Orte des Widerstands

Davos und Mumbai Gegen einen Gegner, der überall und nirgends wäre, könnte kein Kampf erfolgreich sein

Demonstrieren ist nicht genug, sagte Arundhati Roy in Mumbai; in Davos zeigte sich, dass sie Recht hat. Die globalisierungskritische Bewegung konnte jahrelang wachsen und gedeihen, indem sie zu den Treffen der globalen Wirtschaftseliten und ihrer politischen Repräsentanten anreiste und Gegenveranstaltungen organisierte. Diese Phase ist vorbei, denn die Mächtigen haben sich vom Schrecken über den Widerstand erholt. Sie kontern simpel: Ihre Treffen werden "weiträumig abgesperrt". Das funktionierte in Davos wieder perfekt. Kritische Appelle und Analysen, die in der Davoser Gegenveranstaltung vorgetragen wurden, blieben wirkungslos, weil die Mächtigen selber ebenso kritisch zu sein schienen und die Zeitungen dann lieber über Letzteres berichteten. Zum Beispiel über den Auftritt des guten Menschen Bill Clinton, der von den Politikern und Wirtschaftsführern verlangte, sie möchten der Dritten Welt in der Globalisierung mehr helfen.

Es kam in Davos zur Geltung, dass die Dritte Welt sich selbst zu helfen beginnt. Das Scheitern der Freihandelsrunde in Cancún vor ein paar Monaten, wo sich Staaten wie China, Brasilien und Indien der US-Regie offen widersetzten, zeigte in Davos Nachwirkungen. Stolz erklärte etwa der indische Informationsminister Arun Shourie, die Welt habe viele Wachstumsmotoren, nicht nur die USA, sondern auch Brasilien, Russland und andere, auch Indien mit einem Wachstum von fünf bis sechs Prozent jährlich. Bill Gates fügte an, Chinas Bruttoinlandsprodukt werde das der USA in 20 Jahren überholen. Wenn man die Foren in Davos und Mumbai aufeinander bezieht, ist das der gemeinsame Focus: Auch Frau Roy feierte die "Entgleisung" der Verhandlungen in Cancún. Sie hatte aber klarzustellen, dass dies kein Erfolg von Regierungen war, sondern "das Resultat des Kampfes von vielen Millionen Menschen in sehr vielen Ländern über Jahre hinweg".

Denen wird nichts übrig bleiben, als den Kampf gerade so fortzuführen, wie sie es skizzierte. Ob ein Widerstand erfolgreich ist oder nicht, entscheidet sich an der Fixierbarkeit von Orten, gegen die er sich richten kann. Das müssen Orte sein, in denen die Macht des Gegners nicht nur gezeigt wird, sondern tatsächlich verankert ist. Gegen einen Gegner, der überall und nirgends wäre, könnte kein Kampf erfolgreich sein. Aber ein solcher Gegner sind die transnationalen Konzerne nicht. Die Adressen ihrer Zentralen, Werkstätten und Filialen sind bekannt. Solche Orte können weder beliebig hin- und herreisen wie die Teilnehmer der G 8-Treffen, noch ist ihre "weiträumige Absperrung" möglich, denn es sind zu viele, und sie wären nicht bloß ein paar Tage zu schützen, sondern immer. Demonstrieren ist nicht genug: Es muss vor den wirklichen Mauern der Macht geschehen.

Für die Analyse, die Arundhati Roy anstellte, steht in Europa der französische Bauernführer José Bové. Er wurde durch die von ihm organisierte Besetzung des Bauplatzes einer McDonald´s-Filiale bekannt. So zeichnet sich eine Strategie ab, eine Waffe der Globalisierungskritik. Falls das Weltsozialforum auch einmal in einem Täterland abgehalten wird, in New York, Paris oder Berlin, könnte Bové der Hauptredner sein.


00:00 30.01.2004

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