Glücksspiel gegen die Wut

Film Paul Schrader widmet sich in „The Card Counter“ den Folgen von Abu Ghraib – für die Täter und ihre Angehörigen
Zocken, um zu vergessen. Nur klappt das irgendwann nicht mehr
Zocken, um zu vergessen. Nur klappt das irgendwann nicht mehr

Foto: Focus Features/Imago Images

Die wahre Kunst des Gewinnens liegt darin, den richtigen Augenblick zu erkennen: zu wissen, wann man aussteigt, obwohl man noch siegen könnte. Um an einem anderen Tag, bei einem nächsten Spiel, wieder von vorne beginnen zu können.

William Tell (Oscar Isaac) ist ein solcher Künstler. Als Kartenspieler fährt er von einem Casino zum nächsten. Seine Gegner mögen ihre Gesichter hinter Sonnenbrillen verbergen, lärmend im Baseball-Outfit und mit Entourage auftreten – Tell genügt ein graues Hemd, eine schwarze Krawatte, dunkle Hose und Jacke. Wenn er spielt, liegt seine linke Hand meist in seiner rechten Armbeuge. Sein Pokergesicht sieht immer gleich aus, egal ob am Spieltisch, im Auto oder in seinem Motelzimmer. Niemals steigt er in den Casinohotels ab, denn er weiß genau, dass sein System nur funktioniert, solange er unerkannt bleibt. William Tell hat gelernt, die Karten zu zählen. Achteinhalb Jahre hatte er dafür Zeit, so lange saß er im Militärgefängnis.

Erst sehr spät in Paul Schraders The Card Counter fällt jener Satz, um den sich der gesamte Film dreht. „Ob dir jemand anders vergibt oder du dir selbst, fühlt sich sehr ähnlich an, es lohnt sich nicht, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Es ist der einzige glückliche Moment für Tell. Tatsächlich ist es sogar nur ein Gedanke, in Worte gefasst von seiner inneren Stimme, die den Film als Off-Kommentar begleitet. Es ist ein Moment, in dem ein anderes Leben möglich wäre, weil er La Linda (Tiffany Haddish) kennengelernt hat, eine mysteriöse Maklerin, die eine Gruppe von anonymen Investoren vertritt und die ihn überredet, an den Poker-Weltmeisterschaften in Las Vegas teilzunehmen. Weil The Card Counter da aber noch nicht zu Ende ist, weiß man, dass sich Tell noch selbst vergeben muss. Dass die Schuld, die er auf sich geladen hat, gesühnt werden muss. Und dass er vom Spieltisch aufstehen muss, um eine letzte Sache zu erledigen.

Folterspezialist in Abu Ghuraib

Denn in einem der Casinos hat Tell den jungen Cirk (Tye Sheridan) kennengelernt. Als „Kirk with a C“ stellt sich der Bursche im schlabbrigen T-Shirt vor, noch wichtiger als die Schreibweise seines Namens ist ihm die Tötung – aber eben nicht der Tod – jenes Mannes, den er abgrundtief hasst: des Folterspezialisten Gordo (Willem Defoe), der in Abu Ghuraib seinen im Irak stationierten Vater in die entsprechende Technik einwies. Das familiäre Trauma, das dieser nach seiner Heimkehr anrichtete, verfolgt Cirk bis heute. So wie die Frage, wer zur Verantwortung gezogen wurde, nachdem der Folterskandal öffentlich geworden war: die Soldatinnen und Soldaten, die auf den Bildern zu sehen waren, nicht aber die Hintermänner wie Gordo. „Nicht die Äpfel waren schlecht“, so Cirk, „sondern die Kiste, aus der sie kamen.“

Paul Schrader ist – das kann man getrost so schreiben – einer der wichtigsten Filmautoren des US-amerikanischen Kinos. Nun ist es einfach zu behaupten, dass Schrader seit fünfzig Jahren seinen großen Themenreigen rund um Schuld, Sühne und Vergebung in unterschiedlicher Weise in Drehbüchern und eigenen Regiearbeiten bearbeitet, weshalb nach wie vor keine Filmkritik darauf verzichten will, seine langjährige Zusammenarbeit mit Martin Scorsese und sein Drehbuch zu Taxi Driver zu erwähnen. Eine solche Sichtweise, die sich vorwiegend auf das Motiv der Katharsis im Werk Schraders konzentriert, ist natürlich zulässig, übersieht jedoch häufig, welch bedeutender Chronist der amerikanischen Gegenwart er zugleich ist. So ist auch The Card Counter selbstverständlich kein Pokerfilm im Stile von The Cincinnati Kid, die Szenen am Spieltisch sind dermaßen en passant inszeniert, als ob sie Schrader kaum interessierten. Und die Geschichte dieses Films wird, so viel steht von Beginn an fest, nicht beim Glücksspiel entschieden werden. Tell ist nämlich nicht dem Spiel verfallen, vielmehr hält es ihn von etwas anderem ab. Es besänftigt seinen Zorn. „Viel von unserem Zorn lässt sich durch die Tatsache erklären, dass wir ein junges Land sind“, so Schrader in einem Interview mit dem Verfasser dieses Artikels anlässlich einer Aufführung seines Bühnenstücks The Cleopatra Club. „Wir wurden nie von einer anderen Macht besetzt, wir haben nie große Hungersnöte erlebt. Wir glauben immer noch, es müsste uns so gehen wie vor hundert Jahren, aber das ist nicht der Fall. Und wir sind nicht erwachsen genug, zuzugeben, dass das unsere eigene Schuld ist.“

Wer also ist dieser wütende Amerikaner, der die Schuld stets bei den anderen findet? Wer trägt die Schuld an den Verbrechen des William Tell? Auch der ehemalige Verhörspezialist Tell war – so viel darf verraten werden – in Abu Ghuraib. Und er kennt Gordo. Persönlich. Schrader macht daraus kein Geheimnis, das langsam zutage treten würde. Ihm – und uns – genügen wenige Bilder für die Darstellung des Grauens, wenn Tell wieder einmal von einem Albtraum eingeholt wird. Man weiß nicht, wie es dazu gekommen ist, dass ausgerechnet dieser Mann, der wütende Amerikaner, eine solche Tat begangen hat. Und gerade das ist das Bedrohliche an dieser Vorstellung. The Card Counter ist ein Blick in ein Fass voller fauler Äpfel, so schwarz und abgrundtief, dass man seinen Boden nicht mehr erkennen kann.

Info

The Card Counter Paul Schrader USA 2021, 111 Minuten

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