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Brasilien Sie wurde von der „Times“ zur führenden Schriftstellerin des Millenniums gekürt: Patrícia Melos Krimis sind Lesarten der Wirklichkeit
Thomas Wörtche | Ausgabe 47/2013

Was für ein mieser Typ, dieser Ich-Erzähler ohne Namen, der eher aus Zufall zum „Leichendieb“ wird, der nächtens einen stinkenden Kadaver ausgräbt, um ….

Seit ihrem ersten Welterfolg O Matador sind Fieslinge das Lieblingssujet der brasilianischen Schriftstellerin Patrícia Melo, von der nun endlich wieder ein neues Buch im deutschsprachigen Raum greifbar ist – dem Gastland Brasilien auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober sei Dank.

Leichendieb ist eine maliziöse, sarkastische und extrem unterhaltsame Geschichte aus dem Hinterland, irgendwo zwischen Brasilien und Bolivien, wo man mal schnell über die Grenze huscht und ein bisschen Kokain vom spanischen in den portugiesischen Sprachraum schafft. So wie der junge Mann aus reichem Haus, der mit seinem Sportflugzeug unserem namenlosen Antihelden fast auf den Kopf fällt, als der beim Angeln an einem Fluss sitzt.

Der junge Mann ist tot, im Flugzeug eine Tasche voller Koks, ein Handy und ein bisschen Cash. Der Fiesling, ein gefeuerter Callcenter-Aufseher aus São Paulo, zögert nicht: Er wirft die Leiche ins Wasser, schnappt sich Koks und Brieftasche nebst Handy und verschwindet, ohne den Unfall zu melden. Er hat ja niemanden umgebracht. Und dann nimmt die Geschichte eine fiese Wendung nach der anderen, eine fiese Figur nach der anderen taucht auf und alles verwickelt sich ins Unappetitliche. Niedertracht aus Not bestimmt das Handeln – unser, pardon, Arschloch von Hauptfigur hat plötzlich Schulden beim lokalen Dealer, erschleicht sich einen Job bei der Familie des toten jungen Mannes und erpresst schließlich die einzige einigermaßen nette Figur des Buchs, die Mutter des Toten, die aus Gram, ihren Sohn nicht anständig begraben zu können, bereit ist, für die angebliche Leiche 200.000 Dollar zu bezahlen. Und diese Leiche muss irgendwo herkommen, und sei´s vom Friedhof.

Parodie auf Forensik-Hype

Patrícia Melo inszeniert dieses bewusste Gegenstück zu Robert Louis Stevensons The Body Snatcher als Parcours der allerniedersten Instinkte. Der Leichenraub, der bei Stevenson wenigstens dadurch legitimiert wurde, an den Leichen medizinische Experimente zu Nutz und Frommen der Menschheit durchzuführen, ist bei Melo nur noch Ausdruck von Niedertracht und Indolenz. Diese Niedertracht ist so peinlich abgefuckt, so selbstgerecht, so voller Rechtfertigungsrhetorik und alibihaftem Selbstekel, dass sie jeder tragischen Größe entbehrt und menschliche Verkommenheit in ihrer ganzen giftig-schwarzen Lächerlichkeit erscheinen lässt. Denn wie der Namenlose (selbst sein Dealer nennt ihn nur „Porco“, Schwein) und seine Partnerin im Widerlichen, die Ex-Polizistin und Leichenschauhaus-Chefin Sulamita, von einer Untat zur nächsten schliddern, das ist sehr komisch.

Typisch für Melos Art zu schreiben sind die Subtexte: Der amazonische Umgang mit Leichen, Obduktionen und Rekonstruktionen etwa ist als wunderbare Parodie auf den ganzen technikgläubigen CSI-Unfug und das Gewese um True Crime und den ubiquitären Forensik-Hype gestaltet.

Die brasilianischen Verhältnisse – ein korruptes Polizeisystem, Verlotterung staatlicher Zuständigkeiten und Kompetenzen – sind ein idealer Nährboden für die Geschichte, die durchaus auch globaler lesbar ist: Sie dekliniert die Deregulierung von „Werten“ bis zum Ende durch. Und es ist nicht gesagt, dass das ein bitteres Ende sein muss.

Die brasilianischen Verhältnisse allerdings sind nicht Hauptthema des Romans, wohl aber ihr ständig präsenter Untergrund. Patrícia Melo schreibt keine Krimis im Sinn von Schemaliteratur. Solche Büchlein gibt es in ihrem Gesamtwerk zwar zuhauf und hier, in Leichendieb als giftige Parodie und subversiv-kritische Persiflage auf das im Grunde ideologische Mantra, das Verbrechen sei zu besiegen, Recht und Ordnung (wieder) herzustellen und zumindest am Ende eines Romans sei alles gut.

Interessanterweise gab und gibt es in der brasilianischen (wie überhaupt in der lateinamerikanischen) Kriminalliteratur diesen Typus von „Krimi“ nicht. Und wenn es ihn formal gibt, wie bei Jorge Luis Borges oder bei Pablo de Santis beispielsweise in Argentinien, dann ist er dort bewusst „formal“, strukturell – als Denkstruktur, als Gedankenspiel, als Metatext, aber nie als irgendwo „ernsthafte“ Option, Gewalt und Verbrechen erzählerisch auf den Leib zu rücken.

