Promenadenmischung

Berliner Abende Kolumne

Was werden wir in diesen Frühlingstagen tun, die jetzt rasch kommen? Nicht mehr länger am Fenster lehnen, die Stirn gegen die Scheibe gepresst, den Blick missmutig zum grauen Himmel, über weiß bestreute Dächer schweifen lassen! Wir gehen hinaus zum Promenieren auf den Kurfürstendamm, dem ewig totgesagten, der Straße ohne Erinnerung. Denn "was einmal war, ist auf Nimmerwiedersehen dahin, und was sich gerade behauptet, beschlagnahmt das Heute hundertprozentig", befand Kracauer schon 1932. Der Kudamm mag ein Boulevard ohne Erinnerung sein und ohne Eigenschaften, aber er ist voller Geschichten!

Ach, Frau Rinkmann! Wie sie so adrett dasaß im muffigen Garderobenraum. Mitten unter schlampig gekleideten, zu Recht schlecht gelaunten Frauen, die morgens um sieben Bier und Currywurst zu frühstücken pflegten. Aber sie war perfekt geschminkt, eine Dame, ihre Frisur eine Symphonie in blond. Und das Kostüm prächtig genug für eine Königin. Ich staunte sehr. Eine verbrecherische Beschäftigungsgesellschaft bezahlte mich im Sommer 1989 dafür, dass ich diesem zusammengewürfelten Haufen arbeitsloser Putzfrauen ein paar Bildungsfloskeln eintrichterte.

Die Rinkmann jedenfalls hatte hinter der Mauer im Osten vom Westen geträumt. Und als ihre Kinder sich in der Schule sehr unbeliebt gemacht hatten und ihr Mann im Betrieb, reisten sie aus. Die Zwischenzeit dauerte einen bitterbösen Albtraum lang. Aber dann waren sie endlich da. Frau Rinkmann hielt sich mit Auspacken nicht auf. Sie jagte ihrer schillernden Seifenblase nach und fuhr zum Kurfürstendamm. Das erzählte sie mir und ich musste lachen. Wie kommt man zu solch albernen Träumen?

Damals wohnte ich um die Ecke. Wenn ich nachmittags eilig über den Boulevard hastete, blieb ich regelmäßig schon bei Joe am Kudamm stecken. In der Masse angetrunkener Fußballfreunde, in unschlüssig sich über Pläne beugende Touristengruppen oder in Busladungen voller ins Kranzler strömenden Tortenessern. Kudamm war peinlich. Besuch wurde weiträumig drumherum geleitet.

Manchmal aber, in warmen Sommernächten, aus einem der vielen Kinos dort tretend, der Lupe, dem Gloriapalast, dem Marmorhaus oder meinem Lieblingskino, dem Astor, manchmal dem Hauptdarsteller des gerade gesehenen Films, ach so zufällig über den Weg laufend, da glimmte die laue Nachtluft unter den grünen Dächern der Platanen. Ein blinder Mandolinist saß im Eingang eines Geschäfts und zupfte die Saiten so ohrerschreckend falsch, dass ich ihn auch für taub halten musste. Ein anderer Alter schaukelte ein großes Tablett mit grauen Umschlägen auf seinen knochigen Knien: Horoskope. Neben den Schaukästen edler Geschäfte residierten die käuflichen Paradiesvögel. Du alte Tante Westberlin! Tot sollst du sein, mausetot. Das Kranzler ist ´ne Schießbude. Dahinter alles Kirmes und falscher Hase.

Ein Fragebogen zur Überprüfung des echten Westberliners ist vorbereitet: Wo waren die Filmbühne Wien, der Zoopalast, das Marmorhaus, das Café Möhring, das Kopenhagen, das Astor? Bis wohin galt das Kudamm-Ticket? Möhring heißt jetzt H Über dem entbeinten Astor weht das Hilfigerfähnlein. Jetzt wird geschoppt, geschoppt, geschoppt und Kröten gezählt ohne Ende. Oder?

Frau Rinkmanns bestieg den Warenberg, rannte über den Kurfürstendamm und kaufte, kaufte wie in einem Sog. Machte Schulden. Naja, klar. Aber das Zentrum ihres Traums stand am Wittenbergplatz. Hier wollte sie sein. Besessen von der Vorstellung, eine der eleganten Verkaufsdamen im KaDeWe zu werden, drang sie zum Abteilungsleiter der Täschnereiwaren vor. Sie brachte ihr Anliegen an den überraschten Mann. Jetzt wurde die Geschichte aber interessant. Ihre Überzeugungskraft siegte. Frau Rinkmann wurde zur Verkäuferin in der Lederwarenabteilung gekürt. Ein tolles Happyend, sagte ich ergriffen. Die Rinkmann lächelte, wischte sich eine kleine Erinnerungsträne aus dem Augenwinkel. Dann fuhr sie fort: "Es war übrigens nicht so einfach auszukommen mit den Westkolleginnen. Die haben mich geschnitten. Weil ich eben aus dem Osten bin. Missgünstige und faule Weiber. Die Schlüssel zu den Vitrinen mit der hochpreisigen Ware musste ich mir immer bei ihnen holen." Und eines Tages brauchte sie ihn wieder. Da stand plötzlich Harald Juhnke vor der Verkaufsdame aus Leidenschaft. Natürlich erkannte sie ihn. Er spielte gerade im Theater am Kurfürstendamm. Sie hatte die Plakate gesehen. Juhnke begehrte der Dame seines Herzens eine der eingeschlossenen Kostbarkeiten zu schenken. Die Stunde der Rinkmann: Mit klopfendem Herzen verkaufte sie ihm eine Krokodilsledertasche. Sie wollte feiern. Doch kurz nur währte ihre Euphorie. Sie hatte dem Star des Boulevards ein Imitat als echt verkauft. "Sofort gekündigt", schnaubte sie.


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00:00 31.03.2006

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