Auf der Seite der Opfer

Flucht Im Film „Was geschah mit Bus 670?“ sucht eine Mutter ihren Sohn, der auf dem Weg von Mexiko in die USA verschollen ist

Zwei junge Mexikaner sind spurlos verschwunden. Sie haben sich auf den gefährlichen Weg zur US-Grenze gemacht, die sie illegal überqueren wollten. Es war kein spontaner Einfall, sondern ein geplanter Entschluss. Wie man später erfährt, haben ihnen die Eltern bei den Vorbereitungen für die Reise sogar geholfen, haben ihnen die Taschen gepackt. Wahrscheinlich, weil sie sich gewünscht haben, dass es ihre Kinder im reichen Norden besser haben. Dass sie ihnen später vielleicht Geld schicken können. „Jetzt sind schon zwei Monate vergangen“, berichtet eine Frauenstimme zu Beginn des Films, wenn die beiden Freunde, zum Aufbruch bereit, nebeneinanderstehen. Das Bild ist Rückblende und eine Erinnerung, an der sich Magdalena (Mercedes Hernández) festhält.

Denn die Mutter von Jesús will die Hoffnung nicht aufgeben, obwohl mittlerweile die Leiche seines Freundes ins Heimatdorf überstellt wurde. Sie war mit dessen Mutter bei einem Polizeibeamten, der ihnen einen Aktenordner zeigte: Fotos von an der Grenze aufgefundenen Toten aus den vergangenen Wochen, säuberlich geordnet in Klarsichtfolien. Beim Begräbnis macht sich der Vater des Freundes schwere Vorwürfe, weil er die beiden nicht selbst bis zur Grenzmauer gebracht hat – zu jenem Ort, zu dem Magdalena nun aufbricht. Denn sie will nicht, dass die Behörden ihren Sohn für tot erklären. Sie macht sich auf die Suche nach ihm.

Die Erzählung hat verstörende Lücken

Der Film Was geschah mit Bus 670? begleitet seine schüchterne, aber hartnäckige Heldin auf einer Odyssee: durch Notunterkünfte, in denen sie auf Gestrandete trifft, durch Polizeistationen, in denen sie keine zufriedenstellenden Antworten auf ihre Fragen erhält, und schließlich durch verlassene Dörfer und karge Landschaften, in denen sie zunehmend verlorener wirkt. Bis sie die sogenannte „Todeszone“ vor dem kilometerlangen Stacheldraht erreicht – und dem mysteriösen Verschwinden von Jesús langsam auf die Spur kommt.

In ihrem mehrfach prämierten Regiedebüt setzt die junge Filmemacherin Fernanda Valadez vorsätzlich auf verstörende Lücken in der Erzählung. Dass Magdalena ihrem Ziel näher gekommen ist, erfährt man durch abrupte Schauplatzwechsel. Immer wieder braucht es neue Anhaltspunkte zur Orientierung in einer zunehmend feindlichen Umgebung. Weniger als die Strapazen der Reise stehen denn auch jene des Wartens und Bangens im Vordergrund.

Das Warten zermürbt

Für diese Szenen der Zermürbung durch die schleppende Vorgehensweise der Behörden findet Valadez die eindringlichsten Bilder: für das Anstehen in der scheinbar endlosen Warteschlange für die Entnahme von Blutproben, die zum Abgleich in die Hauptstadt geschickt werden. Oder für das Anschauen von Bildern von Fundgegenständen, die den anonymen Toten zugeordnet werden sollen.

Valadez erweitert Magdalenas Reise außerdem um zwei Nebenhandlungen, die für ihre Suche eine entscheidende Rolle spielen: Eine andere Mutter, die einen nicht mehr zu identifizierenden Leichnam als den ihres Sohnes akzeptiert, überzeugt sie, die Suche nicht aufzugeben. Und ein aus den USA abgeschobener junger Mexikaner namens Miguel macht sich auf den Weg zurück in sein Heimatdorf. In einer großartigen Plansequenz folgt ihm die Kamera durch die Drehkreuze und Absperrungen, vorbei an Soldaten, die mit verschränkten Armen den Strom der Rückkehrer beaufsichtigen. Miguel sieht man dabei nur in der Rückenansicht. „Von hinten sehen wir alle gleich aus“, wird er später zu Magdalena sagen, mit der er, in unmittelbarer Grenznähe, vorübergehend eine kleine Zweckgemeinschaft bildet.

Valadez vertraut auf eine realistische und zugleich kunstvolle Inszenierung, auf lange Einstellungen und ein langsames Erzähltempo. Doch wer dies bekrittelt, übersieht, dass es Valadez eben gerade um diese Erfahrung geht. Eine lange Weile bedeutet im Kino nicht Langeweile. Bemerkenswert ist jedenfalls die Entscheidung, das Geschehen nahezu ausschließlich aus der Perspektive Magdalenas zu entschleunigen. Weil etwa der Mann, der mit Jesús im selben Bus unterwegs war, in der Dunkelheit unsichtbar bleibt und einen lokalen Dialekt spricht, kann Magdalena – und können damit auch wir – ihn weder sehen noch verstehen. Nichts zu sehen ist auch von den aus US-Thrillern hinlänglich bekannten Kartellen und Schlepperbanden, gefunden werden hingegen deren Opfer. Und doch macht Valadez, bis dieser Film auf sein nahezu mystisches Finale zusteuert, den menschenverachtenden Gräuel im mexikanischen Grenzland atmosphärisch spürbar. Statt auf konventionelle Spannungsdramaturgie vertraut sie auf kontemplative Betrachtungen. Je näher Magdalena ihrem Ziel kommt, desto bedeutungsvoller geraten die überhöhten Naturbilder: karge Graslandschaften, spiegelglattes Wasser in einem Stausee, ein lilafarbener Abendhimmel.

Die Statistiken für das vergangene Jahr weisen mehr als 600 Todesopfer an der US-mexikanischen Grenze aus, in mehr als 200 Fällen – hierbei handelt es sich um eine Minimalschätzung – lassen sich keine eindeutigen Angaben machen. Als Joe Biden die Finanzierung der von Donald Trump angekündigten Mauer entlang der texanischen Grenze stoppte, kündigte der dortige republikanische Gouverneur kurz vor Weihnachten an, in seinem Bundesstaat die meterhohe Grenzmauer auf eigene Kosten errichten zu wollen. Wie Jesús werden dennoch weiterhin noch Unzählige ihre Taschen packen.

Info

Was geschah mit Bus 670? Fernanda Valadez Mexiko/Spanien 2020, 95 Minuten

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