Parteischädling Jürgen W.

Verstümmelung als Selbstreinigung Wie viel Tragikomik verträgt die FDP?

Warum genießt Personal der Spezies Westerwelle eine solch beachtliche politische Bestandsgarantie? Weil bis auf Frau Hamm-Brücher kaum jemand von den altväterlichen FDP-Granden die Partei eines Austritts für würdig befand, seit deren Liberalismus zuallererst mit Aufgeblasenheit und Protzkultur übersetzt werden muss? Soviel ist doch sicher: die im Gespräch befindliche Kriminalisierung ihres entweihten Protegés Jürgen W. Möllemann wird die wortschwere Galionsfigur der FDP ebenso wenig vom Sockel stoßen wie das peinliche Ergebnis vom 22. September, bei dem man mit 10,6 unter den hingebungsvoll und größenwahnsinnig selbst prophezeiten 18 Prozent blieb.

"Meine Damen und Herren, Sie sehen vor sich eine Achtzehn-Prozent-Partei", hatte Guido Westerwelle am Tag der Sachsen-Anhalt-Wahl Ende April die seinerzeit tatsächlich erzielten 13 Prozent aufgerundet und zum Beweis eine imprägnierte Schuhsohle in die Kameras gehalten. Wenn der Politik so eindrucksvoll alle Ratio abhanden kommt, sie ihren Wechsel zur Gaukelei mit einem bisweilen ins schrill Kreischende driftenden Eifer präsentiert, und wenn sie für ihre Lächerlichkeit nicht verlacht wird, sondern auf den Beifall zähneknirschender, stimmungsgeladener Leistungsträger rechnen darf - dann hat das vermutlich nur noch etwas mit Seelenzuständen zu tun, die ins Politische sickern wollen. Da versagt nicht die Selbstwahrnehmung, wie es vielleicht scheinen mag, da ist das Dasein des Politikers und seines Publikums nur noch darauf reduziert.

Nach soviel Götzendienst an der politischen Verbraucherkultur ist die FDP verständlicherweise gehalten, zur Selbstreinigung überzugehen - muss besonders ihr Vorsitzender mit der Ächtung des Parteischädlings Möllemann Schadensbegrenzung betreiben, die dem eigenen Selbst dient. Die FDP brauchte Möllemanns Kapitulation als Karthasis, damit alles so bleiben kann, wie es ist. Sie darf sehr dankbar sein, dass Jürgen W. für die FDP bestenfalls im Ansatz und nur im Spaß jene päpstliche Größe zu entfalten vermochte, wie sie Helmut Kohl noch jüngst für die CDU zu zelebrieren suchte. So kann der FDP-Vorsitzende bei der Tagesordnung bleiben und das Kabinett Schröder am Tag des Abschlusses der Koalitionsverhandlungen kurzerhand in die Nähe der Grufti-Szene rücken. Eine Rhetorik, die sich nicht nur ordentlich mit Zeitgeist verproviantiert, sondern auch als Auswuchs von Sozialchauvinismus und Denunziation wahrgenommen werden will. Diese Sprache hat (soll man sagen: erwartungsgemäß?) von Lambsdorff bis Genscher - dann ja wohl auch überzeugende Beispiele für Gruftiges im FDP-Präsidium - weder Ordnungsrufe noch angedrohte Parteiaustritte provoziert. So leicht lassen sich liberale Gewissen heutzutage nicht mehr erschüttern. Die Bürger, zumal als Mahnmal ungestümen Leistungswillens, ist stark im Nehmen. Er hat in Deutschland schon manch größerem Flegel verziehen. Das schmückt nicht unbedingt, sorgt aber für die Bestandsgarantie eines wohltemperierten Selbstwertgefühls. Wenn Minister des Bundeskabinetts öffentlich der Geriatrie übergeben werden, darf allemal darüber hinweg gelacht werden. Ein charmant-derber Witz eben, keine dreiste Entgleisung, schon gar kein Tabu-Bruch. Nur nicht den Appetit verderben lassen aufs Eingemachte. Die Leistungswilligen, wie sie sind, und die FDP, wie sie bleibt - sie haben noch viel vor mit Guido Westerwelle. Sie hatten ja bis vor kurzem auch noch soviel vor mit Jürgen W. Möllemann, der Westerwelle jetzt zwingt, ins eigene Spiegelbild zu treten. Wer hätte gedacht, dass der politische Liberalismus in diesem Land soviel Tragikomik verträgt. Kann sich eine Partei bis zur Kenntlichkeit verstümmeln?

00:00 25.10.2002
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