Nur Draußenbleiben ist schlimmer

Kroatien Das Land wird am 1. Juli in die Europäische Union aufgenommen, hat aber keine weiteren Ambitionen, sondern will europäische Provinz und sonst nichts sein
Norbert Mappes-Niediek | Ausgabe 24/2013 5
Nur Draußenbleiben ist schlimmer
Mit gefasster Miene das „Land des Lächelns“ ertragen: Kroatiens Premier Milanović bei EU-Kommissionspräsident Barroso (rechts)

Foto: Georges Gobet/ AFP/ Getty Images

Es ist Osterweiterung, und alle gehen hin. Bloß warum eigentlich? Was ist gewonnen, wenn am 1. Juli um null Uhr die Republik Kroatien 28. Mitglied der Europäischen Union wird? Viel Freude werden Europa und der postjugoslawische Staat erst einmal nicht miteinander haben. Warum das so ist, wird klarer, wenn man die Frage umdreht – was wäre verloren, wollte Zagreb auf eine EU-Aufnahme verzichten? Mit anderen Worten: Nicht mehr die Aufnahme ist begründungsbedürftig, sondern das Draußen-Bleiben-Müssen.

Tatsächlich bekommt die Union nur einen weiteren Fußkranken zum Mitschleppen: Seit fünf Jahren in Folge gleitet Kroatien immer tiefer in die Rezession, die Auslandsverschuldung liegt bei mehr als hundert Prozent des Bruttoinlandsproduktes. 16 Prozent Arbeitslose streben nach Westen. Kroatien wiederum muss der Gemeinschaft den letzten Rest seiner großen Industrie opfern und seine stolzen Werften verkaufen – oder schließen, was wahrscheinlich auf dasselbe hinausläuft. Weil am 30. Juni um 24 Uhr Kroatiens Mitgliedschaft in der mitteleuropäischen Freihandelszone erlischt, kriegt die einzige Fertigungsbranche des Landes, die sich nach dem Krieg einigermaßen entwickelt hat, die Lebensmittelindustrie nämlich, gewaltige Probleme: In Serbien und Bosnien-Herzegowina, ihren Zukunftsmärkten, werden kroatische Produkte zu teuer.

Die besseren Europäer

An solchen Tiefpunkten der Argumentation übernehmen üblicherweise die Euro-Lyriker und loben den großen gesellschaftlichen Schwung, den ein solcher EU-Beitritt entfalte. Aber auch damit ist es nicht weit her. „Vor zehn Jahren hätte das noch zugetroffen“, sagt Petar Milat, Philosoph und Leiter des Kulturzentrums Mama in Zagreb, „aber jetzt gleiten wir sozusagen mit ausgeschaltetem Motor noch gerade so eben ins Ziel.“ Tatsächlich brauchen die Pro-Europäer gar keinen Sprit mehr: Kroatien will europäische Provinz sein und sonst nichts. Immer wenn sie die Wahl zwischen den „europäischen Standards“ und den „kroatischen Werten“ haben, entscheiden sich die Kroaten für Erstere. Zur Jahrtausendwende – gleich nach dem Tod des Staatsgründers Franjo Tudjman – haben die Wähler dem nationalistischen Sonderweg eine Absage erteilt. Es war eine Jahrhundertentscheidung. Im vergangenen Jahr, als über den Beitritt abgestimmt wurde, votierten 60 Prozent dafür; die Gegner hatten kein Argument, und die Befürworter brauchten keines. Nicht einmal Trotz gegenüber allzu arrogantem Benehmen der großen EU-Länder will aufkommen.

Die Orientierung auf Europa steht außer Frage. Zuweilen hat der Name des Kontinents in Kroatien allerdings noch einen ungewöhnlichen Klang; nach „europäischen Werten“ suchen manche weniger in der Menschenrechtskonvention von 1953 als vielmehr in den Kampfestugenden der Kreuzritter, des Prinzen Eugen und des anti-byzantinischen Königs Zvonimir. Hintergrund ist das sogenannte „Vormauer-Syndrom“, das alle Nationen der Region vom jeweiligen südöstlichen Nachbarn trennt – und sie so paradoxerweise auch miteinander verbindet. Die eigenen Leute, so dessen Inhalt, seien eigentlich die besseren Europäer im Vergleich zu den wert- und machtvergessenen Genossen drinnen, innerhalb der Mauern Europas, die es sich gut gehen ließen, denen alles Europäische selbstverständlich und deshalb auch nicht schützenswert sei. Diese Europäer hätten in Gestalt türkischer und arabischer Einwanderer ein trojanisches Pferd in ihre Festung gelassen – sie wüssten den verzweifelten Kampf der getreuen kroatischen, serbischen, ungarischen Bundesgenossen, die ein böses Schicksal außerhalb der Mauern angesiedelt hat, nicht zu schätzen. Ja, sie würden diesen Kampf oft nicht einmal wahrnehmen.

