Noch steht die Kuh

Heimat Unter der CSU hat es einen Rechtspopulismus nie gebraucht. Aber auch Bayern verändert sich

Ein gewaltiges Ritual ist die Leonhardi-Fahrt in Bad Tölz. Jährlich am 6. November werden an die 80 Vierspänner geschmückt und die steile Marktstraße hinaufgetrieben. Manche der Kaltblüter sind noch Brauereipferde, so sie aber von den Bauernwiesen aus weitem Umkreis stammen, fahren die Männer schon lange vor dem Festtag an den Waldrand zum Üben. Denn ungeübt bringt das kein Pferd und auch kein Neuling auf dem Kutschbock zustande: zwölf „Jungfrauen“, sehr speziell angetan, auf den alten, kunstvoll bemalten Wagen unbeschadet an die zehn Stunden bergauf und bergab zu chauffieren und den Schrecken der Pferde auf dem Berg abzufangen, sollte der Pfarrer beim Segen zu dicht ans Mikrofon treten.

Da haben wir die Ingredienzien des besonderen bayerischen Zusammenhalts, der bis heute den Namen verdient: die Bauern, die vielfältige Kultur, die Kirche obendrauf und mittendrin; der Hang zum Gelingen, denn das will alles wohl organisiert sein; das Beisammen als solches, das an Leonhardi gern bis nach Mitternacht dauert.

Dieses Jahr zog an den die Straße säumenden Bürgern ein Gast aus München mit Security nebst schwarzen Schirmen vorüber: der Söder mit dunklem Hut und Mantel. Dass der Franke sich in der oberbayerischen Provinz sehen lässt, nehmen die Leute freundlich hin; dass er dies nutzt, um Machtanspruch anzumelden – das schon nicht mehr. Die Tölzer hätten, so Söder, den Ministerpräsidenten eingeladen, gekommen sei er. Und er würde, als solcher eingeladen, wieder kommen. Na ja.

Was ist los mit der CSU? Was ist los in Bayern? Diese Fragen hingen immer so eng zusammen, wie solche Fragen nirgendwo sonst zusammenhängen. Stoiber, den immer das Image des Aktentaschenträgers von Franz Josef Strauß begleitete, konnte noch die 60-Prozent-Marke umspielen. Heute liegt die Partei in Umfragen bei 37. Dass nun dieser Verfall einer einst absoluten Mehrheit dem Regierungs- und Parteichef Seehofer angekreidet wird, stellt eine so praktische wie unzutreffende Vereinfachung dar, die ebenso einfache Lösungen des Problems vorspiegelt. Erinnert sich noch jemand, wie Seehofer die Führung während der Nachwehen der Krise um die Dissidentin Gabriele Pauli fast widerstrebend übernahm, leise und sensibel geworden durch Krankheit? Damals wirkte schon die langanhaltende Erosion der CSU durch die Freien Wähler, keine Bedrohung durch eine rechtspopulistische Partei wie heute, sondern eine Blockspaltung als Quittung für jahrzehntelange Machtarroganz.

Ganz normal: Gschaftlhuberei

Wie viele Bürgermeister im Oberland stellen heute nicht die Freien Wähler? Man kennt sich, weil ja viele einmal bei der CSU waren. Programmatische Unterschiede? Ach was – denen sollte es einfach einmal gezeigt werden. Ein Jahrzehnt später haben sich die Leute um Seehofer wieder einmal zu sehr an die Macht gewöhnt, notwendige Veränderungen im Land und in der Partei versäumt, bekommen nun die Quittung. Ein Generationswechsel wäre das, welche Partei kennte das nicht? Doch so einfach ist es nicht, auch wenn beim baldigen Parteitag ein paar Köpfe ausgetauscht werden.

Für die – soll ich sagen: preußische? – Linke war Strauß-Bayern das ganz schwarze Tuch. So wurde das besondere Hegemoniemodell verkannt, das sich unter Strauß herausbildete. Wer das „S“ in CSU nur als Tarnung wahrnahm, hatte vergessen, dass die bayerische Union, ähnlich wie die CDU, maßgeblich von christlichen Gewerkschaftern mitgegründet worden war, die nach 1945 ihre Lektion aus der Schwäche von konfessionellen und konservativen Klientelparteien gegenüber den Nazis gelernt hatten. In den 1970ern hieß, in Lederhose und Trachtenjanker an der Spitze des Fortschritts zu marschieren, dass in Bayern nicht nur gekleckert, sondern richtig geklotzt wurde: die IT-Branche im Münchner Umland; der neuen Flughafen, das Gewerbegebiet auf handwerklicher Basis in buchstäblich jeder Gemeinde, sodass Schulabgängerinnen ihre Lehrstelle im Umkreis von fünf bis zehn Kilometern finden; eine Arbeislosenquote, mit der seit Jahrzehnten nur noch das Ländle konkurrieren kann. Auf dieser Basis baute in der weiß-blauen Heimat ein in die Gegenwart ragender Block von Vereinen, kulturellen, religiösen und geschichtlichen Bindungen auf, die übers Jahr intensiv gepflegt werden. Dazu dienen die vielen Feiertage, um die der Norden die Bayern beneidet, als seien das nur zusätzliche Urlaubstage. Dieser hegemoniale Block war in sich schon so fest gefügt, dass sich eine Partei wie die CSU bereits durch schiere Präsenz auf allen Etagen als legitime politische Vertreterin verstehen durfte. Und bitte, um dem Einwand zuvorzukommen: Lebt die bayerische Gesellschaft wirklich von mehr Gschaftlhuberei als andere? Und die bayerischen Linksintellektuellen, von der Dichtung über den Film bis zum Kabarett, sind bis heute so sehr zuerst bayerisch und dann links, dass, selbst wenn ihnen einmal etwas verboten wird, ihre Wiederkunft so sicher ist wie – ja eben: das Amen in der Kirche.

