Nikolaus-Schnellschiene

Neu im Amt Bereits Anfang November rief ich an. Weihnachtsmänner sind gesuchte Leute, da ist es sinnvoll, sich ihren Dienst frühzeitig zu sichern, will man ...

Bereits Anfang November rief ich an. Weihnachtsmänner sind gesuchte Leute, da ist es sinnvoll, sich ihren Dienst frühzeitig zu sichern, will man nicht ratlos mit heulenden Enkeln vor dem Tannenbaum sitzen und ständig in die vorwurfsvollen Mienen der Eltern blicken. "In diesem Jahr geht´s leider nicht", sagte der Mann am Telefon. "Was geht nicht?", antwortete ich und glaubte, mich verhört zu haben. "Aber es sind doch noch sechs Wochen bis zum Fest, da können Sie doch noch nicht ausgebucht sein?", sagte ich und warf meinen ganzen Schmelz in die Telefonleitung. "Nein, nein, bin ich auch nicht, aber wir streiken dieses Jahr!" - "Streiken, wo gibt´s denn das? Weihnachtsmänner können doch nicht streiken ..."

"Doch, doch", sagte der Mann, "letzte Woche in der GdWei-Sitzung ist die Entscheidung gefallen." - "In was für einer Sitzung?" "In der GdWei-Sitzung, GdWei: Gewerkschaft der Weihnachtsmänner", sagte der Mann mit fester Stimme. "Ja, um Himmels Willen, weshalb denn?" "Arbeitszeiten, Lohn, Urlaubsgeld, Überstundenzuschläge, das Übliche", antwortete der Mann lakonisch. "Aber ich kann unmöglich ohne Weihnachtsmann zu meinen Enkeln! Können Sie mir die Namen von anderen Weihnachtsmännern geben?", fragte ich deshalb sehr freundlich. "Nein, ich werde mich hüten, wir haben schon genug Streikbrecher!" Das saß.

Ich ging am nächsten Tag zum Arbeitsamt. "Nikolaus-Schnellschiene, Zimmer 263", las ich auf dem Aushang. Die freundliche Dame war sofort im Bild: "Nikolaustag oder Heiligabend, welche Uhrzeit, geschäftlich oder privat?" - "Heiligabend, 18 Uhr, privat!" Die Dame tippte etwas in ihren Computer und sagte: "Schön, da haben wir noch vier Weihnachtsmänner frei. Beim Ersten müssen Sie allerdings die Anreise bezahlen." - "Kein Problem, wenn er nicht direkt vom Himmel kommt", scherzte ich. "Gut, macht also zweimal 124 km erster Klasse plus Übernachtung ..." - "Bitte?", schrie ich entsetzt. "Also den Zweiten. Der hat aber bereits um 18.30 Uhr einen neuen Termin bei einem Fleischer. Den versäumt er garantiert nicht." "Zu kurz, tut mir Leid ..." - "Schön, den Dritten. Ah ... verstehen Ihre Kinder Serbokroatisch?" - "Der Weihnachtsmann soll ein zweiseitiges Gedicht von mir vortragen - auf Deutsch!", warf ich ein. "Hm, bleibt nur der Vierte. Der passt, das sehe ich! Kann ich Ihren Schein haben?" - "Welchen Schein?" "Sagen Sie bloß, Sie haben den Weihnachtsmannanforderungsberechtigungsschein nicht!", schnaufte die nette Dame und war gar nicht mehr so nett. Ich starrte blutlos in den Raum. "Das darf doch nicht wahr sein, da halten Sie mich die ganze Zeit auf. Wissen Sie nicht, dass wir jetzt effizient arbeiten? Gehen Sie erst mal in Zimmer 479, aber nicht ohne zwei neuere Fotos von sich und Ihrer Frau!"

Ich ging nicht in Zimmer 479, sondern ins nächste Kaufhaus. Im vierten Stock sah ich in einer Ecke eine größere Anzahl unbekleideter Schaufensterpuppen, daneben große, offene Schachteln. Ich schaute mich um, entnahm der einen den schönen roten Mantel mit weißem Kunstfellbesatz, der anderen einen langen weißen Bart und eine rote Zipfelmütze. Kurz entschlossen schlich ich damit in die Toilette. Als ich wieder heraustrat, wurde ich sofort von Kunden und Mitarbeitern freudig umringt und konnte mir wegen des begeisterten Zuspruchs kaum den Weg zum Ausgang bahnen. Am nächsten Tag rief ich die Direktion des Kaufhauses an, entschuldigte mich für das Ausleihen der Weihnachtsmannbekleidung, doch man ließ mich nicht ausreden. "Wir suchen Sie schon, bitte kommen Sie doch sofort zu uns. Wir brauchen dringend Weihnachtsmänner. Ihr Auftritt gestern war ein großer Erfolg. Bitte kommen Sie unbedingt, wir zahlen auch gut."

"Geht leider nicht", sagte ich. "Warum?" fragte der Mann vom Kaufhaus entsetzt. "Ich arbeite nur für Privat!", erwiderte ich. Schließlich will ich mit Sozialversicherungen, Arbeitsamt und Finanzamt keinen Ärger. Ich habe doch keinen Weihnachtsmanndarstellerberechtigungsschein.

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00:00 15.11.2002

Ausgabe 43/2021

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