Outdoor-Märchen

Mythos Massen von Touristen kraxeln heute im Gebirge herum, einst urige Hütten sind heute Komfort-Hotels. Und dann dieser Müll überall!

Wind und Regen pfeifen mir um die Ohren. Besonders unangenehm jedoch ist der Nebel. Wie ein dunkler Mantel umhüllt er mich, macht nur schwer die weiß-blauen Zeichen ersichtlich, denen zu folgen ist, um den Gebirgspass zu erreichen, von dem aus sich das nächste Tal erreichen lässt. Ich keuche, strenge mich an, laufe und springe über Granitblöcke, versuche die Richtung zu halten. Nicht leicht ohne GPS-Gerät, klare Sicht und Wegspuren – der Kompass hilft, gelegentlich tun es die Gipfel, wenn sich ihre Abrisse hinter den Wolkenschwaden abzeichnen. Zwar mache ich, was mir seit Langem vorschwebte: eine zweiwöchige Wandertour in den Südalpen als Selbstversorger. Doch jetzt fallen nur noch Flüche über Wetter und Weg – und vor allem über meine Sturheit. Warum blieb ich nachmittags trotz Unwetterwarnung nicht in der netten Hütte, warum jetzt weitere 1.000 Höhenmeter im Auf- und dann wieder im Abstieg? Ich ging weiter, wähnte mich fit und erfahren genug. Nun, alleine im Nebel auf 2.500 Metern inmitten einer Mondlandschaft, kommen Zweifel und Ängste. Beim Aufbrechen verdrängte ich, was es heißt, in den Bergen zu sein, mich demütiger gegenüber einer Umgebung zu verhalten, die den Menschen stets überrumpeln kann.

Dass ich die Naturgewalt – wieder einmal – unterschätzte, ist freilich nicht nur meinem Übermut und meiner Sturheit geschuldet, sondern auch einer Erzählung, die uns versichert, dass das Draußen-Sein einem Märchen gleicht, in dem wir immer erfolgreich Gipfel besteigen, auf Heidi-Wiesen in der Sonne liegen, perfekt vom Alltag abschalten. Das Outdoor-Erlebnis ist ein Traum, den viele träumen – zur Freude einer großen Industrie, die dazu anspornt. Doch die Realität, sie ist meist nüchterner. Auf den beliebten alpinen Fernwanderwegen, etwa dem E5 von Oberstdorf nach Meran, zeigt sich, was Outdoor-Sehnsüchte, tausendfach gehegt, eben auch produzieren. Es sind überfüllte Hütten, verstopfte Wege, vermeidbare Unfälle, unfitte Wanderer, die zu viel von sich halten. Weder auf den beliebten Gipfeln und Überschreitungen noch besonders in den Hütten, wo täglich Hunderte essen, trinken, schlafen, möchten sich recht die Ursprünglichkeitserlebnisse einstellen, denen alle nachhecheln. Der allgemeine Trubel schafft eine trügerische Geborgenheit. Das Risiko der Berge scheint minimiert, die Aufregung wallt in verdaubaren Portionen auf – kein Gipfel, Pass oder Steig ist wirklich weit von der nächsten Unterkunft entfernt, Leute sind genug unterwegs, im Zweifel bleibt die Bergwacht. Leicht ist man sowieso unterwegs, denn abends wartet der deftige Hüttenschmaus und morgens wurde man schon gut versorgt. Die Gefahren verschwimmen, das Hochgefühl, heroisch die Natur zu bezwingen, kommt leicht.

Auf dem falschen Gipfel

Im Grunde zeigen überlaufene Regionen der Alpen wie das Allgäu, dass sich in den Bergen nicht nur schöne Träume entfalten, sondern harte soziale Aneignungen geschehen. In vielen Alpenregionen gastiert nur mehr ein bestimmtes Milieu, die abgesicherte Mittelschicht. Sie gibt dem Raum sein Gepräge, besetzt Hütten und Wege, gönnt sich Equipment, Führungen und Halbpensionen. Welche Berghütten bieten wie früher Selbstversorgerbereiche für die weniger Betuchten? Wo im Gebirge verstecken sich die Hippies, die einfacheren Leute, die jungen Generationen mit bescheidenem Budget? Immer weniger trifft man sie an. Denn das Outdoor-Abenteuer wird zusehends zum Traum einer bestimmten Klasse. Und sie träumt diesen Traum, ihr kleines Abenteuer, gerne und häufig, bei Sommerhitze wie Winterschnee, weder um wertige Ausrüstung noch um neue Fernziele ist ihr Geld verlegen.

Früher, gar nicht lange ist es her, war das noch anders. Über viele Jahre, mehr als ein Jahrzehnt, nahm ich, Jahrgang 1986, als Kind und Jugendlicher in Katalonien an einem Wanderverein teil, der Unió Excursionista de Catalunya (UEC). Wir unternahmen viel bei der UEC, jedes zweite Wochenende ging es raus. Meist waren wir wandern. Aber auch Skifahren, Höhlenbesichtigungen oder Kletterausflüge standen an. Jeder Ausflug war ein Abenteuer. Wir verliefen uns regelmäßig, unsere Karten waren nicht die neuesten. Und nicht nur das: Die eine hatte immer zu wenig Wasser dabei, die Liebespärchen blieb oft weit zurück und blieben dann unauffindbar, andere (etwa ich) rannten immer vor – auf die falschen Gipfel. Kurzum, bei der UEC herrschte (und herrscht), trotz einer gewissen Planung, meist fröhliche Anarchie. Ohne viel Sicherheitsbedenken ließ man sich ein ins Abenteuer. Ausrüstung? Miefige Ponchos, Rucksäcke aus der Rumpelkammer, Baujahr 1970. Wanderschuhe aus Sport-Discountern für fünfzig Euro mussten für Hochtouren reichen. Verpflegung? Meist kochten wir selbst, zuweilen gab es Hüttenessen. Hieß damals: verkochte Spaghetti mit Dosentomaten und Reibekäse aus alten Alutöpfen. Machte satt, kostete wenig.

