Originalität ist mehr als ein Wort

Musik Die Band The Enemy legt ihr zweites Album vor. Und zeigt damit, wie eine junge Band nach einem grandiosen Debüt scheitern kann beim Versuch, ein Meisterwerk abzuliefern

Tom Clarke ist ein Prophet von Katastrophen. Ein Hiobsbotschafter avant la lettre. Vor zwei Jahren erschien das Debütalbum seiner Band The Enemy, das unter dem Titel We’ll live and die in these Towns die Wirtschaftskrise vorwegnahm. Die Songs handelten von jungen Menschen ohne jegliche Aussichten, von Menschen, die keine privilegierte Kindheit erlebt haben und die daher keine rosige Zukunft erwartet. Es handelte sich um ein Album, das typisch war für die britische working class – das Titelstück bot gar traditionelle Arbeiterblaskapelle-Arrangements. Zwei Jahre später sind 1,5 Millionen Briten in der Altersgruppe zwischen 16 und 24 Jahren arbeitslos.

We‘ll live and die in these Towns erreichte 2007 Platz 1 in den englischen Charts, womit die Bandmitglieder nicht mehr zu den Leuten gehörten, von denen ihre Songs erzählten. Sie hatten ihre Arbeiterklassekindheit in Coventry gut überstanden. Im Sommer spielen sie nun als zweite Headliner-Band neben Oasis vor riesigem Publikum: Wembley-Stadion in London, Millennium-Stadion in Cardiff, Heaton Park in Manchester.

Die Enemy-Musiker leben nicht mehr in Coventry, haben aber nicht vergessen, woher sie kommen. Das bezeugen die neuen Songs auf dem zweiten Album Music for the People, die nicht herablassend, sondern mitfühlend wirken. Der Albumtitel ist schlicht und aufrichtig, der Text einfach und nicht belehrend. Wie bei Don’t break the red Tape: „Welcome to England where there is no Fun/where there is no Choice for any of us/where there is no left, there is no right/New Labour’s a Joke just another Thatcherite.“

Tom Clarke, der Sänger, ist kein Intellektueller. Er hat dieselbe Attitüde wie alte Helden, die für den Punk gesprochen haben: Paul Weller von The Jam oder Joe Strummer von The Clash. Bislang fehlt Clarke nur die Poesie der beiden. Seine Band The Enemy aber ist leidenschaftlich.

Das Problem ist nun, dass Music for the People musikalisch leider enttäuschend ist, es kann sich qualitativ mit dem Debüt nicht messen. Man sucht vergebens rigorose Punk-Statements, kurz und bündig, die die erste Platte noch so unwiderstehlich gemacht haben. Die neuen Kompositionen wirken unnötig ausgedehnt und schwülstig: Streicherarrangements können, wenn sie hymnenartig sind, eine reizvolle Ergänzung sein. Aber dann müssen sie auch zur Hymne taugen.

Die Stücke auf dem ersten Werk waren teilweise nah am geistigen Diebstahl; das Titelstück We’ll live and die in these Towns schien The Jams That’s Entertainment sehr viel zu verdanken. Das Resultat aber war so spannend, das man The Enemy die offensichtliche Nachahmung leicht nachsehen wollte. Nun sind die Ergebnisse weniger befriedigend, und das Kopistentum tritt ärgerlicher hervor: Don’t break the red Tape klingt wie eine schlechte Version von London Calling von The Clash, während Nation of checkout Girls wie ein Abklatsch von Pulps Common People wirkt. Originalität ist ein relativer Begriff, aber das fällt nicht darunter.

So sind die gelungensten Stücke die, die am wenigsten ehrgeizig aufgebaut sind: eine einfache Ballade wie Keep Losing etwa. Auch das zeigt: The Enemy haben sich zu sehr angestrengt, ein Meisterwerk abzuliefern und über das Ziel hinausgeschossen. Ob die Hybris dem Alter geschuldet ist – die Jungs sind Anfang 20 – oder ob sie wirklich nicht das Zeug für Größeres haben, wird sich zeigen.


The Enemy in Deutschland: am 27. Mai in Köln (Luxor), 28. Mai in Berlin (Columbiahalle), 29. Mai in Hamburg (Knust)

15:30 28.05.2009
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