Pionier und Dissident

Nachruf II Zum Tod des Computergurus und Technikkritikers Joseph Weizenbaum (1923-2008)

Wenige Tage vor seinem Tode am 5. März 2008, nach einer langen Krebsbehandlung und vermeintlich auf dem Weg der Besserung, schrieb Joseph Weizenbaum an Freundinnen und Freunde: "Unser Tod ist der letzte Service, den wir einer Welt leisten können: Würden wir nicht aus dem Weg gehen, würde die uns folgende Generation die menschliche Kultur nicht wieder frisch erstellen müssen. Sie würde starr, unverändert werden, also sterben. Und mit dem Tod der Kultur würde alles Menschliche auch untergehen."

Geboren am 8. Januar 1923 in Berlin, wächst Weizenbaum im bürgerlich-jüdischem Milieu Berlins auf. Am vornehmen Gendarmenmarkt gelegen, befindet sich Wohnung und Kürschnerei des Vaters auf einer Etage, Joseph hat sein eigenes Kindermädchen. Mit einem einzigen Persianermantel als Startkapital verlässt die Familie 1936 Nazideutschland gerade noch rechtzeitig in Richtung USA - für den damals 13-Jährigen ein abenteuerlicher Ausflug. Es wird 50 Jahre dauern, bis Joseph Weizenbaum endgültig nach Deutschland zurückkehrt.

In den USA studiert er Mathematik, beschäftigt sich aber schon als Student an der Detroiter Wayne University mit Computern. Er gehört zum Team, das den ersten für das Militär benötigten Computer baut und geht nach Kalifornien, als im Silicon Valley noch Obstbäume stehen. Noch gibt es keine Computer-Handbücher, es wird erfunden, gebastelt, geschraubt, gelötet. Man macht Fehler und probiert erneut. Jeder kennt jeden, der Erfindergeist triumphiert. Geld spielt im "Kalten Krieg" keine Rolle. Mit jeder vermeintlichen Bedrohung müssen die Computer schneller werden. Für Joseph Weizenbaum eine herrliche Zeit, der Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere. Er konstruiert einen Computer für den Test von Raketensystemen der US-Navy und entwickelt das erste Computersystem für Banken mit.

1963 wird er Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Dort schreibt er auch die Software, mit der er weltberühmt wird: ELIZA, ein Programm zur Sprachanalyse. Es simuliert eine Unterhaltung, indem es eine Aussage eines Gesprächspartners einfach in eine Frage umformuliert. ELIZAs Nachfolger DOCTOR simuliert den Dialog eines Patienten mit einem Psychologen. Es sei bestürzend gewesen, so Weizenbaum später, "wie schnell und wie intensiv Personen, die sich mit DOCTOR unterhielten, eine emotionale Bindung zum Computer herstellten und wie sie ihm eindeutig menschliche Eigenschaften zuschrieben." Die Erfahrungen mit ELIZA und die andauernde Reflexion über Sinn, Rolle und Funktion der Technik sowie die Verantwortung des Wissenschaftlers und Ingenieurs leiten Weizenbaums Sinneswandel zum Technikkritiker und radikalen Gesellschaftskritiker ein.

Dem fulminante Artikel Albtraum Computer in der Zeit vom Januar 1972 und sein 1976 erschienenes Hauptwerk Computer Power and Human Reason (Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft) folgten mehr als 80 Bücher und Broschüren, unzählige Zeitschriften- und Zeitungsartikel sowie Vorträge und öffentliche Auftritte. Sein Credo ist der verantwortungsvolle Umgang mit Technologien. "Technologien beziehen ihren Wert aus der Gesellschaft, in die sie eingebettet sind." So muss sich jeder Wissenschaftler und jede Wissenschaftlerin fragen, welchem Zweck seine oder ihre Forschung und Entdeckungen dienen und welche sozialen und ökologischen Folgen sie haben. Immer wieder erinnerte er daran, dass das Internet als Militärtechnologie entwickelt wurde. Seine kritische Position ging aber über die Militärkritik hinaus: "Das Internet ist ein großer Misthaufen, indem man allerdings auch kleine Schätze und Perlen findet." Er war überzeugt, dass ein ethisch handelnder Wissenschaftler in "äußerst kritischer Distanz zur eigenen Wissenschaft" zu stehen habe und war Mitbegründer der Intitativen Computer Professionals for Social Responsibility und des Forums InformatikerInnen für Frieden und soziale Verantwortung.

Während er den Krebs bekämpfte, arbeitete er an seiner Lebensbilanz An was ich glaube, aus der anlässlich seines 85. Geburtstag am 8. Januar Ausschnitte veröffentlicht wurden. "Die Erde ist ein Irrenhaus. Dabei könnte das bis heute erreichte Wissen der Menschheit aus ihr ein Paradies machen. Dafür müsste die weltweite Gesellschaft allerdings Vernunft annehmen."

Allen, die sich ihm verbunden fühlen oder die ahnen, dass Gerechtigkeit, Frieden und der Erhalt der Natur grundlegende technologische und gesellschaftliche Veränderungen erfordern, gibt er auf den Weg: "Der Glaube, das Wissenschaft und Technologie die Erde vor den Folgen des Klimawandels bewahren wird, ist irreführend. Nichts wird unsere Kinder und Kindeskinder vor einer irdischen Hölle retten. Es sein denn: Wir organisieren den Widerstand gegen die Gier des globalen Kapitalismus."

Lieber Jo, wir werden uns bemühen, in Deinem Sinne weiter zu wirken, ersetzen werden wir Dich niemals können und es auch nie wollen. Reiner Braun

Reiner Braun ist Geschäftsführer der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW)

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