In den 1980ern haben wir Strauß-Analysen betrieben, um angesichts der Kanzlerkandidatur die bundesrepublikanische Variante einer rechtspopulistischen Bewegung à la Thatcher und Reagan besser zu verstehen. Unter einem rechtspopulistischen Diskurs verstanden wir, schärfer als die heutige Verwendung, dass Strauß den „kleinen Mann“ zum Protest aufrief gegen den sozialdemokratisch geprägten Staat, gegen „die da oben“, die ihn "enteigneten, entmachteten, versklavten, die ihm die Sicherheit auf den Straßen nahmen und ihn zum Fremden in seiner Heimat machten".

Die CSU hatte im Jahr 1980 keinerlei rechtspopulistische Wende nötig, sie schwamm ja, nach Mao, im bayerischen Volk wie ein Fisch im Wasser. Andersherum war es: Franz Josef Strauß erschien für die Union in Bonn – und für sich selbst – als der rechte Mann, um das bayerische Modell für das ganze Land zu aktualisieren und den angeschlagenen Block aus SPD, männlich dominierten Facharbeitergewerkschaften und „Neuer Heimat“ zum Einsturz zu bringen. Die Wahl hat Strauß nicht gewonnen, wenn er auch deutlich mehr als 40 Prozent erreichte, wovon CSU wie CDU heute nur träumen können.

Wie aber kommt es, dass die CSU als Garantin dafür, dass es einen bayerischen Rechtspopulismus nicht braucht, nach mehr als 35 Jahren von der AfD bedroht werden kann? Was hat sich verändert in Bayern und in der CSU? Noch steht die Kuh auf der Wiese. Aber wie lange noch? Im Oberland wird ein automatisierter Stall nach dem anderen gebaut. Das sind diese Modelle einer „optionalen Gesellschaft“ (Bernhard Kathan), wonach ein Lebewesen in einem programmgesteuerten Laufstall allein durch die Verfolgung seiner Bedürfnisse gelenkt und beherrscht wird. Mehr technisch vermittelte Freiheit und mehr Herrschaft in einem geht nicht. Allerdings funktionieren diese Anstalten am besten, wenn das Leben nur noch drinnen tobt. Ein Bayern ohne Kühe auf der Wiese? Vor Jahren war schon zu lesen, die Landesregierung zahle jedem Bauern 300 Euro pro Kuh und Jahr, wenn er sie auf die Wiese stellt.

So erodiert langsam, aber sicher, was hier einmal Heimat hieß. Apropos Flächenverbrauch, der für diese Art Ställe enorm ist: Auch das dorfeigene Gewerbegebiet hat die Versiegelung von Flächen gesteigert. Sollten nun noch Outlet-Oasen an den Autobahnen entstehen, würden sich Teile des CSU-Landes bald wie, sagen wir, Hessen zwischen Frankfurt und Wiesbaden ausnehmen. Also sieht sich die CSU mit einem Volksbegehren von Grünen und ÖDP konfrontiert, das den Flächenverbrauch streng beschränken will. Doch wie soll ein „Modernisierer“-Flügel unter Söder, der den Wander- und Tourengipfel Riedberger Horn zur Skischaukel planieren lässt, mit einer solchen Wachstumsbremse umgehen können? Die Opposition polemisiert gegen Söder so: „Anruf genügt – wir betonieren!“

Charisma ist wieder gefragt

Das Land halten die tradierten CSU-Verhältnisse noch zusammen, die Partei nicht mehr. Die Krisen der Heimat haben mit vielem, am wenigsten mit den Flüchtlingen zu tun. Gabelstaplerfahrende junge Syrer werden gern mit Foto in der Zeitung vorgestellt, 18.000 Flüchtlinge haben in Bayern seit 2015 eine Lehrstelle gefunden und in den Gemeinden weiß man, wie groß die Enttäuschung war, als im Frühjahr 2016 die mit viel Liebe erstellte Infrastruktur zur Aufnahme weiterer Flüchtlinge vielfach nicht mehr gebraucht wurde, weil Frau Merkel die „Obergrenze“ längst unterschritten hatte, die sie verbal ablehnte.

