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Nachwahl Dresden wird Schauplatz für Prestigekämpfe

Erschöpfung ist spürbar, bei den Wahlwerbern wie bei den Umworbenen. Im Dresdner "Schicksalswahlkreis" 160, wo wegen des plötzlichen Todes einer NPD-Bewerberin erst am 2. Oktober die Nachwahl stattfindet, schwankt die Stimmung zwischen Sarkasmus, Desinteresse und Unmut über das unbegreifliche deutsche Wahlrecht. Am Wahlabend suchte man in den gut besetzten Kneipen und Biergärten am linken Elbufer vergeblich einen laufenden Fernseher mit interessierten Leuten davor. Einzig ein Café nahe der Frauenkirche präsentierte um 18 Uhr die erste Hochrechnung vor leeren Tischen. Die Gäste saßen draußen und sprachen vom schönen Wetter.

Nicht nur der sächsische CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer erwartet eine geringe Wahlbeteiligung. Und dennoch wollen die Parteien wieder kämpfen bis zuletzt. Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) verpasste seinem sächsischen Koalitionspartner SPD gleich noch einen Schlag in die Magengrube, als er verkündete, Sachsen sei ein gutes Beispiel, wie auch in einer Großen Koalition CDU-Politik gemacht werden könne.

Dabei ist zumindest klar, dass Dresden den Sozialdemokraten nicht mehr zu einer Mehrheitsfraktion im Bundestag verhelfen kann. Dresdens Wahlleiter Detlef Sittel sprach nur aus, was in den sächsischen Parteizentralen schon auf den langen Rechenzetteln stand. Weder die Landeswahlleitung noch Bundeswahlleiter Johann Hahlen wagten am Montag eine Modellrechnung, in welchen Extremfällen der Wahlkreis Dresden I die Zusammensetzung des Bundestages noch verändern könnte. Wer mit einer der Internet-Wahlmaschinen spielt, kommt auf ein theoretisches Patt der Sitzverteilung zwischen Union und SPD, wenn alle 219.000 Nachwahlberechtigten SPD wählen würden. Es gibt aber auch das Paradoxon des "negativen Stimmgewichtes". Bekäme die CDU mehr als 41.000 Zweitstimmen, würde eines ihrer drei Überhangmandate in Sachsen in ein "normales" umgewandelt, entfiele also. "Wer SPD will, muss CDU wählen", titelte deshalb eine Dresdner Tageszeitung.

Doch es geht gerade angesichts der Berliner Schaukelpartie ums Prestige, und so kann sich Dresden auf zwei Wochen verlängerten Schlachtenlärm einstellen. Angela Merkel ist an diesem Freitag seit langem zum Kongress der CDU-Mittelstandsvereinigung eingeladen. Da fällt ein Wahlkampfauftritt fast nebenbei ab. Die Dresdner SPD-Direktkandidatin Marlies Volkmer hat seit Sonntag indessen ein Vermittlungsproblem. Sie ist bereits über die Landesliste gewählt und lässt sich gar nicht gern auf diesen Umstand ansprechen. Ihrer Linkspartei-Kollegin Katja Kipping, Nummer eins der sächsischen Landesliste, geht es nicht anders. Verbal glüht sie dennoch vor Kampfeseifer. Ein bloßer Verhinderungswahlkampf, damit die CDU nicht noch ein Direktmandat hinzugewinnt. Deren Spitzenkandidat Andreas Lämmel sitzt seit 1994 für die CDU im Landtag. Seit zwei Wochen liegt ihm die ganze Wahlverschiebung schwer im Magen. Er wird natürlich fehlende Motivation seiner beiden schärfsten Konkurrentinnen unterstellen, so, wie es auch die NPD angekündigt hat. Die schickt den 82-jährigen ehemaligen Republikanerchef Franz Schönhuber in seinen "letzten großen Kampf", so wörtlich. Der Medienprofi fiel im Verhör durch Journalisten vor allem dadurch auf, dass er ein halbes Dutzend konträrer Positionen zur NPD-Linie aufzählte.

Der Wahlkreis 160 ist sehr inhomogen zusammengesetzt. Er reicht von den CDU-freundlichen Höhenzügen im Dresdner Süden über die PDS-nahe Innenstadt bis zu den noblen Villenstadtteilen Striesen oder Blasewitz mit starken Grünen. Besonders im Plattenbauviertel Prohlis dürfte der Bundestagswahlkampf aber vom augenblicklichen Kommunalthema Nummer eins überlagert werden: CDU, FDP und Teile der PDS im Stadtrat wollen das kommunale Wohnungsunternehmen WOBA verkaufen, um den Stadthaushalt zu sanieren.


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