Ordnung im Gewimmel

Sachbuch Niels Werber zeigt in einer klugen Studie, wie sehr die Ameisengesellschaft unsere Vorstellung vom Zusammenleben dominiert
Erhard Schütz | Ausgabe 43/2013
Ordnung im Gewimmel
Der Ameisenstaat kennt keine demokratischen Prozeduren. Faszinierend ist er trotzdem – oder gerade deswegen

Foto: Eric Feferberg/AfP/ Getty Images

Ameisen überall. Nicht nur, weil sie sich die Erde untertan gemacht haben. Nicht nur, weil der Doyen der Entomologen, Edward O. Wilson, uns ihren Weg der Superorganismen empfiehlt. Sondern weil alle Schwarm-Schwärmer sie zum Vorbild nehmen: Derrida schwärmte, Hardt und Negri machten sie zum Wappentier der Schwarmintelligenz. Früher, in der Fabel, trat ja die Ameise gerne einzeln auf, etwa um die Grille zu belehren, dass es besser sei, beizeiten emsig wie die Emse, zu sein, statt in den Sommertag hineinzufiedeln. Ansonsten waren Ameisen im ungezählten Plural als Sozietäten interessant – für Aristoteles wie Bienen, Kraniche und Menschen politische Tiere. Später dienten sie den einen zum Lob der Monarchie, den anderen zum Preis der Demokratie.

Mit der Sowjetunion und Maos China wurden sie allerdings zu Schreckbildern uniformierter, entindividualisierter Gesellschaften. Nicht selten mussten auch Termiten dafür herhalten, so, wenn der Entomologe Karl Escherich vorm „Termitenwahn“ der Bolschewiken warnte. Dem widersprach in grundsätzlicher Verteidigung humaner Errungenschaften der Individualität 1936 sein Luxemburger Kollege Robert Stumper. Und so fort. Diesem Undsofort hat Niels Werber eine fulminante, grundgescheite Studie gewidmet. „Wer sich für die Frage interessiert, welches Menschenbild und welcher Entwurf einer sozialen Ordnung in einer bestimmten historischen Epoche und kulturellen Situation die Diskurse dominieren, erhält von der Analyse des Bildes der Ameisengesellschaft immer eine Antwort.“

Nur 500 Myrmekologen

Die Antworten haben es in sich, wenn man die richtigen Fragen zu stellen weiß. Werber beobachtet dazu vor allem den Ameisenhandel zwischen Biologie und Sozialwissenschaften. Zwar gibt es nur etwa 500 Myrmekologen (Ameisenkundler) auf der Welt, dagegen Hunderttausende von Sozial- und Geisteswissenschaftlern, aber einige der Ersteren sind besonders erfolgreich mit ihren Deutungsangeboten, wie unter Letzteren viele besonders emsig sind, ihnen diese abzunehmen. Doch was da aus der Biologie transferiert wird, ist zu wesentlichen Elementen wiederum von soziologischen Annahmen vorgeprägt.

Lässt man den Vorlauf bis dahin beiseite, dann geht es im 20. Jahrhundert und heute noch bei der Auseinandersetzung mit den Ameisenstaaten um Beschreibungs- und Prognoseversuche zu den „Massengesellschaften“. Der menschliche Ameisen- oder Termitenstaat wird wahlweise als unausweichlich befürchtet oder aber zum Ziel erklärt. Wobei es da wiederum mindestens zwei Richtungen gibt: die von der angeblichen Hierarchie Faszinierten und die von der angeblichen Selbstorganisation Hingerissenen. Verlockend ist auch die Vorstellung von Organisationen durch Zirkulation und Kommunikation, die die Imperative des Altruismus überflüssig machten: Man müsste mithin Gesellschaft nicht mehr verstehen, sondern nur noch optimieren.

Die Geopolitik der Verameisung wurde durch eine Etho-Öko-Politik abgelöst, in der Ressourcenschonung und Homöostase als Optimum gelten. So liefern jüngste Großerzählungen zu Superorganismen und Welt-Life-Balance, wie sie Edward O. Wilson und die Seinen anbieten, am Vorbild der Ameisenschwärme neue – etwas komplexere – Fabeln für den willigen Mittelstand.

