Thomas Moser
Ausgabe 1416 | 11.04.2016 | 06:00 27

Plötzliche Todesfälle

NSU-Komplex Wie gefährlich ist das Leben als Zeuge? Fünf Personen, die womöglich etwas über die rechte NSU-Zelle wussten, sind tot

Fünf NSU-Zeugen sind tot. Alle fünf waren jung. Alle fünf starben eines nicht natürlichen Todes. Bei allen fünf sind die Umstände des Todes nicht restlos aufgeklärt. Unter weiteren Zeugen geht bereits die Angst um. Vielleicht ist das aber auch alles nur Zufall. Wer waren die Toten?

Todesfall No. 1: Arthur C.

Seine verbrannte Leiche wurde auf einem Waldparkplatz in der Nähe von Heilbronn gefunden, am 25. Januar 2009, gegen zwei Uhr nachts. Sie lag neben seinem ausgebrannten Auto. Der Parkplatz selbst heißt „Abgebrannte Eiche“. Arthur C. war 18 Jahre alt, wohnte in Weinsberg bei Heilbronn und kam aus einer russlanddeutschen Familie. Ob es Mord oder Selbstmord war, konnten die Ermittler nicht klären. Brisanz erhält der Fall dadurch, dass der Name Arthur C. an mehreren Stellen in den Ermittlungsakten der Sonderkommission Parkplatz zum Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter auftaucht. Der junge Mann soll eine „verblüffende Ähnlichkeit“ mit einem der Phantombilder gehabt haben, so die Bewertung der SoKo Parkplatz. Nach ihren Erkenntnissen hatte C. „offensichtlich zu Personen Kontakt, die sich nachweislich am Tatort Theresienwiese aufgehalten haben“. Sein Name befindet sich auch auf einer Liste von etwa 20 männlichen Personen in den Akten. Was es mit diesen Personen auf sich hat, ist unklar. Ebenso, ob ein Zusammenhang mit den Schüssen auf die zwei Polizisten Michèle Kiesewetter und Martin Arnold besteht.

Todesfall No. 2: Florian H.

Auch er verbrannte, im Alter von 21 Jahren. Am 16. September 2013 sollte Florian H. vom Stuttgarter Landeskriminalamt im Rahmen der NSU-Ermittlungen vernommen werden. Morgens um neun Uhr verbrannte er in seinem Auto auf dem Cannstatter Wasen, ein Festgelände wie die Theresienwiese in Heilbronn, wenige hundert Meter Luftlinie von LKA und Verfassungsschutz entfernt. Zusätzlich hatte er einen tödlichen Medikamentenmix in sich. Für die Staatsanwaltschaft stand schon nach wenigen Stunden fest: Suizid. Bisher konnte das weder belegt noch widerlegt werden. H. befand sich im Aussteigerprogramm des Staatsschutzes für Rechtsextremisten, er gehörte früher zur Neonazi-Szene in Heilbronn. Schon vor dem Auffliegen des NSU-Trios hatte er angegeben, zu wissen, wer die Polizistin Kiesewetter ermordet hatte – angeblich nicht Böhnhardt und Mundlos. Der NSU-Ausschuss von Baden-Württemberg hat seine Arbeit zum Fall Florian H. vorzeitig eingestellt, nachdem die Familie des Toten Gegenstände aus dem abgebrannten Auto nicht herausgab, u. a. einen Laptop und einen Camcorder. Die Gegenstände hatten die Angehörigen vor der Verschrottung durch die Polizei gesichert.

Todesfall No. 3: Thomas R.

Besser bekannt als V-Mann „Corelli“. Er wurde am 7. April 2014 tot aufgefunden, 39 Jahre alt. Als Todesursache wird eine nicht erkannte Diabeteserkrankung angegeben, also Tod durch Zuckerschock. R. befand sich in einem Schutzprogramm für aufgedeckte V-Leute und lebte vermutlich bei Bielefeld. Davor war er etwa 20 Jahre lang als V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz in der rechtsextremen Szene tätig. Sein Name stand auf der Adressliste von Uwe Mundlos, die 1998 in Jena in einer Garage gefunden wurde. „Corelli“ hatte unter anderem die Ku-Klux-Klan-Gruppe von Schwäbisch Hall mit aufgebaut. Dort waren mehrere Polizisten Mitglied. Einer, Timo H., war Kollege der in Heilbronn ermordeten Polizistin Kiesewetter. 2005 übergab V-Mann „Corelli“ seinem Dienst eine CD mit der Aufschrift „NSDAP/NSU“. Trotz eines vom Bundestag eingesetzten Sonderermittlers konnte die Geheimdiensttätigkeit „Corellis“ nicht restlos aufgeklärt werden. Dem Sonderermittler wurden Akten vorenthalten. Selbst das genaue Eintrittsdatum als Spitzel sowie der exakte Todeszeitpunkt stehen nicht fest. Er starb, kurz bevor er im Zschäpe-Prozess in München als Zeuge vernommen werden sollte.

