O Himmel

Berlin Die Volksbühne zeigte Frank Castorfs „Brüder Karamasow“. Der Abend wurde zur Demonstration der Stärke – und zur Hommage an Bert Neumann
Thomas Irmer | Ausgabe 46/2015

Ausgedacht und eingeplant war dieser späte Abend nach rund sechs Stunden Theater mal als Fest zu Bert Neumanns 55. Geburtstag. Es wurde eine Trauerparty für den am 30. Juli verstorbenen Chefausstatter der Berliner Volksbühne in dessen russischer Großinstallation für Die Brüder Karamasow rund um das wie eine hucklige Baustelle asphaltierte Parkett.

Anfangs saß darauf das Publikum noch in stiller Erwartung und lauschte den melancholisch lässigen Liedern von Alexander Scheers Band. Martin Wuttke und Josef Bierbichler schlenderten nach allen Seiten grüßend herein, Lilith Stangenberg hatte sich nach den Strapazen der überlangen Vorstellung ganz untrauernd umgezogen, und als Sophie Rois das Mikro für den Song House for Sale aus der auch von Neumann ausgestatteten Pollesch-Inszenierung mit dem gleichen Titel ergriff und die Leute praktisch schon auf die Bühne bat, war klar: Hier werden keine Reden gehalten und keine andenkenden Einspielfilme gezeigt.

Zwei Stunden später hatte sich die Szene zu einem wilden Rock-Karaoke gewandelt. Der ans Haus zurückgekehrte Dramaturg Carl Hegemann sang Neil Youngs Klassiker My My, Hey Hey (Out of the Blue) mit den wahrscheinlich an den Bühnenbildner gerichteten Zeilen: „There is more to the picture than meets the eye“. Der Asphalt war inzwischen übersät von Zetteln mit dem Motto des Abends: „Do you see the rabbit on the roof?“ Auf der Rückseite ein Ausschnitt aus Wladimir Sorokins Hochzeitsreise darüber, wie man richtig Wodka trinkt. 1995 hatten Castorf und Neumann das Stück – lange noch vor der großen Dostojewski-Serie – im Prater uraufgeführt, in einer unvergesslichen Kartonkistenästhetik, deren Realmaterialcharakter bereits zur Neumann-Gesamtkunstwerk-Strategie der Volksbühne gehörte.

Die Brüder Karamasow hatten im Juni bei den Wiener Festwochen ausgerechnet in einer ehemaligen Sargfabrik Premiere. Für die Berliner Aufführungsserie gestaltete Neumann den großen Saal seines Theaters komplett um. An den Wänden lila Lametta, vorn ein russisches Blockhaus mit schwarzem Tümpel und Minipavillon, links große Holzgebilde, von denen eines als Sauna Dampf macht. Das Publikum auf riesigen Sitzsäcken auf dem rutschfesten Asphalt.

Ost und West

Gespielt wird aber auch vor Live-Kameras in diversen Außenräumen bis hoch aufs Dach, wo Alexander Scheer als Iwan Karamasow neben den ikonischen OST-Großbuchstaben und über dem am Horizont verschwindenden Meer Berlins die „Legende vom Großinquisitor“ über den Begriff der Freiheit und den Störfaktor Jesus nicht nur ans Publikum gibt, sondern gleichsam über die ganze Stadt verströmt. Am Sonntag zu einem ungewöhnlichen grau-roten Sonnenuntergang, der wie eine Hommage vom Himmel wirkte!

Vor zwölf Jahren hatte der jetzt immer wieder als Castorfs wichtigster Partner Erinnerte schon einmal die Volksbühne zu einem Totalraum für Dostojewskis Idiot umgebaut. Das Publikum wurde auf der mehretagigen Drehbühne bewegt und blickte in die „Neustadt“ mit ihren Kaschemmen, Läden und Wohngebilden, die überraschenderweise aber zusammen auch eine Skyline bildeten – groß und kleinteilig in einem. Der Zuschauerblick wurde ständig herausgefordert, weil an der Drehtribüne auch noch etliche Monitore für die gefilmten Live-Bilder steckten. Dieses doppelte Sehtheater im entgrenzten Zuschauerraum war ein Höhepunkt der Hybridisierung von Film und Theater auf der Bühne.

Nun, bei den Karamasows, gibt es überm Russenhaus einen Großbildschirm, von dem die wunderbaren Schauspieler – Hendrik Arnst als Vater, Marc Hosemann, Alexander Scheer, Daniel Zillmann und die wie immer überwältigende Sophie Rois als Söhne – in vielfacher Zerrissenheit ihrer Figuren oft kameradirekt in diese lamettadunkle, asphaltierte Riesengruft hineinblicken. Dostojewskis Kriminalgeschichte vom Vatermord durch vier Söhne ist bei Castorf vor allem eine Meditation über Ost und West, das Schisma von Liberalität und Orthodoxie in Europa, Familie und gescheiterte Utopien.

In den Dostojewski hat Castorf Texte des postsowjetischen Autors DJ Stalingrad über eine verrohte, orientierungslose Jugend hineingemischt. Bert Neumann setzt dazu ein Bild des jungen Stalin – und nimmt so die Fäden des unbeendeten Romans in die jüngere Vergangenheit auf, in der Aljoscha (Daniel Zillmann), der hoffnungsvollste Karamasow, als Lumpenproletarier des Sowjetzerfalls erscheint. Nur in Neumanns Architektur dieses Traumaraums und mit diesem einen, wahrscheinlich allein Experten bekannten, aber geradezu verführerischen Jung-Stalin-Bild als assoziativem Horizont der Handlung ist das der Castorf-Karamasow geworden, der die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ausmacht und auszeichnet.

Der kongeniale Partner wird schmerzlich fehlen, und er ist in einem schwierigen Moment gegangen. Aber er hat noch einmal gezeigt, was sein Haus ist und bei allem in der Erinnerung an ihn auch in der Zukunft bleiben wird.

Info

Die Brüder Karamasow Regie: Frank Castorf, Bühne: Bert Neumann Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

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