Problemtiere

A–Z Viele Kleinlebewesen können eine ungeheure Zerstörungskraft entwickeln, Käfer zum Beispiel, Krebse oder Heuschrecken. Unser Lexikon der Woche
der Freitag | Ausgabe 19/2016

A

Abwehrhund Hund und Sprengstoff (➝ Kampfdelfin) verbindet eine spezielle Beziehung. Im Zweiten Weltkrieg dienten die Tiere jedoch nicht – wie sonst – dazu, Explosionen mit ihrer feinen Spürnase zu verhindern, sondern sie waren dafür da, ebendiese auszulösen. Als sogenannte Panzerabwehrhunde wurden sie vor allem von der Roten Armee eingesetzt, um mit Sprengstoff bepackt unter Wehrmachtspanzer zu kriechen und diese mit sich in die Luft zu jagen.

Damit die Hunde für diesen zutiefst unintuitiven Einsatz bereit waren, wurden sie zuvor mit reichlich Futter konditioniert. Die Hundeminen setzten sich allerdings nicht durch, konnten die Vierbeiner doch bisweilen die eigenen Panzer nicht von den gegnerischen unterscheiden. Gerade in der Stresssituation des Angriffs rannten sie zu den – zumindest vom Geruch her vertrauten – Tanks der Roten Armee. Die Lehre daraus: Auch Hunde wollen nicht als lebende Waffe verheizt werden. Benjamin Knödler

B

Bär Der tragische Fall von JJ1, so Problembär Brunos bürgerlicher Name, lässt sich exakt zehn Jahre danach als Menetekel zur Flüchtlingsproblematik lesen. Viel hatte Bruno sich nicht zuschulden kommen lassen. Abgesehen von ein paar gerissenen Haustieren bestand sein Vergehen darin, Ländergrenzen missachtet zu haben. Über die Italien-Österreich-Route war er im Mai 2006 nach Bayern gekommen. Grund genug für Edmund Stoiber, ihn für vogelfrei zu erklären. Seit 1835 hatte es hier keinen Braunbären mehr gegeben, so sollte es bitte auch bleiben. Kurzzeitig setzten sich zwar Leute für Bruno ein, fünf Wochen später erschoss (➝ Pistolenkrebs) man ihn aber auf seiner Flucht. Heute mahnt der ausgestopfte Kadaver von JJ1 im Naturkundemuseum Schloss Nymphenburg die Bayern täglich, was alles passieren kann, wenn man die Grenzen nicht schützt. Timon Karl Kaleyta

H

Heuschrecke Wenige Tiere genießen ein schlechteres Image als die Heuschrecke. Da sie bereits im 2. Buch Mose in Gestalt einer zerstörerischen Plage auftrifft, gilt sie buchstäblich seit biblischen Zeiten als Insekt (➝ Juchtenkäfer) des Schreckens. Nicht zuletzt deshalb wählte sie im April 2005 auch der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering als Metapher für skrupellose Finanzinvestoren. Das erinnerte den Historiker Michael Wolffsohn wiederum an die nationalsozialistische Sprachpraxis der Vertierung von Menschen.

Obschon Heuschrecken, bei denen ein einziger Schwarm über eine Milliarde Tiere zählen kann, tatsächlich immer wieder ganze Landstriche verwüsten, dienen sie insbesondere in Asien gleichzeitig auch als wichtiges Nahrungsmittel und günstiger Eiweißlieferant. Zudem gelten sie in China als beliebte Athleten. Hier werden Heuschrecken nämlich seit Jahrhunderten nicht nur als zirpende Haustiere gehalten, sondern man lässt sie auch im Zweikampf gegeneinander antreten. Bei dieser Form des Insektenboxens geht es jedoch nicht nur um die Show, sondern mitunter auch um Tausende Euro von Preisgeld. Nils Markwardt

J

Juchtenkäfer Er war quasi das Maskottchen des Protests gegen Stuttgart 21: Der Juchtenkäfer steht unter Artenschutz und wohnt in einigen Bäumen, die für das Megaprojekt gefällt werden sollten. Es musste umgeplant werden, das verzögerte die Bauarbeiten und erhöhte die Kosten. Im Herbst 2010 habe die Bahn aber auch Bäume ohne Genehmigung (➝ Uhu) gefällt, kritisiert der Umweltverband BUND. Nach Protest suche der Konzern nun andere Lösungen. So werde ein Tunnel unterirdisch gebaut und keine Baugrube ausgehoben, die Bäume können stehen bleiben. Inzwischen hat die Bahn noch ein Problem: Seltene Eidechsen wurden entdeckt. Diese können aber wohl relativ leichtumgesiedelt werden. Felix Werdermann

