und ganz unten in der Hühner-Hölle findet sich die Käfig-Henne.

Kein Platz, kein Licht, nur Legen statt Leben - ein Zustand, dem Tierschützer zu Recht schon seit Jahrzehnten ein Ende machen wollen. Das Ringen um einzelne Quadratzentimeter zusätzlicher Fläche für jede einzelne Legehenne hat nun bald ein Ende: Die herkömmliche Käfighaltung von Legehennen ist EU-weit ab 2012 verboten. Die Bundesrepublik hat diese Deadline um drei Jahre vorgezogen - Ende 2009 ist Schluss mit dem herkömmlichenen Käfig-Ei. So lautet zumindest der Plan, doch er wird so nicht aufgehen.

Derzeit versorgt sich die Europäische Union selbst mit Eiern und liegt mit ihrer Produktion leicht über dem Bedarf ihrer Bürger. Dabei dominiert in den meisten EU-Ländern die Legebatterie als Haltungsform für Hühner. In Deutschland liegt der Anteil der Bodenhaltung derzeit bei 17 Prozent, im Freiland werden 15 Prozent der Legehennen gehalten, 68 Prozent der kommerziell gehaltenen Hennen sitzen im Käfig.

Doch ist Käfig nicht gleich Käfig. Wissenschaftliche Erkenntnisse über das Hühnerverhalten sind inzwischen auch im Stall angekommen: Modernere Kolonie-Nest-Systeme bieten den Hennen mehr Bewegungsfreiheit, Sitzstangen zum Schlafen, die Möglichkeit zu scharren, genügend Tiere, um eine dynamische soziale Gruppe zu bilden und ruhige Plätzchen zum Legen.

"Man muss dem Verbraucher den Kompromiss, der hier erfolgen muss, vor Augen führen", erläutert Silke Rautenschlein, Professorin an der Klinik für Geflügel der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Ihre Arbeitsgruppe untersucht die verschiedenen Haltungssysteme im Hinblick auf Tiergesundheit, Lebensmittelsicherheit und Arbeitsschutz. Aus veterinärmedizinischer Sicht sind die Kleingruppen Spitze: Der Einsatz an Tierarzneimitteln ist im Vergleich zu anderen Haltungsformen geringer, ebenso besteht für die Tiere ein niedrigeres Risiko, an Infektionen oder Parasiten zu erkranken oder Verletzungen zu erleiden. Die Systeme sind außerdem hygienischer, da die Tiere nicht wie in Freiland und Bodenhaltung mit dem eigenen Kot in Kontakt kommen.

In Bodenhaltungssystemen und im Freiland stehen Hennen unter deutlich größerem Stress als im Stall - so ein Ergebnis der Hirn- und Hühnerforschung des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter in Rommerskirchen. Wissenschaftler der Universität Düsseldorf erforschen dort die Frage, was Hühner wirklich wollen. Bevorzugen sie Hähne und Hennen der eigenen Rasse als Gesellschaft, wenn sie die Wahl haben? Woran orientieren sie sich, wenn sie Futter suchen? Was ist die optimale Gruppengröße und was braucht ein Huhn zum stressarmen Leben? 40 Schwestern und hinten im Stall eine Sitzstange zum Schlafen, die höher ist als die übrigen Stangen - das ist Hühner-Wellness.

"Es gibt eine Differenz zwischen dem, was wir meinen, was für die Tiere gut ist und dem was die Tiere wählen würden", erläutert Verhaltensforscherin Dr. Inga Tiemann. Der Mensch geht von seinem eigenen Wahrnehmungssystem aus - daher scheint dem Konsumenten das Freilandei ethisch wertvoller als jedes andere Ei aus Massenproduktion: Sonne, frische Luft und viel Platz zum Herumlaufen, das hält der Verbraucher für ein gutes Hühnerleben.

