Potenzielle Pflichtlektüre

Brüstchenlöser Nun hat auch Jan Böttcher einen Lehrerroman geschrieben. Aber sein Boden heißt Musik, und der ist sehr gut, fast schon zu gut bestellt

Die Figuren haben ihre ­Leitmotive wie Rilkes Panther seine Stäbe

Der altgediente Musiklehrer Mauss, der sich von seinen Schülern Manuel rufen lässt, ist sich gewiss: „Ich weiß um alles, ihre Bands und ihre Songs und ihre Fotos und ihre Podcasts und ihre Blogs und ihre Frisuren und ihre Stimmen und ihre Choreografien, ihr Selbstvertrauen und ihr Erfolgsdenken und ihre Tänze und ihre Ironie.“

Das erzählt er jedenfalls seiner toten Frau. Da ist er ziemlich am Ende seines Kapitels und aus dem Gleichgewicht, hat den Suizid einer Schülerin, die Affäre einer anderen und vor allem seinen nicht untrunkenen Fahrradsturz zu verkraften. Was er uns bis dahin erzählt und mehr noch gegrübelt hat, lässt schwanken, ob er nun ein epigonaler Anwanzer à la Der Club der toten Dichter, ein verstehensseliger Jugendschmarotzer oder eine sensibel-selbstquälerische Pädagogenseele ist. „Wer man war, war man geworden. Lehrerhände. Mit ausgeprägten, viel zu spät ruhiggestellten Zeigefingern.“ Immerhin stellt seine Schülerin Clarissa klar: „Mauss ist der beste Lehrer, den wir haben.“

Der 1975 in Lüneburg geborene Jan Böttcher, dessen beindruckender Roman Nachglühen (2008) über ein Dorf im ehemaligen Grenzgebiet an der Elbe noch immer nachhallt, hat sich mit seinem neuen Werk auf ein ebenfalls nicht unumstrittenes Terrain begeben: Lehrerromane sind in, aber sind sie nicht eine allzu abgewetzte literarische Schulbank? Neben Adoleszenz und Urlaubsreise die dritte sichere Bank für Jungromane? Aber das eigentliche Terrain von Das Lied vom Tun und Lassen heißt Musik. Und da kennt Jan Böttcher sich aus, ist er doch in seiner Parallelexistenz Musiker, Teil der Band Herr Nilsson und auch solo unterwegs. Musik steht im Zentrum: als Reminiszenz oder Verführung, als Trost oder Ambition, Mahlers Vertonung von Rückerts Kindertodtenliedern ebenso wie Curt Cobain von Nirvana oder Nick Drake, vor allem aber viel Selbstgemachtes in Bands, die zumindest teilweise imaginär bleiben. Warum Musik?

„Weil sie Erwartungen weckt, weil sie ein Brüstchenlöser ist“, so sinniert der andere Protagonist, ein dokternder Musikwissenschaftler und nun identitätskriselnder Evaluierer der Schule. Immerhin denkt Engler in Klammern: „klingt wie Brötchenholer“, desavouiert sich intellektuell aber spätestens, wenn er Mauss einen „Querdenker“ nennt. Er hat es auf Clarissa abgesehen, die, wenn man Mauss glauben kann, am Tod der Außenseiterin Meret nicht ganz unschuldig ist, und nun als Grenzgängerin zwischen Realität und Einbildung einen Blog über eine imaginierte Band-Tournee durch Südfrankreich und Spanien schreibt, worin sie ihre Schuldgefühle und ihre Trauer sowie das Verhältnis zu den beiden Männern zu bewältigen versucht. So bekommen wir drei Generationen je in ihrer Sicht vorgeführt, je auf ihre Weise Menschen im Verlust, Mauss trauert um Frau und Schülerin, Engler hat den Vater verloren – und dann Clarissa. Alle drei erzählen sich selbst, ihre Sicht und ihren eigenen Stil, Mauss grübelnd, Engler pragmatischer und Clarissa phantasievoll träumend.

Und natürlich geht es durch die Generationen, die Schule und die Musik hindurch um den Umgang miteinander, um Wünsche, Hoffnungen, Projektionen von Nähe, Zärtlichkeit, Zuneigung oder gar Liebe – als Trost oder Selbstbeweis, Kompensation – oder auch Verzicht. Eben Tun und Lassen. Das alles ist wohlüberlegt und zugleich behutsam erzählt, lebensklug und voller schöner Beobachtungen und Momente, man liest es gern und mit Gewinn.

Und doch bleibt – vor allem im Rückblick auf den vorhergehenden Roman – ein Unbehagen: Da scheint dann alles je einen Tick zu sehr auf Erkennbarkeit und Wohlmeinenheit geplant. Die Figuren haben ihre Leitmotive wie Rilkes Panther seine Stäbe, Meret ist ein Update aus Kellers Grünem Heinrich, worauf denn auch eine Schulaufgabe dezent überdeutlich verweist, Clarissa, das ist die junge Abhängige, verführte Verführerin aus Samuel Richardsons gleichnamigem Briefroman – und so fort. Und was als Lebensweisheit dabei herauskommt, ist schon recht weise, aber doch eher an sie herangetragen als tatsächlich aus einem wirklichen Schicksal der Figuren entwickelt. Und dazu gesellt sich dann ein weiteres Kalkül:

Unter janboettcher.de gibt es „die Lieder zum Roman“. Sei es nun, dass der Roman die Lieder oder die Lieder den Roman promoten, das Selbstmarketing des Romans scheint jedenfalls in Richtung schulische Pflichtlektüre und Absatz im Klassensatz mehr als nur zu blinzeln. Aber immerhin wäre das ja nicht die schlechteste Schullektüre.

Das Lied vom Tun und LassenJan Böttcher Rowohlt 2011, 316 S., 19,95 €

Potenzielle Pflichtlektüre

Erhard Schütz ist Professor für neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität Berlin. Für den Freitag schreibt er die Kolumne sachlich richtig

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16:35 11.10.2011

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