K

Kampfdelfin Sie tragen Kameras, Sender oder gar Sprengstoffgürtel (➝ Abwehrhund): Delfine im Einsatz fürs Militär. Sowohl die US-Marine als auch die russischen Streitkräfte machen sich ihre Intelligenz, Neugier und Schnelligkeit zunutze. Bereits seit dem Kalten Krieg werden speziell ausgebildete Delfine zur Ortung des Feindes, zum Aufspüren von Minen oder zum Markieren von Tauchern vorgeschickt. Zuletzt sollen welche im Konflikt um die Krim eingesetzt worden sein. Das schlauste und freundlichste Kerlchen im Tierreich fürmilitärische Zwecke auszunutzen, bricht jedoch jedem Tierfreund das Herz und auch Flipper würde sich sicher im Grabe umdrehen. Laura Langer

M

Mücke Die Angst, dass böse Neozoen heimischen Hunden, Katzen und Mäusen das Fressen wegnehmen, erweist sich oft als unbegründet. Bei manch tierischen Einwanderern ist jedoch wirklich Vorsicht angebracht. Nicht weil sie fremd, sondern gefährlich (➝ Schwan) sind. Tropische Mücken etwa sind hocheffiziente Überträger von Viren; allein die Malaria tötet 600.000 Menschen im Jahr.

In Italien siedelte sich vor einigen Jahren die Asiatische Tigermücke an. Sie übertrug ein in Europa unbekanntes Fieber, rund 200 Menschen infizierten sich, einer starb. Auch die heimischen Mücken sind mies, stechen und hinterlassen juckende Beulen. Das ist als Prüfung der Willensstärke – nicht kratzen! – hinnehmbar und man kann die Blutsauger sogar durch eigenen Alkoholkonsum betrunken machen. Wenn sie einen aber im Schlafzimmer leise surrend um die Nachtruhe bringen, zeigen Mücken ihre wahre Terrorfratze. Tobias Prüwer

P

Pistolenkrebs Der Pistolenkrebs lässt es gerne richtig krachen. Der gerade einmal fünf Zentimeter kleine Krebs macht seinem Namen alle Ehre: Seine Scheren benutzt er als Waffen, die er im Angriff zusammenschnappen lässt. So entsteht ein Wasserstrahl, der eine Geschwindigkeit von 25 Metern pro Sekunde erreicht und eine dampfgefüllte Blase bildet. Diese implodiert mit einem bis zu 200 Dezibel lauten Knall – das ist lauter als ein Düsenjet und macht den Pistolenkrebs zum lautesten Tier der Welt.

Mit dem Knall tötet der Krebs Beutetiere und hält Artgenossen auf Abstand. Als wäre das nicht genug, erzeugt er mit seiner Attacke auch noch einen über 4.700 Grad heißen Lichtblitz (➝ Zitteraal). Über Wasser hört man den donnernden Krebs zwar nicht – unter Wasser kann er aber durchaus die Sonargeräte von Schiffen beeinträchtigen. Im Zweiten Weltkrieg hat der Pistolenkrebs sogar manchmal verhindert, dass sich gegnerische U-Boote orten konnten. Magdalena Müssig

S

Schwan Mein lieber Schwan! Der Schlanknacken geht als Gespenst um in Europa. Es war im Brüssler Restaurant „Schwan“, wo Marx und Engels über dem Kommunistischen Manifest brüteten. In England ist er zur Kontrolle direkt der Queen unterstellt. Aus guten Gründen, wie das häufige Auftauchen von „Problem-Schwänen“ dokumentiert.