Todesfall No. 4: Melisa M.

Bis September 2013 war Melisa M. die Freundin von Florian H. Am 2. März 2015 wurde sie in nichtöffentlicher Sitzung vom NSU-Ausschuss in Stuttgart befragt. Der Zeugenauftritt war wegen einer möglichen Gefährdung zwischen Landeskriminalamt und Innenministerium abgestimmt worden. Die junge Frau erhielt Polizeischutz. Begleitet wurde sie auch von ihrem damaligen Verlobten Sascha W. In ihrer Vernehmung hat sie wiederholt erwähnt, Florian habe große Angst gehabt, weil er sich aus der rechten Szene bedroht sah. Am 28. März 2015 starb Melisa M., 20 Jahre jung. Ihr Lebensgefährte Sascha fand sie abends mit krampfartigen Anfällen in der gemeinsamen Wohnung in Kraichtal bei Karlsruhe. Laut Rechtsmedizin starb sie an einer Lungenembolie. Diese soll durch Blutgerinnsel verursacht worden sein, wie die zuständige Staatsanwaltschaft erklärte. Wie diese Gerinnsel zustande kamen oder wo sie herkamen, ist allerdings unklar, laut Rechtsmedizin „höchstwahrscheinlich durch einen Sturz aufs Knie“. Melisa war einige Tage zuvor beim Motorradsport leicht gestürzt und hatte eine kleine Verletzung über dem Knie. Melisa und Sascha waren im selben Motorsportclub aktiv.

Todesfall No. 5: Sascha W.

Am 8. Februar 2016 ist auch Sascha W. ums Leben gekommen. Er starb in derselben Wohnung wie Melisa M. Weil keine natürliche Todesursache festgestellt wurde, ordnete die Staatsanwaltschaft eine Obduktion an, die noch nicht abgeschlossen ist. Dabei wurden jedoch „bislang keine Anhaltspunkte für Fremdverschulden“ gefunden. Die Behörde geht daher von einem Suizid aus. Zusätzlich gebe es zwei Abschiedsnachrichten von Sascha W., die elektronisch verschickt worden seien. Die Staatsanwaltschaft äußert sich weder zum Inhalt der Abschiedsnachrichten noch zum Empfänger, weder zur Art des Suizids noch zur Frage, wer den Toten gefunden hat. Sascha W. lebte wieder in einer festen Beziehung. Sollte Melisa M. doch etwas von den möglichen NSU-Geheimnissen ihres Freundes Florian H. gewusst haben – hatte sie dann vielleicht auch ihrem neuen Partner Sascha W. davon erzählt? Er begleitete sie zur Befragung in den NSU-Ausschuss, wo er den Abgeordneten ein Foto eines, so wörtlich, „Nazis“ zeigte, der im selben Haus wie er gewohnt hatte und mit einem anderen „Nazi“ in Heilbronn befreundet sein soll. Damit kann auch Sascha W. als NSU-Zeuge gelten.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 14/16.

Kommentare (27)

denkzone8 11.04.2016 | 07:53

was bisher durch-gesickert ist und unglücklicher-weise überhaupt zum nsu-prozeß geführt hat, ist doch erschütternd genug.

die volle wahrheit würden die staats-fromme gesellschaft möglicher-weise noch mehr ver-unsichern, vielleicht sogar an den dienst-stellen der gesetzes-wächter irre werden lassen.

wer will das? wo doch reale erfahrungen mit stasi und gestapo

im öffentlichen bewußtsein so gut gekapselt sind und mit der demokratischen staats-schutz-kultur nichts, aber auch garnichts zu tun haben. ehren-worte der amts-führer wären sicher leicht zu erhalten.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 11.04.2016 | 10:44

Ich spare mir mal das Ausrechnen der einzelnen Wahrscheinlichkeiten je Todesfall, da die Wahrscheinlichkeit, dass 5 Zeugen eines einzelnen Prozesses sterben, gegen NULL tendiert.

Je wichtiger der Prozess, desto tiefer der Staat. Da geht es dann gegen EINHUNDERT - um das Staatsversagen, die Verstrickung zu vertuschen.

