Plötzliche Todesfälle

NSU-Komplex Wie gefährlich ist das Leben als Zeuge? Fünf Personen, die womöglich etwas über die rechte NSU-Zelle wussten, sind tot
Thomas Moser | Ausgabe 14/2016 27

Fünf NSU-Zeugen sind tot. Alle fünf waren jung. Alle fünf starben eines nicht natürlichen Todes. Bei allen fünf sind die Umstände des Todes nicht restlos aufgeklärt. Unter weiteren Zeugen geht bereits die Angst um. Vielleicht ist das aber auch alles nur Zufall. Wer waren die Toten?

Todesfall No. 1: Arthur C.

Seine verbrannte Leiche wurde auf einem Waldparkplatz in der Nähe von Heilbronn gefunden, am 25. Januar 2009, gegen zwei Uhr nachts. Sie lag neben seinem ausgebrannten Auto. Der Parkplatz selbst heißt „Abgebrannte Eiche“. Arthur C. war 18 Jahre alt, wohnte in Weinsberg bei Heilbronn und kam aus einer russlanddeutschen Familie. Ob es Mord oder Selbstmord war, konnten die Ermittler nicht klären. Brisanz erhält der Fall dadurch, dass der Name Arthur C. an mehreren Stellen in den Ermittlungsakten der Sonderkommission Parkplatz zum Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter auftaucht. Der junge Mann soll eine „verblüffende Ähnlichkeit“ mit einem der Phantombilder gehabt haben, so die Bewertung der SoKo Parkplatz. Nach ihren Erkenntnissen hatte C. „offensichtlich zu Personen Kontakt, die sich nachweislich am Tatort Theresienwiese aufgehalten haben“. Sein Name befindet sich auch auf einer Liste von etwa 20 männlichen Personen in den Akten. Was es mit diesen Personen auf sich hat, ist unklar. Ebenso, ob ein Zusammenhang mit den Schüssen auf die zwei Polizisten Michèle Kiesewetter und Martin Arnold besteht.

Todesfall No. 2: Florian H.

Auch er verbrannte, im Alter von 21 Jahren. Am 16. September 2013 sollte Florian H. vom Stuttgarter Landeskriminalamt im Rahmen der NSU-Ermittlungen vernommen werden. Morgens um neun Uhr verbrannte er in seinem Auto auf dem Cannstatter Wasen, ein Festgelände wie die Theresienwiese in Heilbronn, wenige hundert Meter Luftlinie von LKA und Verfassungsschutz entfernt. Zusätzlich hatte er einen tödlichen Medikamentenmix in sich. Für die Staatsanwaltschaft stand schon nach wenigen Stunden fest: Suizid. Bisher konnte das weder belegt noch widerlegt werden. H. befand sich im Aussteigerprogramm des Staatsschutzes für Rechtsextremisten, er gehörte früher zur Neonazi-Szene in Heilbronn. Schon vor dem Auffliegen des NSU-Trios hatte er angegeben, zu wissen, wer die Polizistin Kiesewetter ermordet hatte – angeblich nicht Böhnhardt und Mundlos. Der NSU-Ausschuss von Baden-Württemberg hat seine Arbeit zum Fall Florian H. vorzeitig eingestellt, nachdem die Familie des Toten Gegenstände aus dem abgebrannten Auto nicht herausgab, u. a. einen Laptop und einen Camcorder. Die Gegenstände hatten die Angehörigen vor der Verschrottung durch die Polizei gesichert.

Todesfall No. 3: Thomas R.