Alte Zeiten sollte man nicht nur idealisieren. Bei den zweiwöchigen Camps, die wir im Sommer in den Pyrenäen verbrachten, erkrankte oder verletzte sich häufig jemand und musste aufwendig ins nächste Dorf gefahren werden. Zuweilen flog uns der Rettungshelikopter an. Und wild hieß eben auch, dass viele machten, nach was ihnen gerade war. Es wurde viel gekifft und getrunken, oft glichen wir mehr lottrigen Hippies als sonst etwas. Bei Unwettern stülpten wir auf die Spitzen der kanadischen Zelte schmutzige Socken, es war unser Schutz gegen Blitze. Zum Glück wussten die Eltern so wenig davon wie von allem anderen. Handys waren rar, die Funklöcher groß. Zeitweilig schüttelten wir die Abhängigkeiten von Schule und Familie ab. Dazu kamen Naturerlebnisse, die überraschten: einmal mit ewig nassfeuchten und verhangenen Tagen, ein andermal mit Sternennächten, die einem im Biwaksack entgegenfunkelten.

Gerade in den Pyrenäen ereignet sich seit der Jahrtausendwende ein Strukturwandel. Die alte Welt, wie ich sie noch mit der UEC erlebte, verbleicht und macht einer neuen Platz, die viele Alpenregionen schon lange kennen. Systematisch wird das Wegenetz ausgebaut, werden Hütten renoviert und vergrößert. Zusehends populär werden markierte Mehrtagestouren, die sich pauschal buchen lassen: alle Hütten mit Halbpension samt Wanderkarte und gesponsorten Leibchen. Die Route Carros de Foc quer durch Kataloniens Nationalpark Aigüestortes i Llac de Sant Maurici ist das Aushängeschild einer Entwicklung, die jenen, die zahlen können, schöne Tage verspricht. Doch die Schattenseite ist bekannt: Vermassung. Gewiss, anders als früher können die Hüttenwirte dank dem Trubel (sommers wie winters) ihre Existenz absichern, müssen oft sogar Riesenteams aufstellen. Aber wie geht es ihnen damit? Der Wirt einer heimeligen und sogar etwas abgelegenen Hütte in den katalanischen Pyrenäen grummelt: „Die Massen, die wir aufnehmen, sind einfach zu groß geworden. Im Grunde kommt es in der Saison nur noch darauf an, zu funktionieren, den Leuten den Service zu bieten, den sie erwarten. Wir sind keine Hütten mehr, sondern Hotels. Können wir davon leben? Ja. Macht uns das noch Spaß? Nein.“ Ähnliche Gespräche lassen sich heute vielerorts führen, in den Alpen wahrscheinlich am meisten. Was lässt sich dem wachsenden Schneeball Massentourismus entgegensetzen? Zuvorderst würde helfen, mit der Vorstellung zu brechen, die Berge seien eine idyllische Gegenwelt. So erkennt der Philosoph Jens Badura gerade in den Alpen einen Raum, „in dem es viel und sehr Unterschiedliches zu sehen gibt – auch Dinge, die nicht dem gewohnten Bild entsprechen: Dreck auf den Almen, Lawinenverbauungen, Bergunfälle“.

Parallel hilft der Schritt in die wilderen Bergregionen. Es gibt sie noch, selbst in Europa. Dort geht es ungemütlicher, aber zugleich ehrlicher zu. Diese Gegenden liegen abseits großer Routen und namhafter Gipfel, sie lassen sich oft nur schwer erreichen. Der Parc Natural de l’Alt Pirineu, kaum 50 Kilometer von Aigüestortes entfernt, ist solch eine Gegend. In einer der am dünnsten besiedelten Ecken Westeuropas kann man tagelang niemanden treffen, die Wege sind teils prekär markiert. Dafür sind die Eindrücke bleibender. Man freut sich doppelt, wenn nach vertrackten Aufstiegsstunden endlich der Pass erreicht wurde oder der einsame Bergsee, das Tagesziel der Etappe, in Sicht kommt. Und das Ambiente der Hütten bleibt gemächlich, auf den Tisch darf noch der alte Eintopf.

Erlöst stieg ich ins Tal

Wie endete eigentlich meine Zittertour? Ich hatte Glück. Als der Gebirgspass erreicht war, verzog sich der Nebel – ihm folgte kein Gewitter, sondern Sonnenschein. Durchnässt, aber erlöst stieg ich ins Tal ab, kehrte in einer Hütte ein, kochte mir fröhlich zwischen nassen Rucksäcken und Stiefeln sowie einem müden Hund das Abendessen, kam dann ins Gespräch, bis wir pünktlich zur Nachtruhe um zehn Uhr alle ins Matratzenlager krochen. Mich reizt an den Bergen so manches, das Outdoor-Märchen von schöner Natur und erfolgreichen Aufstiegen träume auch ich. Eines aber zieht mich vor allem an. Für kurze Zeit ist das Leben leichter. Ich stehe auf, esse, laufe, raste, kraxle auf Gipfel, laufe, suche ein Lager, schlafe. Und am nächsten Morgen, der Rücken klagt, die Beine wiegen bleiern, geht der Weg einfach weiter.

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06:00 22.08.2020

Ausgabe 38/2020

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