Phantom des Bösen

Liquidierungsperspektive Der britische Journalist Con Coughlin hat sich an einer Biographie Saddam Husseins versucht

Biographen wissen, es ist nicht leicht einen Menschen zu beschreiben. Es ist noch schwerer, hinter der Maske des Diktators eine Person zu entdecken. Mit Sicherheit bedarf es einer großen Menge von Dokumenten der unterschiedlichsten Art und einer Reihe zuverlässiger Zeugen. Für den britischen Journalisten Con Coughlin stellt sich die Sache genau umgekehrt da: da es über die Person des irakischen Diktators Saddam Hussein kaum verlässliche Informationen gibt, darf der Biograph phantasieren. Doch auch dem Phantasten Con Coughlin ist kaum mehr eingefallen als ein Schurkenporträt - zusammengeschustert aus den gerade kursierenden Stereotypen.

Nehmen wir nur das Geburtsdatum. Offiziell wurde Saddam Hussein am 28. April 1937 geboren. Gerüchte unbekannter Abstammung besagen, dass Hussein auch zwei Jahre früher oder später geboren sein könnte. Daraus macht Con Coughlin: "Die Tatsache, dass Saddam nicht einmal den genauen Tag seiner Geburt kennt, sagt eine Menge über sein innerstes Seelenleben aus." Nun ist die Tatsache allerdings gar keine, und die tiefenpsychologische Deutung lässt vor allem auf das Gemüt des britischen Journalisten schließen. Zur Klärung des Geburtsdatums trägt auch Coughlin nichts bei, dafür kennt er den genauen Geburtsort: Eine Lehmhütte in einem kleinen ärmlichen Provinzdorf. Das ist so ungefähr die genaueste Information über Saddam Husseins Kindheit. Da Con Coughlin den offiziellen Angaben misstraut, erfindet er ein paar Lustbarkeiten. Zum Beispiel leitet er aus Unklarheiten über Husseins Vater die Vermutung ab, Saddams Mutter sei womöglich die Dorfhure gewesen, die - warum nicht? - ihren Mann umgebracht habe, wenn der nicht als Bandit zuvor bereits von anderen Banditen umgebracht worden sei. Zwar kann Con Coughlin nicht einmal in groben chronologischen Umrissen Saddam Husseins Jugend beschreiben, dafür aber weiß er zu berichten, dass das womöglich sexuell missbrauchte Kind - warum nicht? - es liebte, Tiere mit glühenden Stangen zu quälen. Quellen nennt der Journalist fast nie und wenn, dann beruft er sich auf Zeugen, deren Lauterkeit sich darin erschöpft, irgendwann zu Feinden Saddam Husseins geworden zu sein.

Die Kunst dieses Biographen erschöpft sich darin, mit der Axt gehauene Phantombilder des Bösen zu servieren. Einmal ist Hussein ein roher tolpatschiger Provinzbengel, der kaum einen Satz rauskriegt, um dann wenige Zeilen später als schneidiger, gefährlich imposanter Agitator Karriere zu machen. Wie allerdings ein ungebildeter junger Mann aus ärmlichsten Verhältnissen es schaffen konnte, bereits in jungen Jahren großen politischen Erfolg zu haben, das erklärt uns Con Coughlin natürlich nicht. Allerdings kommt der Autor nicht umhin, frühe enge Kontakte Husseins mit der CIA einzuräumen. Und da der amerikanische Geheimdienst an all jenen Putschversuchen beteiligt war, die schließlich 1968 die Baath-Partei an die Macht brachten - und damit bald Saddam Hussein an die Staatsspitze - läge es nahe, hier einen Schlüssel für Husseins Erfolg zu sehen.

In den siebziger Jahren wurde Hussein zum irakischen Präsidenten mit diktatorischen Befugnissen. Ihm gelang eine erstaunliche Modernisierung seines Landes. Trotzdem blieb er lange ein Nobody in der internationalen Politik. Das änderte sich schlagartig, als 1979 im Nachbarland Iran der Schah vertrieben wurde und eine radikalislamische Regierung die Macht übernahm. Jetzt wurde der irakische Despot ein geschätzter Freund der freien, der unfreien und der arabischen Welt, den man schier unbegrenzt mit Waffen ausstattete, damit er 1980 endlich den Iran angreifen konnte. Dieser grausame Krieg dauerte acht Jahre, löste nicht einmal nennenswerte humanitäre Bestürzung aus, als Hussein Kurden mit Giftgas bombardierte, machte aber Saddam Hussein zu jener gefährlichen Militärmacht, über die die freie Welt sich erst aufzuregen begann, als sie außer Kontrolle geriet. Als Hussein 1990 die Diktatur von Kuwait annektierte, heulte die internationale Gemeinschaft völkerrechtliche Tränen und statuierte 1991 ein Exempel, nämlich einen Luftkrieg von bis dahin unbekannten Ausmaßen. Dieser "Desert Storm" hinterließ etwa 150.000 Tote. Nach Berichten unabhängiger Beobachter haben die UN-Sanktionen, die im Anschluss gegen den Irak verhängt wurden, mindestens eine Millionen Zivilisten das Leben gekostet. Und sie haben das Regime Saddam Hussein auf eine Weise stabilisiert, die er aus eigener Kraft niemals erreicht hätte.

