Pop ist eine Frau

Sounds Adele, Helene Fischer, Billie Eilish: Weibliche Stars prägen die Popmusik. Es geht zaghaft voran

Ende Juli wird es so weit sein: Billie Eilish veröffentlicht ihr zweites Album. Aller Voraussicht nach wird es sich um das Popereignis des Jahres handeln. Das vor zwei Jahren erschienene Debütalbum wurde zum weltweiten Erfolg, mit dem Nachfolger könnte sie den noch toppen. Ganze vorne mit dabei bei den größten Stars unserer Zeit ist also eine 19 Jahre alte Singer-Songwriterin, die bis vor kurzem mal aussah wie ein Gothic-Kid und mal, als sei sie einem Manga entsprungen. Auf dem Cover der neuen britischen Vogue überrascht sie mit einem Showgirl-Look der 1940er Jahre. Als der Popkritiker Jens Balzer vor fünf Jahren sein Buch Pop. Ein Panorama der Gegenwart veröffentlichte, war Eilish noch eine hoffnungsvolle Nachwuchssängerin. Aber Balzer sprach schon damals davon, dass in der Popmusik das Matriarchat gewonnen habe. Adele, Amy Winehouse und sogar Helene Fischer – all die weiblichen Superstars der vergangenen zwei Dekaden ließen seiner Meinung nach ihre männlichen Pendants alt aussehen. Den guten alten Rock, der in den 1990ern nach Nirvana und im Zuge von Grunge noch einmal auferstanden war, hätten sie vielleicht endgültig zu Grabe getragen.

Die Band, ein Männerbund

An Balzers Analyse war viel stimmig, manches aber auch nicht. Es waren ja nicht nur weibliche Performerinnen, die die beiden Jahrzehnte maßgeblich prägten. Justin Timberlake und Kanye West waren auch noch da. Was aber definitiv zutrifft: Die wichtigsten Stars der letzten Jahre haben das Format Band als seit den Beatles etablierten Goldstandard der Popmusik überwunden. Und die Band, das zeigen sechs Jahrzehnte Pop, war mit ganz wenigen Ausnahmen eine männerbündlerische Angelegenheit. Im Punk gab es ein paar Versuche, das zu ändern. Bands wie die Raincoats, die Slits oder The Go-Go’s waren Zusammenschlüsse von Frauen. Und es gab auch ein paar gemischtgeschlechtliche Bands, in denen Frauen eine andere Rolle hatten als die der Frontsängerin. Bestimmende Figuren dieser Ära wie Viv Albertine von den Slits beschreiben allerdings in ihren Memoiren, wie sexistisch die Strukturen auch in Punk und New Wave waren. Und Cosey Fanni Tutti von Throbbing Gristle machte in ihrer Autobiographie öffentlich, dass sie von ihrem damaligen Bandkollegen Genesis P-Orridge vergewaltigt wurde.

Die Riot-Grrrl-Bewegung der 1990er Jahre versuchte dann, bezugnehmend auf die emanzipatorischen Musiker*innen der Punkzeit, das Bandformat zu retten, indem sie es umcodierte. Die Bands waren laut und aggressiv, so wie die Indierock-Bands der Jungs auch, aber sie waren eben weiblich und verbreiteten feministische Botschaften. Doch das Bandformat als prototypische Männer-Institution konnten auch sie nicht überwinden. In die Liga von U2, Coldplay oder Nirvana stieg keine von ihnen auch nur ansatzweise auf.