Befürchtungen jedoch, Kroatien könne in der EU ein „zweites Ungarn“ werden, sind unbegründet. Zwar wird zurzeit zwischen rechts und links ein merkwürdiger Streit um die kroatische Identität ausgetragen. Was den rechten Kroaten im Unterschied zu den Ungarn aber fehlt, ist das autistische und das imperiale Element. In Ungarn war kaum jemand je im Ausland, man spricht keine Fremdsprachen; die Kroaten dagegen haben von allen europäischen Nationen die höchste Zahl an Verwandten jenseits der Landesgrenzen.

Auch kein zweites Polen

Anders als in Ungarn hat in Kroatien der Kult um Reich und alte Könige keine tiefen Wurzeln; er kam vor 20 Jahren nur gerade recht, um die Serben aus dem Land zu treiben. Selbst der kroatische Faschismus der vierziger Jahre, so schlimm er auch wütete, war eine italienisch-deutsche Importideologie. Die extreme Rechte, vom Krieg genährt, ist heute wieder eine Randerscheinung. Der General Ante Gotovina, der vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag allzu großzügigerweise freigesprochen wurde, hat das sofort begriffen und verwirrt seine Anhänger seit seiner triumphalen Heimkehr mit liberaler Versöhnungsrhetorik.

Keine Faschisten und keine konservativen Revolutionäre vom Schlage Viktor Orbáns streiten in Kroatien mit den linksliberalen Postkommunisten um die nationale Identität und die geistige Hegemonie, sondern die katholische Kirche. Kroatien ist aber auch kein zweites Polen. Die Treue zum Papst taugt zwar zur Abgrenzung gegen die Serben und zur Identifikation mit „dem Westen“, verpflichtet aber nicht dazu, dessen Enzykliken ernst zu nehmen.

Eine wilde Kampagne machtbewusster Bischöfe um die Sexualerziehung an Schulen endete gerade mit einem Teilerfolg vor dem Verfassungsgericht, trug dem Klerus aber im Volke allgemeines Kopfschütteln ein. Eine zweite Kampagne, gegen die Homo-Ehe, rollt im Moment an. Selbst wenn sie Erfolg hat, werden die Bischöfe ihr Ziel, sich zu den Siegelbewahrern des Kroatentums aufzuschwingen, kaum erreichen. Mit Homophobie und Sexualfeindlichkeit positioniert sich die Kirche nicht westlich, sondern östlich, orthodox, panbalkanisch – und verkennt damit gründlich, wozu die Kroaten sie eigentlich brauchen. Mit ihren Schlachten erzielen die Bischöfe lauter Pyrrhus-Siege.

Als Kroatien vor bald acht Jahren seine Beitrittsgespräche begann, herrschte in Brüssel untergründige Skepsis. Eingesetzt für Zagreb hatten sich besonders die Österreicher, die damals von Jörg Haider mitregiert wurden, gleichzeitig nein zur Türkei sagten und nachts vom christlichen Abendland unter dem Kaiser Franz Joseph träumten. Sie nutzten das Interregnum in Berlin, wo soeben der türkeifreundliche SPD-Kanzler Gerhard Schröder abgewählt worden war.

Aber Kroatien selbst war nie das Epizentrum solcher Träumereien und denkt gar nicht daran, die Tür hinter sich zu schließen, wie Tudjman das noch wollte. Im Gegenteil: Kroatien hat ein Interesse daran, dass die Südosterweiterung rasch weitergeht, und das nicht nur, damit es seine Lebensmittelmärkte behält. Der Grund für die Offenheit liegt in der Kettenstruktur, die auch nach dem Untergang Jugoslawiens alle Balkannationen bis in die Türkei miteinander verbindet. Im Nachbarland Bosnien-Herzegowina stellen Serben und Kroaten zusammen fast die Hälfte der Bevölkerung; ohne Gleichklang zwischen Zagreb und Belgrad kann das Land keinen Bestand haben. Bleibt Serbien draußen, droht dem Nachkriegsland wieder eine Zerreißprobe, von der auch Kroatien – direkt oder indirekt – in Mitleidenschaft gezogen würde. Ganz Europa damit auch.

Viele potenzielle Mallorcas

Zwar wacht noch immer eine militante Veteranenszene in Kroatien über die Abgrenzung gegen die Serben, und die „Mütter von Vukovar“ erklären sogar, es sei eine Verletzung ihrer Gefühle, wenn in kroatischen Schulen die kyrillische Schrift verwendet werde. Aber die sozialdemokratisch geführte Regierung von Premier Zoran Milanović hält dagegen und hat die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich.

Auf die wirtschaftlichen Probleme Kroatiens schließlich wird, wenn überhaupt, nur Europa eine Antwort finden. Der Fonds zur regionalen Entwicklung findet hier ein reiches Betätigungsfeld vor. Die Küste hat das Zeug zur Côte d’Azur und blickt zudem auf viele potenzielle Mallorcas. Nur hat niemand Geld, sie zu bauen, und gleichzeitig zieht es immer mehr ältere Deutsche ganzjährig an die warmen Meere. Selbst die jetzt so betrübte kroatische Lebensmittelindustrie wird glücklich sein über ihren Vorsprung, wenn Serbien und Bosnien der EU beitreten. Der Gewinn ist ein Verlust, der nicht eintritt. Oder nicht so stark.

Norbert Mappes-Niediek ist sei 1992 freier Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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