Proto-Porno

Norwegen Ab wann ist Literatur anstößig? Agnar Mykles Bücher stellten diese Frage vor über einem halben Jahrhundert
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Wo hört Realismus auf, wo fängt Erotik an?

Foto: Reg Speller/Fox Photos/Getty Images

Zwei Herzen schlagen in der Brust von Ask Burlefot, das sind Musik und Ökonomie. Noten liest der junge Mann wie Bücher, Schubert und Tanzlieder rühren ihn gleichermaßen. Schon als Schüler träumt er, der Geige spielt, davon, Komponist zu werden; und es sind Zahlen des Rechnungswesens, Debit, Kredit und Zinseszins, die er beherrscht und mit denen er sein Studium verbringt. Und schließlich gibt es noch die Sexualität, die in zwei Romanen von Agnar Mykle die Figur des Norwegers bestimmt.

Wie die meisten realistischen Romane beginnen der Realismus von Agnar Mykle und die Geschichte von Ask Burlefot unterwegs, mit einer Abfahrt zwischen Koffern, Abteiltüren und hastig verspäteten Fahrgästen. Ein Dreißigjähriger bricht mit dem Nachtzug vom Ostbahnhof aus Oslo auf, um nach Hause zu fahren, und erinnert sich an die frühen Jahre. Ein Brief der Mutter, ein zweiter des Bruders zwingen ihn zu der ungeplanten Reise. Dann wieder steht er an der Reling eines Schiffs, das ihn um Norwegen herumfährt und auf dem er seine eigenen Abenteuer erlebt. Reisen tragen Ask genauso fort von einer ihn drückenden Kindheit, Schulzeit und aller erlebten Demütigung.

Liebe ist eine einsame Sache und Das Lied vom roten Rubin sind 1954 und 1956 zuerst erschienen und wurden sogleich in weitere Sprachen, auch ins Deutsche, übersetzt. Die Frankfurter Buchmesse lädt in diesem Jahr Norwegen als Gastland ein und liefert einen guten Anlass, Agnar Mykle über Skandinavien hinaus mit neuen Übersetzungen ins literarische Gedächtnis zurückzurufen. Zwar exponiert die Geschichte touristische Klischees kaum als tertiäre Nationaltugenden, wie es heute üblich wäre. Doch dominiert ein patriotischer Geist, der für Norwegen schwärmt. Mit Pathos wird der erste Teil einem „norwegischen Mädchen“ gewidmet.

Die Kultur hingegen, von der Ask Burlefot zuerst nur träumt, sie geht über norwegische Grenzen weit hinaus. Im Elternhaus, wo die Frage der „Einsparmöglichkeiten beim Haushaltsbudget“ den Alltag bestimmt, wo Kultur nichts gilt und als überflüssig betrachtet wird, fehlte sie ihm fast schmerzlich. Im Studium lernt er Französisch und Verse aus Racines Cid. „Ask lief die Spucke im Mund zusammen, als er Namen wie Zola, Anatole France, Voltaire, Proust, Mauriac, Stendhal, Balzac und Cocteau las – die Studenten sollten mindestens sechs belletristische Bücher auswählen und als Examensstoff angeben, sie gehörten zum Pensum! Man durfte diese Bücher nicht nur lesen, es war geradezu verdienstvoll, sie zu lesen!“

Ask, ein blonder Elch, verlässt jung die ihm vertraute Welt, wenn auch unfreiwillig. Seine Aufmerksamkeit gilt über Neugier hinaus den Frauen und Mädchen, Bekanntschaften und flüchtig intime Begegnungen reihen sich aneinander. Wegen Anstößigkeit und Pornografie wurde Das Lied vom roten Rubin verboten, in langjährigen Verfahren verteidigte der Autor das Werk juristisch erfolgreich. Das Schreiben aber, die Fortsetzung von Ask Burlefot stockte und versiegte ganz über dem Akten-Kampf und darüber, was im aufgeklärten Skandinavien von sexuell erregten Körpern literarisch dargestellt werden darf.