Gold Star For Robot Boy 11.04.2016 | 11:13

Petra Pau (die Linke) :

“Mehr denn je sind Zweifel angebracht, ob die offizielle Version der Geschichte stimme, wonach ein Nazi-Trio namens NSU mehr als zehn Jahre lang mordend und raubend durch Deutschland gezogen sei, unerkannt und unbehelligt. So wird Bundeskanzlerin Merkel weiter in den Meineid getrieben, denn sie hatte bedingungslose Aufklärung versprochen. Und so werden die NSU-Opfer weiter verhöhnt, von Staats wegen.”

Mehmet Daimagüler (Nebenklage Anwalt im NSU-Prozess) in der Tagesschau vom 7.4.2016 zur bekanntgewordenen Anstellung von Uwe Mundlos bei V-Mann Marschner (Primus):

„Ich stelle sogar die Frage, ob es nicht der Verfassungsschutz war, der dieses Arbeitsverhältnis erst eingefädelt hat.“

Deutsche Welle (7.4.2016):

“The alleged right-wing terrorist Uwe Mundlos is said to have worked for a company belonging to an informant of the German intelligence service. The story sounds plausible. Conspiracy theorists could have a field day with this one: The right-wing extremist National Socialist Underground (NSU) could have been a product of the German intelligence services.“

NSU-Komplex: vier Jahre systematische Vertuschung

cyclist01 11.04.2016 | 11:30

"Vielleicht ist das aber auch alles nur Zufall."

Ich würde eher konstatieren:

Im NSU-Zusammenhang wird NICHTS dem Zufall überlassen.

Dazu ist das Thema dem 'tiefen Staat' viel zu heikel, die genauen Hintergründe und Details werden wir frühestens nach der nächsten Revolution, d.h. dem kompletten Austausch der sog. Eliten in allen Ebenen und Funktionen des Staates und der Herren der Deutungshoheit (Medieneigner, Politik- und Geschichtslehrstuhlinhaber etc.pp.) , erfahren.

So nicht vorher komplett geschreddert, die Akten.

4711_please 11.04.2016 | 13:15

Klar, der ganze NSU-Komplex ist eine Ansammlung von tausenden an Zufällen. Wer daran nicht glaubt, wird als Verschwörungstheoretiker abgestempelt. Man merke: der Merkel-Staat ist ein failed State, in dem Staatsdiener eher Feudalherren sind und die Verfassung als faschistische Werwölfe mühelos terroristisch unterwandern können. Fazit: es gibt keine Vergangenheitsbewältigung in einer Politik, die meint, die verfassungsfeindliche Unterstützung von faschistischen Strukturen und Personen sei das wichtigste und schützenswerteste Gut in einer Demokratie, über allen Terror hinweg.

Nach der Logik der Innenpolitik der GroKo müsste ja auch Daesh strukturell aufgebaut und finanziell unterstützt werden, um Terror zu verhindern. Diesen Unsinn verkaufen sie den Bürgern doch andauernd, wenn sie Akten schreddern, Unterlagen zurückhalten, sich gegenüber dem Parlament respektlos verhalten.

Ich gehe davon aus, dass der nächste Terroranschlag des Daesh in Deutschland stattfinden wird und es würde mich nicht wundern, wenn die Werwölfe der Geheimdienste ihre Finger dabei im Spiel hätten. Denn Ideologie und Ziele von Daesh und Nationalsozialismus sind sich schon sehr ähnlich.

Richard Zietz 12.04.2016 | 08:11

Dass dem NSU-Komplex von ganz oben »hinterhergeräumt« wird, ist ja nun seit Jahren offensichtlich. Anders als Andreas Schlüter etwas weiter oben bin ich mir nicht ganz sicher, ob Gladio der richtige Begriff ist für die Strukturen, in die der NSU offensichtlich seit den 1990ern eingebettet war. Networking unterschiedlicher rechter Strukturen – inner- und außerhalb des Staats – reicht für das Desaster bereits vollends aus.

Wie auch immer: Jede(r), der oder die da kein brisantes Insiderwissen mit sich rumträgt, kann heilfroh sein. Dass ist schlimmer als bei der Mafia.

merman2 12.04.2016 | 12:09

Alles Zufall.

Wie dies auch:

War der Oktoberfestattentäter allein?