Spitzen sich die Widersprüche einer Gesellschaft zu, und das tun sie auch in Bayern, so wächst das Bedürfnis nach dem starken Mann. Charisma ist wieder gefragt. Vor Jahren hieß es: Wo ist der deutsche Obama? Heute blicken viele neidisch auf Macron. In Wahrheit ist die Zeit der Politiker mit Charisma vorbei. Wir werden von Anzügen regiert, die ihre Macht in Verfahren und Gremien hinter verschlossenen Türen verstecken. Da holt kein Söder einen Franz Josef Strauß aus dem Sarg, so wenig wie der amerikanische Milliardär mit dem B-Picture-Cowboy von 1979 ein Showdown riskieren könnte. Diese Veränderung des politischen Personals in allen Parteien begrenzt die Möglichkeiten, in Legitimationskrisen und angesichts populistischer Aufwallungen die auseinanderstrebende Wählerschaft zusammenzuhalten – ganz davon abgesehen, wie sich die Sehnsucht nach starken Figuren mit einem demokratischen Verständnis von Politik verträgt.

Die CSU ist nicht nur durch eine Führungskrise herausgefordert, sondern durch eine Erosion ihrer Verankerung in der Gesellschaft bedroht. Angesichts der innerparteilichen Pauli-Revolte und des Aufstiegs der Freien Wähler sah es noch so aus, als bliebe es bei einer Machtspaltung innerhalb des CSU-Blocks. Das ändert sich nun. Große Fragen der Politik und die Veränderungen des Parteiensystems wirken stärker als früher in das CSU-Biotop hinein. Stromtrassen gehen quer durch Deutschland. Die AfD wird wohl in den Landtag einziehen. Nun muss auch neu buchstabiert werden, was die bayerische Heimat in Deutschland und in Europa bedeutet.

Die Lage darf nicht überdramatisiert werden. Die weiß-blaue Gesellschaft ist noch in Ordnung. Wer sie politisch repräsentiert, wird gerade neu ermittelt. Die von der AfD ausgehende Gefahr für die CSU will sorgfältig eingeschätzt werden. Sie und ihre Ausleger in rassistische Netzwerke der Neuen Rechten zu verharmlosen, verbietet sich. Andererseits sind die Chancen eines ehemaligen Herausgebers der Märkischen Allgemeinen wie Alexander Gauland, in einem bayerischen Wirtshaus mit dem Aufruf Begeisterung zu finden, sich unser Land zurückzuholen, begrenzt. Stets muss um das Verständnis dessen gerungen werden, worum es in einer populistischen Krisenlage geht. Auch in den Medien wird vielfach so getan, als gehe es nur um eine Wortwahl, allenfalls um ein Denken. Derweil stehen angestammte, sich verändernde Lebensweisen auf dem Spiel, Haltungen, Bindungen, gelebter Alltag vieler Menschen. Dass einzelne Grüne das Wort „Heimat“ verwenden wollen, lässt aufhorchen; dass die Grüne Jugend es der Mutterpartei verbieten will, weil es rechts sei, verleitet zu dem Schluss, sie hätten nichts verstanden.

Doch Bayern und die CSU zu verstehen, ist auch verdammt schwer. Und wir beobachten mit Melancholie, wie die Intellektuellen, die Polit-Analysten, die Schreiber und Kommentatoren dem Schicksal der CSU mehr mit Häme als mit Trauer Echo geben werden. Sollen sie einmal nach Tölz kommen zur Leonhardifahrt, wir würden ihnen das pulsierende Glänzen der Pferdeschenkel beim Galopp zeigen, seis vom Schniegeln, seis vom Schweiß. Wenn sie dann wieder von „Folklore“ reden, werden wir sie darauf ansprechen, dass sie am zweiten Abend des „Ring“, den sie regelmäßig besuchen, beim Walkürenritt, wie ihre Opas gesagt hätten, ihren „inneren Reichtsparteitag“ haben. Ob sie es in diesen Zeiten wiederum der CSU überlassen, die populistische Revolte zu zivilisieren? Wie aber, wenn die das gar nicht mehr kann?

Wieland Elfferding lebt in Oberbayern. Er ist pensionierter Lehrer und veröffentlichte zuletzt die beiden Bücher Fragen der Philosophie. Erstbegegnungen und Querfeldein. Texte über Berg und Tal. Von 1986 datiert sein Essay Rechtspopulistische Potentiale in der CDU/CSU

06:00 15.12.2017

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