Werber geht zunächst einer aparten historischen Konstellation nach: Hier Ernst Jünger und Carl Schmitt, dort Aldous Huxley und Olaf Stapledon. Während Jünger in seinem Essay Der Arbeiter 1932 den egalitären Arbeiter- wie einen Ameisenstaat beschreibt, der so funktionell wimmelt wie einst die Soldaten im Schützengraben, sorgt sich Carl Schmitt, dass dieser verameiste Staat keine Entscheidungsinstanzen mehr habe. Elite aber muss sein! Aldous Huxleys Brave New World zeigt den Horror eines ameisisch durchregulierten, funktional hierarchisierten Staates, während Stapledons Roman Last and First Man die Entwicklung der Menschenwelt zu einem Superorganismus imaginierte. Hier der Ameisenstaat als hierarchisches, dort als schwarmreguliertes Modell, entweder gefürchtet oder gewünscht.

Ohne Menschen

Werber zeigt von hier aus, wie der „Ameisenhaufen sich als Brutstätte einer neuen Soziologie“ erwies, nämlich einer Gesellschaftsanalyse ohne Menschen. Er entwickelt geradezu detektivisch die Genealogie der Luhmannschen Systemtheorie (wie auch der Kybernetik) aus der Rezeption entomologischer Texte. Eine von Werbers Pointen liegt darin zu zeigen, wie E. O. Wilson in seinem Ameisenroman von dieser Elitenvorstellung so angezogen wurde, dass er sie in sein Konstrukt einbaut – sogar gegen alle Ergebnisse und Tendenzen der eigenen Forschung! Im exuberanten Kapitel zu Wilson läuft Werber noch einmal zu großer Form auf, indem er dessen Ameisenroman, jene „gute Erzählung“ (Wilson), im Dienste seiner gesellschaftsspekulativen biologischen Großtheorie nach allen Regeln der Kunst analysiert und zugleich kontextualisiert, fachlich und künstlerisch, mit sehr interessanten Filmanalysen, etwa zu Phase IV (Saul Bass) von 1974, aber auch beispielsweise zu B-Horror wie Them! (deutsch Formicula) von 1954 oder Tarantula von 1955. Am Film von Bass diskutiert er die Verlockung des Imperativs: Ameisen werden! Nämlich die Suggestion der selbsterhaltenden Selbsttransformation.

Dabei stellt er das zu Recht in den Kontext von Korea, Kaltem und Vietnam-Krieg. Damit wird seine wissensgeschichtliche Studie zugleich sozial- und auch ideologiegeschichtlich gestützt. Und hier hätte man noch konsequenter vorgehen können. Das betrifft nicht nur den etwas kuriosen Umstand, dass der Germanist Werber weitgehend auf die germanistische Literatur zum Thema verzichtet. Schade, denn die Germanistik hätte ihm beispringen können.

So hätte Werbers kluge Analyse der lange Zeit schulnotorischen Novelle Leiningens Kampf gegen Ameisen noch an Argumentationskraft gewonnen: Der Kampf gegen die Ameisen endete in einem Pyrrhussieg, bezwungen wurden sie durch Selbstverameisung. Überhaupt hätte mehr Einblick in die deutsche Literatur den Zusammenhang noch stärker hervortreten lassen. Nur so viel: Escherichs Vorschlag der Insektifizierung der Nazi-Gesellschaft war den Nazis eher suspekt. Auf entsprechende Beschreibungen reagierten sie ziemlich allergisch. So bekamen die Neue Rundschau und Gerhard Nebel, Adept Schmitts und Jüngers, 1940 Probleme, weil Nebel in einem Essay ziemlich unverblümt den NS-Staat als Insektifizierungsstaat beschrieben hatte. Je prekärer aber die Kriegssituation nach 1943 wurde, desto mehr wurde propagandistisch auf die Ameisen und ihre zähe Unausrottbarkeit als Vorbild zurückgegriffen.

So waren es unmittelbar nach 1945 auch nicht nur die Auseinandersetzungen mit dem sowjetischen Kollektivismus und der atomaren Situation, die Ameisen und Termiten – etwa bei Axel Eggebrecht oder Günter Eich – Konjunktur haben ließen, sondern die Erfahrungen im Bombenkrieg: In vielen Aufzeichnungen aus jener Zeit findet sich die Ohnmacht in den Trümmern ins Bild von Ameisenzügen oder Ameisengewimmel gefasst – bis dann allmählich wieder nur mehr die anderen die Ameisen waren.

Ameisengesellschaften. Eine Faszinationsgeschichte.
Niels Werber S. Fischer 2013, 475 S., 24,99 €
Am 7. November gibt es die nächste Sachbuchkolumne von Erhard Schütz

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06:00 06.11.2013

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