Besser bekannt als V-Mann „Corelli“. Er wurde am 7. April 2014 tot aufgefunden, 39 Jahre alt. Als Todesursache wird eine nicht erkannte Diabeteserkrankung angegeben, also Tod durch Zuckerschock. R. befand sich in einem Schutzprogramm für aufgedeckte V-Leute und lebte vermutlich bei Bielefeld. Davor war er etwa 20 Jahre lang als V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz in der rechtsextremen Szene tätig. Sein Name stand auf der Adressliste von Uwe Mundlos, die 1998 in Jena in einer Garage gefunden wurde. „Corelli“ hatte unter anderem die Ku-Klux-Klan-Gruppe von Schwäbisch Hall mit aufgebaut. Dort waren mehrere Polizisten Mitglied. Einer, Timo H., war Kollege der in Heilbronn ermordeten Polizistin Kiesewetter. 2005 übergab V-Mann „Corelli“ seinem Dienst eine CD mit der Aufschrift „NSDAP/NSU“. Trotz eines vom Bundestag eingesetzten Sonderermittlers konnte die Geheimdiensttätigkeit „Corellis“ nicht restlos aufgeklärt werden. Dem Sonderermittler wurden Akten vorenthalten. Selbst das genaue Eintrittsdatum als Spitzel sowie der exakte Todeszeitpunkt stehen nicht fest. Er starb, kurz bevor er im Zschäpe-Prozess in München als Zeuge vernommen werden sollte.

Todesfall No. 4: Melisa M.

Bis September 2013 war Melisa M. die Freundin von Florian H. Am 2. März 2015 wurde sie in nichtöffentlicher Sitzung vom NSU-Ausschuss in Stuttgart befragt. Der Zeugenauftritt war wegen einer möglichen Gefährdung zwischen Landeskriminalamt und Innenministerium abgestimmt worden. Die junge Frau erhielt Polizeischutz. Begleitet wurde sie auch von ihrem damaligen Verlobten Sascha W. In ihrer Vernehmung hat sie wiederholt erwähnt, Florian habe große Angst gehabt, weil er sich aus der rechten Szene bedroht sah. Am 28. März 2015 starb Melisa M., 20 Jahre jung. Ihr Lebensgefährte Sascha fand sie abends mit krampfartigen Anfällen in der gemeinsamen Wohnung in Kraichtal bei Karlsruhe. Laut Rechtsmedizin starb sie an einer Lungenembolie. Diese soll durch Blutgerinnsel verursacht worden sein, wie die zuständige Staatsanwaltschaft erklärte. Wie diese Gerinnsel zustande kamen oder wo sie herkamen, ist allerdings unklar, laut Rechtsmedizin „höchstwahrscheinlich durch einen Sturz aufs Knie“. Melisa war einige Tage zuvor beim Motorradsport leicht gestürzt und hatte eine kleine Verletzung über dem Knie. Melisa und Sascha waren im selben Motorsportclub aktiv.

Todesfall No. 5: Sascha W.

Am 8. Februar 2016 ist auch Sascha W. ums Leben gekommen. Er starb in derselben Wohnung wie Melisa M. Weil keine natürliche Todesursache festgestellt wurde, ordnete die Staatsanwaltschaft eine Obduktion an, die noch nicht abgeschlossen ist. Dabei wurden jedoch „bislang keine Anhaltspunkte für Fremdverschulden“ gefunden. Die Behörde geht daher von einem Suizid aus. Zusätzlich gebe es zwei Abschiedsnachrichten von Sascha W., die elektronisch verschickt worden seien. Die Staatsanwaltschaft äußert sich weder zum Inhalt der Abschiedsnachrichten noch zum Empfänger, weder zur Art des Suizids noch zur Frage, wer den Toten gefunden hat. Sascha W. lebte wieder in einer festen Beziehung. Sollte Melisa M. doch etwas von den möglichen NSU-Geheimnissen ihres Freundes Florian H. gewusst haben – hatte sie dann vielleicht auch ihrem neuen Partner Sascha W. davon erzählt? Er begleitete sie zur Befragung in den NSU-Ausschuss, wo er den Abgeordneten ein Foto eines, so wörtlich, „Nazis“ zeigte, der im selben Haus wie er gewohnt hatte und mit einem anderen „Nazi“ in Heilbronn befreundet sein soll. Damit kann auch Sascha W. als NSU-Zeuge gelten.

06:00 11.04.2016

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