Ort der fremden Seelen

Griechenland An der Grenze zu Mazedonien abgewiesen, stranden viele Flüchtlinge aus Afghanistan mitten auf dem Victoria-Platz in Athen
Helena Smith | Ausgabe 09/2016
Ort der fremden Seelen
Für manche ein fast heiliger Ort: der Victoria-Platz in Athen

Foto: Louisa Gouliamaki/AFP/Getty Images

Mohammed Daoud ist der Erste, der davon spricht, dass er sich auf einer „Mission“ befinde. Wie für die 16 Mitglieder seiner Familie und alle anderen Afghanen, die sich unter den Maulbeerbäumen auf dem Victoria-Platz in Athen niedergelassen haben, lautet sein Wahlspruch einfach: „Weiter, weiter, weiter. Uns zieht es nach Deutschland, wohin sonst?“ Mohammed wiegt den noch kein Jahr alten Enkel auf dem Arm. „Uns bleibt keine andere Wahl. Wir müssen dorthin.“

Dass man dies in Deutschland anders sehen könnte oder andere Umstände der Reise ein jähes Ende setzen, spielt für Daoud im Augenblick keine Rolle, auch wenn er das schon erlebt hat „Ich bin mit meiner ganzen Familie unterwegs: sechs Söhne, sechs Enkelkinder, zwei Schwiegertöchter, ein Schwiegersohn und meine Frau. Wir sind mit dem Flugzeug in den Iran gereist, dann mit einem Bus nach Teheran hinein gefahren. Dort konnten wir zwei Autos und zwei Chauffeure mieten, um bis an die türkische Grenze zu fahren. Die mussten wir zu Fuß überqueren, dann ging es wieder in einem Kleinbus weiter – das Schlimmste war das Übersetzen mit dem Schlauchboot nach Lesbos. Wer so weit gekommen ist und so viel Glück hatte, der wird jetzt bestimmt nicht aufgeben.“

Tee und Schokolade

Mit entschlossener Miene greift der 55-Jährige – einst war er Offizier der afghanischen Nationalarmee – in seine Brusttasche und holt einen Busfahrschein heraus. Ein Dokument, von dem er sich erhofft, es werde seine Familie in den Norden Griechenlands und schließlich nach Mazedonien bringen.

Für Daoud ist der Victoria-Platz ein geradezu heiliger Ort, tatsächlich aber nur ein weiterer Transitraum auf einer Odyssee Richtung Mitteleuropa. So wie er sind in den vergangenen Tagen Tausende in Athen gestrandet. Seit sich Mazedonien nicht ganz unvermittelt dazu entschlossen hat, seine Grenzen für all jene zu schließen, die nach Ansicht der Regierung in Skopje aus keinem Kriegsgebiet kommen, sitzt Daoud mit der Familie fest und klammert sich an die ohnmächtige Erwartung, die Tage des vor sich hin Dämmerns würden bald vorbei sein. Daouds Schicksal teilen über 25.000 andere, mehrheitlich Afghanen und Pakistaner. Noch nie seit Beginn der Flüchtlingskrise war für sie das Tor nach Europa derart verriegelt wie jetzt.

Auch wenn sie das wollte, kann die griechische Regierung den Gestrandeten kaum helfen. Sie ist inzwischen genauso abgehängt wie die um Hilfe und Obdach bettelnden Menschen aus Masar-e Scharif oder Dschalalabad. Nach den Syrern bilden Afghanen seit Sommer 2015 die zweitgrößte Gruppe der Griechenland passierenden Migranten. Die staubigen, heruntergekommenen Straßen zwischen den mehrgeschossigen Häusern rings um den Victoria-Platz wirken wie eingetrocknete Wasserläufe, die Trottoire mit ihren schiefen Steinplatten wie urbane Metaphern des Verfalls und der Entbehrung. Dieser Eindruck allein ergäbe ein ziemlich deprimierendes Bild, wäre da nicht der Wille der meisten Flüchtlinge, keinesfalls aufzugeben. Diese Entschlossenheit befeuert die größte Migrationsbewegung, die der europäische Kontinent seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt.