In Brasilien gibt es noch nicht einmal diesen Typus. Präziser für die Philologen unter uns: Doch, es gibt ihn natürlich, allerdings nur als unbedeutende, wenig aufregende 08/15-Texte, wie sie Patrícia Melo in ihrem Roman Wer lügt, gewinnt als Heftchenliteratur karikiert, die man flugs, wenn es der Profitmaximierung dient, in genauso triviale Lebenshilfeschmöker à la Paulo Coelho verwandeln kann.

Die ernst zu nehmende brasilianische Kriminalliteratur, auch wenn sie sehr komisch ist wie die wunderbar grotesken Romane von Luis Fernando Verissimo, speist sich aus dem Gesamtstrom urbaner Literatur des letzten Jahrhunderts. Neben Verissimo war und ist es vor allem Rubem Fonseca, der mit seinem ästhetischen Programm, Alltagssprache in Literatur zu verwandeln und damit ein Mittel zu haben, Brutalität und Gewalt, Mord und Verbrechen aus dem Status des Unerhörten, des Skandals, der cause célèbre herauszulösen und in ihrer ganzen banalen Alltäglichkeit erzählbar zu machen, eine eigene Poetik der Kriminalliteratur erfand.

Bei genauerem Hinsehen eine Poetik, die mit der des néo-polar französischer und später globaler Machart (bei Autoren wie Jean-Patrick Manchette, Paco Ignacio Taibo II, Derek Raymond, Jerome Charyn, Jerry Oster, Andreu Martín etc.) nahe verwandt ist. Argot, Gewalt, Politik und Komik gehören zu diesem literarischen Programm, das letztendlich auch Patrícia Melos Werk bestimmt. Ihre offenen Bezüge zu Rubem Fonseca machen das ganz deutlich: Sie hat Figuren von ihm übernommen und „weitergeschrieben“, sie zitiert ihn pausenlos und wir dürfen sogar spekulieren, ob der Ausflug ins Hinterland von Leichendieb nicht eine nette kleine, natürlich maliziös verfremdete Hommage an Fonsecas Buffo & Spalanzani ist.

Insofern gehört Patrícia Melo in die globale Spitzenklasse von Kriminalliteratur auf der Höhe der Zeit, gerade weil sie nicht im „Krimi“ aufgeht. Das Sensationelle oder Überraschende an Leichendieb ist ja nicht der Umstand, dass der fiese Porco am Ende davonkommt (und keine Angst, diese Information verdirbt die Lektüre kein bisschen), sondern die Zwangsläufigkeit, mit der Melo das inszeniert. Im klassischen Noir oder im klassischen Gangsterroman läuft alles auf ein schlimmes Ende zu, so wie nicht nur im Viktorianismus alle Sünde aufs schlechte Gewissen zurast. Daraus bezog diese Spielart ihren Charme, ihre Romantik und auch ihren Kitschfaktor. Bei Melo wird jede moralisch-ethisch „schlechte“ Entscheidung zur gesellschaftlich vorteilhaften, gewinnbringenden oder zumindest strafvermeidenden, zur pragmatisch begrüßenswerten Entscheidung. Diesen Zug teilt Porco mit fast allen Hauptfiguren in Melos bisher acht Romanen (sechs davon sind von ihrer großartigen Übersetzerin Barbara Mesquita ins Deutsche übertragen) – sie alle sind auf verschiedenen Levels von Gewalt und Verbrechen samt und sonders Lügner, Mörder, Soziopathen und eben auch: Überlebenskünstler mit verschiedenen Optionen auf ihre moralischen Entscheidungen.

Gut und gerecht sind keine Parameter. Die Figuren und Plots von Melo haben keine „Moral“, die Autorin hingegen schon.

Spiel mit Lüge und Täuschung

Wenn man sie mit ihren Büchern als eine „Mythologin“ des brasilianischen und des Weltalltags bezeichnet, dann findet man bei Roland Barthes auch erstaunlich präzise ihren moralischen Standpunkt beschrieben. Sie ist danach „ein gesellschaftliches Wesen darin, dass sie ein aufrichtiges Wesen ist. Ihre größte Sozialität liegt in ihrer höchsten Moralität. Ihre Verbindung zur Welt ist sarkastischer Art“.

Dieser Sarkasmus ist literarisch und stellt sich durch Melos Erzählen her, durch die Kombination vieler Perspektiven auf die Welt, durch die vielen Brechungen eben jener Perspektiven und durch die nicht von der Hand zu weisenden Komik noch der grausamsten Situationen und Konstellationen. Dadurch betreibt sie eine fröhliche, anarchistische und sehr effektive Sabotage, destabilisiert und dereguliert ethische Normen, insofern sie als Ideologie auftreten und treibt überhaupt produktiv narrativen Unfug mit Sinnsystemen aller Art.

Erzählen wird so bei Patrícia Melo zum virtuos inszenierten Spiel mit allen Kategorien von Gut und Böse, von wahr und falsch, von Lüge und Täuschung. So was macht gute Literatur aus und deswegen auch gute Thriller. Leichendieb ist ein brillanter Thriller.

Leichendieb
Patrícia Melo Barbara Mesquita (Übers.), Tropen bei Klett-Cotta 2013, 203 S., 18,95 €

Thomas Wörtche ist Herausgeber der neuen Krimireihe Penser Pulp bei diaphanes

 

06:00 04.12.2013

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