Das Gefühl, das Jens Balzer in seinem Buch artikulierte, nämlich dass die Frauen inzwischen die Weltherrschaft im Pop übernommen haben, kam zu Beginn des Jahrtausends auf. Popmusikalische Spielarten von Elektro bis K-Pop wurden immer dominanter und verdrängten die auf dem Band-Konzept beruhende Rockmusik. Inzwischen wurde sie als weltweit dominierendes Genre auch ganz offiziell von Hip-Hop und R & B abgelöst. Rock ist eigentlich nur noch bei den letzten verbliebenen Print-Musikmagazinen ein großes Thema, und die lesen immer weniger Menschen. Jetzt sind es Solokünstler*innen, die die großen zeitgemäßen Erzählungen anzubieten haben. Lady Gaga dekliniert alles durch, was Gender-Bender anzubieten hat, Beyoncé avanciert zur auch in woken Kreisen beliebten Feminismus-Ikone, und Taylor Swift wandelt sich öffentlich zur politischen Künstlerin. Madonna, Janet Jackson oder Björk waren in den 1980ern und 1990ern Megastars, doch wirkten sie damals wie Solitäre neben all den männlichen Popgrößen. Jetzt scheint es im Popbusiness geschlechtermäßig umgekehrt zu sein. Schaut man sich jedoch das Ergebnis einer Studie an, die kürzlich von der University of Southern California veröffentlicht wurde, bekommt man ein anderes Bild vermittelt. Die Studie untersucht den Anteil von Frauen im Musikgeschäft in den vergangenen neun Jahren. Frauen waren demnach nur zu etwa einem Viertel an den Hits in den US-Charts beteiligt. Im Jahr 2020 kamen nur 12,9 Prozent der Chartsongs aus den Federn von Songwriterinnen. Das Songs-Schreiben ist also immer noch eine männlich dominierte Disziplin. Produzentinnen von Hits musste die Studie mit der Lupe suchen: Sie machten im vorigen Jahr gerade mal zwei Prozent aus, Tendenz sinkend. Der Job des Musikproduzenten, der so gerne als das wahre Genie hinter den Kulissen verklärt wird, ist also fest in der Hand der Männer.

Sogar Björk muss sich wehren

Ist der Eindruck der weiblichen Übernahme der Popmusik also nur ein Trugbild? Man darf schließlich nicht vergessen, dass etwas randständigere Genres wie Techno oder House ebenfalls weiter von Männern beherrscht werden. Auf den Listen der bestverdienenden DJs der Welt tauchen auf den vorderen Plätzen ausschließlich diese auf. Und schaut man sich beispielsweise im Black Metal um, einem musikalisch durchaus innovativen Genre, muss man konstatieren: Die Rolle von Frauen besteht hier höchstens darin, dem Metal-Krieger nach getaner Arbeit das Bier zu reichen.

Dazu kommt im Popbetrieb fortgeschriebener Sexismus in allen nur erdenklichen Formen. Im besonders in Deutschland ungemein populären Gangsta- und Battle-Rap sind Frauen selten mehr als reines Sex-Objekt. Taylor Swift wird von Hip-Hop-Mogul Kanye West als „Schlampe“ besungen, die ausgerechnet er erst groß gemacht habe, weil er sie bei einer Preisvergabe einmal öffentlichkeitswirksam gedemütigt hat. In einer viel beachteten Dokumentation über Britney Spears bekommt man zu sehen, wie ein Medienmob sich über jeden Fehltritt eines weiblichen Stars so lange hermacht, bis dieser vor aller Augen zerbricht.

Hinzu kommt, dass es einfach nicht aufhört damit, Frauen abzusprechen, dass sie ihren Erfolg aus eigener Kraft geschafft haben. Björk, bei der man eigentlich dachte, sie würde als anerkannte Popgröße längst über allen Dingen stehen, beklagte erst vor ein paar Jahren, sie müsse immer noch ständig erklären, dass sie beim Kreieren ihrer Musik auch selbst Einfälle hat, nicht nur die begnadeten Männer an den Mischpult-Reglern. Und bei Taylor Swift wird nie auf den Hinweis verzichtet, dass sie auch wirklich die Verfasserin ihrer Songs ist. Ganz so, als könne das bei einer Frau mit einer wie maßgeschneidert wirkenden Karriere ja eigentlich gar nicht sein.

Wo sich immerhin etwas tut, ist die Sichtbarmachung. Ein Festival, das nicht zumindest einen gewissen Anteil an Musikerinnen auf der Bühne hat, kann heute einpacken. Eine Organisation wie female:pressure, die sich für mehr weibliche DJs in den Clubs einsetzt, vermeldet, es sei zwar zäh, gehe aber langsam aufwärts. Auch die Pop-Historie wird zaghaft weiblicher. Der US-amerikanische Rolling Stone erneuerte voriges Jahr seine Liste der „500 besten Alben aller Zeiten“, bislang war sie fest in der Hand alter weißer Männer. Jetzt finden sich hier auch vereinzelt Platten junger Frauen. Und Filme wie Ma Rainey’s Black Bottom oder The United States vs. Billie Holiday vermessen die Wirkmacht großer Sängerinnen von damals neu. Frauen, so lernt man gerade, waren auch vor Billie Eilish prägend in der Popmusik. Aber erst jetzt wird das auch so gesehen.

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06:00 14.05.2021

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