1989/91: Plastikpapagei

Zeitgeschichte Vor 25 Jahren stand die DDR vor einer politischen und jeder DDR-Bürger vor einer persönlichen Wende. Was vielen erst klar wurde, als sie unter dem Bundesadler aufwachten
| Ausgabe 37/2014

Es war das Jahr ’91. Als die Disko ausfiel, bloß weil Karfreitag war. Keiner konnte das begreifen. Als durch die Straßen adrette Mormonenboys stapften, immer als Paar und schwarz-weiß. Ich stellte sie mir im FDJ-Hemd vor. Es gab Menschen, die fuhren sonntags nach Wandlitz und rissen sich Fitzelchen Tapete aus Honeckers armseligem Haus.

Wann war die Mauer gefallen? Ewig her! Nächtelange Gespräche darüber, wie unser Leben bis dahin gewesen war, hatten wir längst aufgegeben. Erstens: Es interessierte keinen. Zweitens: Wir waren jung. Was sollte das, von früher reden? Der einmal eingeschlagene Weg – eine Vokabel von gestern. Tausend Wege hatten sich aufgetan.

Es war, als die Flüsse sich schneller reinigten, als selbst die Wissenschaftler gedacht hatten. Es war, als ich noch nie ein Land betreten hatte, in dem man die Temperatur nicht nach Celsius maß. Ich traf einen Briten, der behauptete, HIV-positiv zu sein, obwohl das nicht stimmte. Aber alle seine Westberliner Freunde waren positiv. Er wollte dazugehören.

Es war, als die Treuhand einen riesigen Gottesacker angelegt hatte, auf dem sie die Leichen schändete. Wir ahnten nicht, wie versaut.

Es war, als ich erstmals ein ganzes Feld nur mit Sonnenblumen sah. Als uns noch nicht alle Häuser verschlossen waren. Grau waren sie und kriegsversehrt. Angeschlagen von Gasheizern, die ihre Abluft zur Straße bliesen. Aber wir saßen draußen hinterm Tacheles auf einem weiten, weiten Hof, tranken Bier. Die Oranienburger entlang staksten Huren. Wir wollten später noch in den Tresor.

Wieder Celsius!

Wenn ich in Berlin-Stadtmitte umstieg, den unterirdischen Gang entlang, konnte ich die alte, so lange eingemauerte Werbung sehen. Es war, als ginge ich, mit hundert anderen, die drängten, durch ein Totenreich. Als ich zum Savignyplatz kam, dachte ich: Eine Revolution ist unmöglich, absolut nicht möglich – und tauchte in die schöne Vergangenheit, die hier so angenehm konserviert war.

Meine erste Paris-Reise war ein Fiasko. Wieder Celsius! (Wieso nicht Réaumur?)

Ein Mann stand vor meiner Tür, haspelnd. Warum er, was er und die armen Kinder. Seinen Fuß hatte er in die Tür gestellt. Ich verstand kein Wort und spendete, für was auch immer.

Ein älterer Kollege ging jetzt täglich einkaufen. Er liebte es, im Supermarkt das Kühlregal umzugraben. Er aß neuerdings zwei Mal im Monat Hummer. Viele hofften, zu Geld zu kommen, und spielten deshalb das Kettenspiel.

Eine Seniorengruppe aus Detmold stieg aus einem Touristenbus, sah sich um und befand: Das muss alles weg! Aber man riss sie dann doch nicht gleich alle ab, die alten Häuser, sondern legte ihnen Notverbände an: Ein paar wurden frisch getüncht. Aber nur bis zum ersten Stock. Dann stand plötzlich auf der frischen Tünche geschrieben: Rohwedder kaputt – das gut! Aber das waren bloß Worte.

An einer anderen Wand stand: Krieg ist Menstruationsneid, Männer wollen auch mal bluten! Solche Sprüche kannte ich nicht. Ich wurde rot im Vorübergehen.

Ich lernte die Worte narzisstisch, fußläufig, ganzheitlich, Präsenz zeigen, Sinn machen, fremdschämen, Alleinstellungsmerkmal und Bingo. Im Gegenzug vermied ich es, Kapitalismus, BRD und „das fetzt“ zu sagen.In die Buchläden mietete sich die Esoterik ein. Im Intershop hauste „Rudis Resterampe“ oder „Connys Container“. Ich merkte, dass nicht jedes sprudelnde Mineralwasser eine Selters ist. Ich lernte das Wort Asylantenheim und erfuhr, dass Rommel ein Wüstenfuchs gewesen war. Ein Kunde war jetzt ein Mensch, der etwas kaufen wollte, nicht einer, der vielleicht Blues hört. Versprach eine Werbung etwas, hieß das nicht, dass es stimmt. Ging eine Quarzuhr kaputt, kaufte man eine neue. Die Frage, ob ein Laden etwas im Angebot habe, bekam einen anderen Sinn. Übrigens konnte es passieren, dass man als unbelehrbar galt.