Con Coughlin stellt Hussein als einen Verfolgungswahnsinnigen dar, der von Palast zu Palast huscht, an paranoidem Misstrauen krankt und neben ein paar Sexeskapaden noch Leidenschaft fürs Foltern entwickelt. Allerdings erwähnt der Biograph auch, dass auf Hussein mehrere Attentate verübt wurden und etliche gerade noch vereitelt werden konnten. Die Beteiligung des britischen und amerikanischen Geheimdienstes ist dabei nicht verborgen geblieben. Die zahllosen Konflikte, die die UN-Waffeninspekteure mit Hussein hatten, hatten natürlich auch damit zu tun, dass die Kommission vom CIA kontrolliert wurde. Scott Ritter, der frühere Chefinspektor, hat mittlerweile außerdem zugegeben mit dem israelischen Geheimdienst Mossad zusammen gearbeitet zu haben.

Ende 1998 hat der amerikanische Kongress die "Iraq liberation bill" verabschiedet, ein Gesetz, das ganz offiziell dem amerikanischen Präsidenten die finanziellen und militärischen Mittel einräumt, Saddam Hussein zu beseitigen. Anfang dieses Jahres hat George Bush II öffentlich zu verstehen gegeben, dass er die CIA beauftragt habe, Saddam Hussein zu liquidieren. Angesichts dieser offiziellen Mordankündigung lässt sich durchaus verstehen, warum Saddam Hussein gute Gründe gegen amerikanische Waffeninspekteure im Irak hat.

Je mehr allerdings klar wird, dass es kaum ernst zu nehmende Beweise für die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak gibt, verlegen sich die führenden US-Politiker auf eine neue Argumentation: Es kommt nicht darauf an, ob Saddam Hussein bereits über solche Waffensysteme verfüge, nicht einmal darauf, ob er sie sich in ferner Zukunft verschaffen könnte, sondern allein seine erklärte Feindschaft zu den USA mache ihn zu einem potenziellen Unterstützer des Terrorismus. Dass ein Mann, dessen Liquidierung Chefsache der mächtigsten Militärmacht ist und Gesetzeskraft hat, kaum andere als feindliche Einstellungen haben kann, spielt dabei keine Rolle.

Jedenfalls ist das Buch von Con Coughlin genau dieser Liquidierungsperspektive verpflichtet. Auf fast 500 Seiten bedient er uns mit Räuberpistolen, die Hussein mal als superintelligenten Killer, mal als rohes Vieh, dann als paranoiden Despoten oder als eisigen Technokraten präsentieren. Dabei genügen die bekannten Verbrechen Husseins, um zu wissen, mit wem wir es zu tun haben. Aber von solchen Diktatoren haben wir reichlich auf Erden, und mit vielen sind wir bestens befreundet. Also muss man Hussein zu einem durchgeknallten Monster machen, der schon aus lauter Dekadenz bereit wäre, die Welt mit Atombomben zu bewerfen - einer, dessen Vernichtung sich jeder rechtschaffene Demokrat zu Herzensangelegenheit machen muss und der dafür getrost rechtliche Gesichtspunkte und die Spielregeln unter souveränen Staaten mal vergessen kann. Damit wäre allerdings die gerade noch bestehende Weltordnung endlich gekippt. Und viele von der neuen Weltordnung bedrohte Staaten werden Zuflucht zum Terrorismus als letzter Instanz suchen. Und dieser Terrorismus hat jüngst erst gezeigt, dass er ganz ohne Massenvernichtungswaffen Massen vernichten kann.


Con Coughlin: Saddam Hussein. Porträt eines Diktators. Eine Biographie. List Verlag. München 2002, 496 S., 24 EUR

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00:00 13.12.2002

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