„Wenn man sich in Athen über die Flüchtlingskrise unterhält, sprechen die Leute über den Victoria-Platz“, erzählt Polis Pandelides von der griechischen Heilsarmee, die eine Aufnahmezentrum für Hilfesuchende betreibt. „Es heißt, nach den Ägäis-Inseln sei das der Ort, um Verwandte wiederzufinden, die man unterwegs aus den Augen verloren hat, um Geld zu besorgen, Nachrichten auszutauschen oder sich eine Busfahrkarte zu kaufen – solche Dinge eben.“

In den zurückliegenden Monaten kamen mit der ständig steigenden Zahl von Migranten auch mehr Hilfsorganisationen und NGOs auf den Platz. Zu Beginn der Woche erschienen an einem Nachmittag niederländische Freiwillige aus Den Haag, um Tee, Kaffee und Schokolade auszuschenken. Gestalten, die wirkten wie Obdachlose – zumeist junge Männer aus Libyen, Tunesien und Algerien – ergriffen hastig die Styroporbecher und wollten sonst nicht angesprochen werden. So steht der nach Queen Victoria – sie regierte Großbritannien von 1837 bis 1901 – benannte Platz mittlerweile auch für eine virulente Angst vor Chaos und Aufruhr, die von diesem „Lagerplatz der Seelen“ (Alexis Tsipras) bei den Einheimischen ausgelöst wird.

Der Rückstau an der Grenze zu Mazedonien, der etwas abgemildert wurde, als man gut tausend Afghanen und Nordafrikaner mit Bussen zurück nach Athen brachte, hat diese Furcht geschürt. Abertausende von Flüchtlingen könnten gezwungen sein, im ökonomisch darniederliegenden Griechenland zu bleiben. In Anbetracht der seit Jahren um sich greifenden Verarmung ist Athen in keiner guten Verfassung, um mit so vielen Hilfsbedürftigen zurechtzukommen. So hat denn auch die Regierung von Premier Tsipras Österreich scharf dafür gerügt, dass es zusammen mit den Staaten Ex-Jugoslawiens sowie Ungarn Fakten schafft, um Druck auf sein Land auszuüben. Der neue SPÖ-Verteidigungsminister Peter Doskozil hat gar die NATO aufgefordert, eine Task Force loszuschicken, die verhindert, dass noch mehr Menschen über die Ägäis nach Griechenland kommen. Nach der Westbalkan-Konferenz in Wien Mitte letzter Woche meinte der griechische Außenminister Nikos Kotzias, die derzeitigen Probleme der EU könnten nicht bewältigt werden „mit einer Mentalität, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert“ habe, also nationalstaatlichem Furor zu Gefallen sei.

Einfach nur warten

Mohammed Daoud, der mit seiner Familie die gefährliche Überfahrt von der Türkei nach Griechenland erst vor wenigen Tagen hinter sich gebracht hat, glaubt nicht daran, dass die Blockade der Balkanroute lange dauern wird. Er könne warten. „In der Türkei haben wir einen Monat zugebracht, um auf dieses verdammte Schlauchboot zu kommen. Wie viel Zeit wir brauchen auf unserer Reise, das ist nebensächlich. Denn es führt kein Weg zurück.“ Mohammed reibt sich die Augen. „Als Offizier habe ich gegen die Taliban gekämpft, viele gestellt und hinter Gitter gebracht. Sie sinnen auf Rache. Meine ganze Familie ist deshalb in Gefahr, getötet zu werden, sollten wir jemals in unsere Heimatstadt Ghazni zurückgehen. Überleben können wir nur in sicherer Entfernung von Afghanistan.”

Bis auf weiteres sei nun der Victoria-Platz die neue Heimat, genau wie für all die anderen, die in einer Stadt feststecken, in der sie nie bleiben wollten und die sie nicht wirklich versorgen kann.

„Man nimmt Anteil am Schicksal dieser Menschen, die mit kleinen Kindern auf dem Arm vor dem Krieg fliehen“, sagt Afrodita Kotzai mit Tränen in den Augen. Sie steht zusammen mit ihrem Mann Miri vor ihrem Haus in der Nähe des Platzes. Wie viele Landsleute ist das albanische Paar mit einer Migrationswelle vor mehr als zwei Jahrzehnten in die Gegend gezogen. Jetzt fürchten sie wie ihre griechischen Nachbarn, die Situation auf dem Platz könne eskalieren. „Viele Anwohner haben schon jetzt Bedenken, ihre Wohnung zu verlassen“, erzählt Afrodita. „Das wird sich zuspitzen, wenn sich mit jedem Tag mehr Menschen hier niederlassen und einfach nur warten. Da wird vor unser aller Augen eine Bombe gelegt, die irgendwann hochgeht. Wahrscheinlich schon bald.“

Helena Smith ist Griechenland- Korrespondentin des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 16.03.2016

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