Ich begann, das Wort Silastik allmählich zu vergessen. Aus Bosheit nannte ich ein Team weiterhin Kollektiv. Plaste hieß jetzt Plastik. Dass wir zuvor Plaste gesagt hatten, darüber lachte man sehr. Lacht man heute noch. Plastik ist ungefähr genauso komisch, aber darüber lacht keiner. Fenster hatten nun solche Rahmen. Das sah hässlich aus, störte aber keinen. Sie wurden jetzt überall eingebaut.

In der Fußgängerzone, wo Peruaner Musik machten, saß ein Plastikpapagei in einem Plastikkäfig. Er rief: Füttere mich, ich habe wunderbare Geschenke für dich! Er sprach mit österreichischem Akzent. Seine Geschenke kosteten Geld und waren aus Plastik.

Brötchen verschwanden

In der norddeutschen Provinz lebte ein Bekannter. In seinem Wohnzimmer lagen schwule Pornohefte und eine VHS-Kamera. Er interessierte sich für nichts als die Hefte und die Kamera. Ich sagte im Scherz: Du musst Pornos drehen! Mach ich ja, sagte er. Und tatsächlich, er stand schon im Dienst eines Düsseldorfer Unternehmens und war bereits eine Größe auf dem Markt. Er ging ungehindert auf die Jagd und wurde sehr schnell reich.

Der Intendant des Theaters, in dem ich arbeitete, besaß in der Stadt zwei Softeisautomaten. Das Geld aus den Dingern kassierte er nach Feierabend, und aus irgendeinem Grund war ihm das nicht peinlich. Im Kino lief „Wild at Heart“. Ich verstand die Ironie nicht und fand den Film doof. Ich fand überhaupt Ironie doof und verstand sie nicht. Ich kannte den Film „Wizard of Oz“ nicht, nie davon gehört. Ich wusste und weiß, was es mit Baba-Jaga auf sich hat. Ich kannte kein Halloween.

Es war, als ich zum ersten Mal gefilte Fisch aß und aus den Bäckereien die genießbaren Brötchen verschwanden. Dafür konnte man dort jetzt Kaffee kaufen.

Ich war in einem Hotel verabredet, man hatte mir vorgeschlagen: Treffen wir uns in der Lobby. Da ich ja nicht wissen konnte, wo sich ein Raum befand, der so hieß, ging ich, an bequemen Clubsesseln vorbei, zur Rezeption und fragte. Der Typ hinterm Tresen sah mich an wie eine Erscheinung. Ich hielt seinem Blick stand. Dann lächelte er auf mich herab: Hier, hier ist die Lobby. Wieder bin ich rot geworden.

Spucke nach drüben

Es war, als der höhere Finanzbeamte – nennen wir ihn Markus – achtunddreißig Jahre alt war. Sagen wir, er lebte in Münster, und zwar tipptopp. Markus ging nicht quer übern Rasen, stützte die Ellenbogen auf keinen Tisch und achtete das Geld. Das lag auf der Bank. Abgezählt und eingezäunt, besprochen und geregelt war sein Leben, das heißt: was er besaß und selber war. Markus, so jung, hatte nichts mehr zu hoffen. Nun erhielt er noch einmal eine Chance. In Prenzlau oder Neubrandenburg wurde jetzt alles so zugerichtet wie daheim, und er sollte dabei mittun. Also ging er hin, lebte dort und blühte auf. (Außer an den Wochenenden.) Seine Stimme und seine Gesten waren raumgreifend. Unter seine Fittiche krochen die Mitarbeiter. Unter Markus’ Leitung wurde alles abgezählt, eingezäunt, besprochen und geregelt. Das dauerte ein Jahr. Auch danach blieb er im Amt. Blühte aber nicht mehr.

Einmal kam er an einer Mauer vorbei. (Schon wieder eine Mauer.) Hier stand geschrieben: Das Chaos ist vorüber, es war die schönste Zeit! Markus wurde rot im Vorübergehen. (Auch er. Aber aus anderen Gründen.)

Es war, als wir flogen. Es ging alles so schnell.

Heute stehe ich mit einer Freundin auf einer Brücke über der Autobahn. Sie beugt sich übers Geländer und spuckt. Das haben wir als Kinder immer getan, sagt sie, haben auf die Westautos gespuckt! Und dann, sagt sie, dann ist unsre Spucke mit nach drüben gefahren.

Mit diesem Text eröffnen wir eine Rückschau auf den Herbst 1989 und seine Folgen

Karsten Laske, Regisseur und Autor, war zum Zeitpunkt der Wende Student an der Schauspielschule Ernst Busch in Ostberlin

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