Nur "ein Stück Identität"?

Menschen sind gleichwertig - Kulturen sind es nicht Einwände gegen Mohssen Massarrats kulturrelativistische Argumente im "Freitag" vom 20. Februar 2004

Wer sich zu einem umstrittenen Thema wie der Kopftuchdebatte in sicherlich provokanter Form äußert, der muss mit heftigen Reaktionen rechnen. Nicht rechnen musste ich allerdings mit der Unterstellung, mein Artikel sei "im Grunde genommen ein Plädoyer für eine reinrassige ... Gesellschaft". Herr Massarat scheint sich selbst nicht sicher zu sein, jedenfalls schwächt er den Vorwurf dann mit dem Zusatz "zumindest aber kulturell homogene" ab. Warum dann nicht gleich auf den Rassismusvorwurf verzichten? Obwohl meine Argumentation selbstverständlich nicht auf kulturelle Homogenität abzielt, kann ich zumindest nachvollziehen, wie bei oberflächlicher Lektüre dieser falsche Eindruck zustande kommt. Biologistisch argumentiere ich allerdings nirgendwo auch nur ansatzweise.

Massarats Argumentation ist durch und durch kulturrelativistisch. "Die Integrationsidee", schreibt er leite sich "vom Prinzip der Gleichwertigkeit der Menschen und Kulturen ab" und am Ende ähnlich: "Parallelgesellschaften (...) können am wirksamsten durch die Verbreitung republikanischer Werte verhindert werden, die von der Gleichwertigkeit der Kulturen und Religionen ausgehen." - Um es ganz klar zu sagen: Menschen sind gleichwertig; Kulturen sind es nicht. Kulturen erzwingen die Beschneidung von Frauen in Afrika oder die Ausgrenzung bestimmter Kasten in Indien. Wenn wir von der universellen Gültigkeit der Menschenrechte ausgehen, können Menschen und Kulturen nicht gleichwertig sein, solange die Menschen in ihren Kulturen nicht gleichwertig sind.

Massarat merkt an, es sei ein historisch ganz und gar normaler Vorgang, dass der Inhalt sich vor der Form emanzipiert, lange bevor die alte Hülle verschwinde. Nur lässt sich dies auf das Kopftuch anwenden? Verlöre der Inhalt an Bedeutung, sollte zumindest ein beginnendes "Verschwinden der Hülle" zu beobachten sein. Bis in die siebziger Jahre war das auch der Fall, seitdem erlebt das Kopftuch aber eine Renaissance. Dies gilt es zu erklären. Massarrats Hinweis auf "Gewohnheit" kann per definitionem kein Wachstum erklären, der Hinweis auf "Identität" führt nur zur eigentlichen Frage: Welche Identität?

Entgegen Massarats Vorwurf, meine Thesen seien "wider jede Empirie" lässt sich hierzu feststellen: Die von kopftuchtragenden Frauen selbst angeführten Argumente - sie fühlten sich "nackt" oder "unangezogen", sie trügen das Tuch "aus Schamgefühl" oder weil es ihnen "vom Islam auferlegt" sei - deuten eher auf eine Rückwendung zu alten Normen hin, nämlich auf eine restriktive Sexualmoral und ein vormodernes Religionsverständnis: "Nackt" fühlt sich, wer seine Geschlechtsteile zur Schau stellen muss; die Vorstellung, das Haar sei Teil der Geschlechtsorgane entspringt einer Interpretation der islamischen Überlieferung, die letztlich den gesamten weiblichen Körper als "Schamgegend" betrachtet. Da der Platz für eine ausführlichere Darstellung fehlt, sei hier auf Ralph Ghadban Das Kopftuch in Koran und Sunna verwiesen (s. www.fes-online-akademie/download/ pdf/Kopftuch.pdf).

Umstritten ist, ob der Islam das Kopftuch vorschreibt. Unbestritten ist, dass es heute eine zentrale Rolle in der politischen Vision der Islamisten spielt. Und deren Einfluss wächst. Der Verfassungsschutz schätzt die Zahl der radikalen Islamisten auf 3.000, weitere 40.000 sind in islamistischen Verbänden organisiert. Wäre unter den Einheimischen Rechtsradikalismus ähnlich verbreitet, gäbe es anstatt der 10.000 gewaltbereiten Rechtsextremisten 80.000; und anstatt auf 40.000 Mitglieder brächten es rechtsradikale Parteien in Deutschland auf 1,2 Millionen (s. Eberhard Seidel in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 11/03).

Hinter den Islamisten stehen die Petrodollars aus Saudi-Arabien, mit ihnen nehmen sie Einfluss auf das Gemeindeleben, investieren in Moscheen und von ihnen kontrollierte kulturelle Einrichtungen. Auch das ist bekannt. - Nehmen wir all dies zusammen: Wenn es zu erklären gilt, warum immer mehr Frauen das Kopftuch tragen, und wir wissen, dass der Einfluss der Islamisten wächst und diese das Kopftuch als Teil ihrer Politik propagieren, es sowohl mit Drohungen als auch mit Anreizen durchzusetzen suchen, wenn wir sehen, dass die Äußerungen vieler Kopftuchträgerinnen mit islamistischen Moralvorstellungen übereinstimmen - wie wahrscheinlich ist es dann, dass dieses Stück Stoff nur "ein Stück Identität" ist?

In einem von vielen Musliminnen unterzeichneten Offenen Brief "demokratisch gesinnter Migrantinnen aus muslimischen und anderen Ländern" an Marieluise Beck als Replik auf deren Aufruf Wider eine Lex Kopftuch erklären die Unterzeichnerinnen: Das "Konstrukt der ›emanzipatorischen Kopftuchträgerin‹ ist empirisch (...) eine quantitativ vernachlässigbare Gruppe. (...) Diese jungen Frauen (...) sind praktisch machtlos gegen die Instrumentalisierung durch islamistische Kräfte."


00:00 02.04.2004

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