"Diese Frage spielte bei den Ermittlungen der Bundesstaatsanwaltschaft keine Rolle. Sie wurden eingestellt. Eine nachträgliche Aufklärung ist wenig wahrscheinlich, denn die Asservate, die dank neuer, kriminaltechnischer Methoden Hinweise geben könnten, sind mittlerweile vernichtet - ein Skandal!

Haben Rechtsextremisten Gladio-Strukturen auch in Deutschland benutzt, um ihre politischen Ziele zu verfolgen?

http://www.3sat.de/page/?source=/ard/thementage/165450/index.html

Gunnar Jeschke 12.04.2016 | 21:04

Gladio ist vermutlich nicht der richtige Begriff. Ich denke aber schon, dass der NSU-Komplex in der Tradition von Gladio steht, in dem Sinne, dass Geheimdienste rechtsextreme Gruppierungen für verdeckte Operationen nutzen.

Dieses Vorgehen scheint sich weithin verbreitet zu haben, der Putsch auf dem Maidan lief ja wohl auch auf diese Art ab. Neben Katchanovskis bekannter Untersuchung, ist hier dazu noch eine weitere, etwas leichter verdauliche (allerdings englischsprachige) Quelle, die sich auch, aber nicht nur auf Katchanovski bezieht.

Richard Zietz 12.04.2016 | 22:44

In dem Sinn sehe ich die Dinge ähnlich. Inklusive, dass im NSU-Komplex einige Segmente Gladio-Struktur mit zugange waren.

Problematisch finde ich an dem Label »Gladio« (in Zusammenhang mit dem NSU), dass es einen einheitlichen Masterplan suggeriert, den es in dieser Einheitlichkeit sicher nie gegeben hat. Ich sehe hier eher unterschiedliche Segmente von am Rand der Verfassung stehenden beziehungsweise bereits außerhalb derselben befindlichem Staats-Rechtskonservativismus – zum Teil sicher nicht weit entfernt vom Gladio-Konzept, zum Teil aber auch unabhängig davon und mit eigenen Agendas sowie Teil-Agendas.

Erschreckend an dem ganzen NSU-Sumpf ist so auch viel eher, mit welcher Instinktsicherheit sich unterschiedliche Segmente inner- und außerhalb des Staatsapparats die Bälle zugespielt beziehungsweise den terroristischen Teil der NSU-Struktur abgedeckt haben: die »normale« Polizei etwa, die die Ermittlungen bei den sogenannten »Döner-Morden« ebenso in Richtung Nirgendwo auslaufen gelassen hat wie die, wo plötzlich Leute aus den eigenen Reihen umgenietet wurden wie die Polizistin Kiesewetter. Oder die diversen Ministerien und Ermittlungsbehörden, die bis heute carte blanche geben für die unterschiedlichsten Vertuschungsaktionen. Die Schlapphüte vom VS, bei denen man mittlerweile kaum noch glauben mag, dass es da »nur« um Quellenabdeckung ging.

Und, und, und. Ich jedenfalls bin davon überzeugt, dass vom tatsächlichen NSU-Komplex mittlerweile allenfalls ein Viertel investigativ einigermaßen ausrecherchiert ist. Wenn man bedenkt, was dieser – nach wie vor vorhandene – Sumpf für weitere Mitwisser(innen) bedeutet, die derzeit noch leben (beziehungsweise um selbiges fürchten), kann einem ganz anders werden.

Insofern kommt der NSU-Komplex durchaus an italienische Verhältnisse ran.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 14.04.2016 | 00:27

und in Mali wird das deutsche Demokratieverständnis künftig von der Reichsverweserin vmtl noch deutlicher veranschaulicht werden, während im BT der Einsatz der BW nach innen vmtl für gesellschaftsfähig zur conditio sine qua non ausdiskutiert gelten dürfte.

Unglaublich?

Was und warum?

Gunnar Jeschke 16.04.2016 | 07:47

...dass es einen einheitlichen Masterplan suggeriert, den es in dieser Einheitlichkeit sicher nie gegeben hat.

An einen einheitlichen Masterplan glaube ich auch nicht. Recht umfangreiche Verschwörungsnetze müssen gleichwohl existieren, sonst wären viele der bekannten Ereignisse und Vertuschungen nicht erklärbar. We in einem Geheimdienst arbeitet, neigt ja ohnehin zu Verschwörungen und wenn dann noch eine ausreichende Portion Skrupellosigkeit hinzukommt, geschehen solche Dinge. Der Politik ist vorzuwerfen, dass sie die Kontrolle über die Geheimdienste verloren hat und keine ernsthaften Anstrengungen unternimmt, diese wiederzuerlangen.