Doch Freilandhaltung ist nicht ländliche Idylle mit dem krähenden Hahn auf dem Mist. Es gibt sie, die Hennen, die im Stroh ihre Eier legen, auch mal ein paar davon ausbrüten, die ihre Küken durch den Garten führen dürfen und später an Altersschwäche sterben, statt in der Suppe zu enden. Aber diese Tiere in Hobbyhaltungen - von denen trotz Meldepflicht für Geflügelbestände niemand weiß, wie viele es gibt - sind für den europäischen Eiermarkt bedeutungslos.

Auch Freilandhaltung ist Massentierhaltung. Die Tiere laufen zwar draußen herum, doch wird ihr Leben dadurch nicht unbedingt leichter. Unter tausend Hennen lässt sich keine Hackordnung aufbauen. Ständig begegnet ein Freilandhuhn fremden Tieren, muss Rangordnungskämpfe bestehen und findet auf einer oft kahlen freien Fläche keine Deckung, wenn ein Greifvogel über das Gehege streicht.

Nur eines ist sicher: Der Eierbedarf ist groß. 13,6 Kilo Eiprodukte und Eier verspeiste ein durchschnittlicher Europäer im Jahr 2007, in Deutschland waren es 13,1 Kilogramm. Die Umrüstung auf Kleingruppenhaltung und ausgestaltete Käfige, die auch nach 2012 noch zulässig sind, erfordert enorme Investitionen. Allein die Deutschen Hühnerbarone müssten nach Angaben des Instituts für Strukturforschung und Planung in agrarischen Intensivgebieten (ISPA) circa 612 Millionen Euro in die Hand nehmen, um ihre Haltungssysteme von alten Käfigen auf moderne Hennengrüppchen umzustellen. Doch diese Ausgaben scheuen sie.

Ob ein Käfig-Ei aus einer alten Legebatterie oder einer Kleingruppenhaltung stammt, erfährt der Verbraucher nämlich nicht. Die auf dem Ei aufgedruckte Kennzeichnung "3" für Käfighaltung gilt für jede Art von Käfig. Und jedes Käfig-Ei hat ein schlechtes Image.

Der Markt dagegen ist unsicher: Rasant steigende Futtermittelpreise und nicht zuletzt die von den Medien dramatisierten Ausbrüche der klassischen Geflügelpest verhindern Investitionen. Innerhalb von fünf Jahren hat der Legehennenbestand der Bundesrepublik um etwa sieben Millionen Tiere abgenommen. Nur noch zwei von drei in Deutschland gegessenen Eiern kommen aus eigener Produktion; im Jahr 2007 wurden 5,7 Milliarden Eier aus anderen EU-Ländern eingeführt.

Europaweit benötigen 250 Millionen Käfighennen bis Ende 2012 neue Unterkünfte. Das wissen die Eierproduzenten zwar nicht erst seit gestern, dennoch schätzen Experten, dass Europa ab diesem Stichtag zu einer Eier-Defizitregion werden könnte.

"Man darf Produkte importieren, auch wenn man sie nicht produzieren darf, und man wird sie wohl auch essen dürfen", erläutert Ton van Dijk, Experte der im belgischen Brügge ansässigen Europäischen Vereinigung der Eierverarbeiter (EEPA). Denn "Konsumenten bevorzugen billige Eier und vor allem in niedrigen Einkommenssegmenten werden sie sich nicht umstellen".

So lange für den Handel weiterhin Käfig-Ei gleich Käfig-Ei ist, besteht kein Anreiz innerhalb der EU in moderne Stallsysteme zu investieren. Ein mögliches Szenario für die Zeit nach 2012 ist, dass die EU ihre eigene Regelung ignoriert, ein anderes, dass die Eier künftig vor den Toren der EU gelegt werden, in Ländern, in denen andere Gesetze für die Lebensmittelsicherheit und im Tierschutz gelten. Und damit wäre keinem einzigen Huhn geholfen.

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00:00 20.11.2008

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