„Problem-Schwan Kurt (➝ Bär) muss in Schutzhaft“ hieß es aus Plauen. Der „Terror-Schwan vom Wörthersee“ biss Fischern in den Hintern. Im Erzgebirge wurden dem Schwan Zwack die Flügel gestutzt, weil er Leute jagte und Wäsche verkotete. Immer wieder kommt es auch zu Schäden durch Spiegelfechterei wie jüngst in Ebersbach. In Fensterscheiben und Autokotflügeln erkennen verliebte Männchen einen Rivalen und attackieren darum ihr Spiegelbild. Abhilfe ist schwer. Man könnte die Flächen abkleben. Aber das ist auf Dauer lästig. Höckerschwäne können über 20 Jahre alt werden. Tobias Prüwer

Spatz Im zehnten Jahrhundert führte Olga von Kiew als Herrscherin der Kiewer Rus Krieg gegen die Drewlanen, die ihren Gatten Igor getötet hatten. Zunächst ließ sie 5.000 Drewlanen am Grab ihres Gemahls töten und belagerte dann die Hauptstadt Iskorosten. Als die Bewohner um Gnade baten, gewährte sie diese gegen Überlassung von drei Spatzen und drei Tauben pro Haushalt, so die Sage. Jeder ihrer Krieger bekam einen der Vögel, zusammen mit dem Befehl, ihm einen kleinen Brandsatz ans Bein zu binden. Gleichzeitig in die Freiheit entlassen, flogen die Tiere umgehend heim und setzten so die ganze Stadt in Flammen, die komplett niederbrannte. Die flüchtenden Bewohner (➝ Uhu) ließ sie töten oder verkaufte sie als Sklaven. Olga von Kiew wird bis heute in der russisch-orthodoxen Kirche als Heilige verehrt. Uwe Buckesfeld

U

Uhu Bayern hatte einst Problembär Bruno, das niederländische Purmerend 2015 einen „Terror-Uhu“. Im Schutz der Nacht hackte die Eule hinterhältig auf Zivilisten-Häupter ein. Es folgte eine Art Ausnahmezustand. Die Bürger suchten unter Schirmen Schutz vor des Tieres Angriffslust, nachdem es für zig Schrammen gesorgt und einen Bewohner krankenhausreif verwundet hatte. Drei Wochen marodierte der Vogel (➝ Schwan) herum, weil er nur mit Sondergenehmigung gefangen werden durfte. Schließlich landete der Uhu aber hinter Gittern. Doch warum tickte die Eule so aus? Entweder waren zu viele Hormone im Spiel oder sie wurde von Menschen aufgezogen und verband mit ihnen sehr unmittelbar Nahrung. Benjamin Knödler

W

Wiesel Dass Wieseln etwas Zwielichtiges anhaftet, erkennt man schon am Verb „durchwieseln“, das so viel wie durchmogeln bedeutet. Zumal diese Alleingänger, die sich mitunter als Eierdieb und Hühnermörder durchschlagen, zerstörerische Kräfte entwickeln können. Das wusste man schon in der Antike. Spricht Plinius der Ältere in seiner Naturalis historia vom Basilisken, jenem mythischen Monster, das auch bei Harry Potter auftaucht, so sei dieses nur auf eine Art zu töten: Man müsse Wiesel in dessen Höhle werfen, an deren Geruch es dann sterbe.

Dass die Marderart jedoch nicht nur zum Gegenterror (➝ Spatz) taugt, sondern selbst aktiv wird, hat sich jüngst im Genfer Kernforschungszentrum CERN gezeigt. Ein Wiesel drang in einen 66-Kilovolt-Transformator des weltgrößten Teilchenbeschleunigers ein und legte diesen für einige Zeit lahm. Zeichentrickheld Homer Simpson sagte einmal: „Tiere können sich nicht durchwieseln. Das Wiesel ausgenommen.“ Das war hier jedoch nicht der Fall, das Wiesel verbrannte. Nils Markwardt

Z

Zitteraal Die Zecke gehört zu den größten Problemtieren der Deutschen. Jedes Jahr geht erneut die Angst vor Borreliose um. An sich hätte aber auch der Zitteraal das Potenzial Sommerlöcher zu stopfen. Das bewies er, als vor einigen Jahren ein Video kursierte, das einen sterbenden Alligator beim Biss in einen Zitteraal zeigte. Letzterer kann nicht nur Elektrizität erzeugen und Beute wie Gegner mit Stromschlägen von bis zu 600 Volt (Wiesel) lähmen. Er steuert diese sogar.

Zunächst sendet das Tier schwache Stromstöße aus, um sein künftiges Mahl zu orten. Wird dieses getroffen, gerät sein Körper in Zuckungen, die sein Versteck verraten. Eine stärkere Stromdosis macht es dann bewegungsunfähig und verzehrfertig. Übrigens zählt der Zitteraal nicht zu den Aalen, sondern zu den Neuwelt-Messerfischen. Aber statt die Klinge zu zücken, mag er es lieber raffiniert. Tobias Prüwer

06:00 25.05.2016
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