Innerhalb der Nationalliteratur füllen die Wirrnisse von Ask Burlefot die Lücke zwischen Knut Hamsun, den Elendsjahren eines poetischen Hungerkünstlers am Beginn des 20. Jahrhunderts, und den Wälzern Karl Ove Knausgårds, der das Leiden der Männer im 21. Jahrhundert fortsetzt, als Väter, als Ehemänner, als alternde Jugend. Im Vergleich mit dem europäischen Realismus kann sich Ask Burlefot als junger Mann messen lassen; er gehört zur Verwandtschaft von Frédéric Moreau, Woldemar von Stechlin oder Raskolnikow, teilt ihr Außenseitertum, hat wie sie einen Freund an seiner Seite, vor allem aber studiert er, nicht Jura, nicht Theologie, aber Wirtschaft. Wie sie verkörpert er einen Soziotypus, der durch sein Milieu und sein Talent, seinen Aufstiegswillen und seine Mutter bald getrieben, bald zerrissen wird. Wie die Protagonisten von Dostojewski oder Flaubert geht auch Ask durch eine Erziehung des Gefühls, durch das Erwachen eines politischen Verstandes über die sozialistische Schwärmerei hinaus.

Goldene Golduhr aus Gold

Als Typus ist der junge Mann weniger merklich erkennbar als ein Dandy oder ein Nerd, zu allgemein sind seine Eigenschaften. Deshalb aber gerät er hier sogar vertraut. Ask Burlefot wurde gestaltet aus den Attributen der Jugend und der Männlichkeit. Das ist weder sympathisch noch unsympathisch, er teilt mit den realistischen Helden seinen Wankelmut, weder ist er ein derber Wüstling noch besitzt er das Charisma des Don Giovanni. Er hält das Christentum und das blaue Kreuz in der norwegischen Flagge für überflüssig, fragt aber beim „grundgütigen Gott“ nach, wenn er nicht weiterweiß. Es ist die genaue Beobachtungsgabe und die kalkulatorische Vernunft, die ihn auszeichnen („eine Viertelstunde“ sei für den Liebesakt „das Mindeste“), er ist mit Affekten ausgestattet und mit Anti-Affekten, etwa gegen die feiste Vulgarität eines Exemplars von Habe-Menschen, das „nun seine goldene Uhr aus der Westentasche gezogen hatte und den Deckel wieder und wieder aufspringen ließ, bis er wirklich überzeugt war, dass der junge Student diesen unfassbaren Reichtum tatsächlich bemerkt hatte, eine goldene Golduhr aus Gold.“

Ähnlich wie das Komische ist das Pornografische abhängig von seiner Zeit, von der progressiven oder retrograden Vorstellung der Geschlechter und ihrem Verhältnis zueinander. Was war obszön vor siebzig Jahren, als der Erzähler sich zudem in die Zwischenkriegszeit projizierte, um dem Lebenstrieb des jungen Norwegers zu folgen? (Seinerzeit hatte man die Freikörperkultur als Zivilisationsremedium entdeckt.) Welche Bilder waren es? Welche Akte? Beliefert eine Ära ihre Gesellschaft zusätzlich zu ihrer Imagination von Sexualität mit einer Philosophie wie das 18. Jahrhundert und Marquis de Sade?

Pornografisch komplex sind die Romane von Agnar Mykle nicht, man will es weder Lust nennen noch Begierde, die Ask Burlefot fern jeder Erotik mit Siv, Gunnhild, dem namenlosen Rubensmädchen, Constance oder Wilhelmine teilt, wenn er Erregungen und Dispositionen beschreibt. Empfand man in Süd-Norwegen die Darstellungen als obszön, so empfand man sie in Bergen, dem Umfeld des Autors, als zu wenig fiktiv, dort wurden lebende Personen erkannt. Heute liest sich die unhinterfragte männliche Gewalt, die Ask Burlefot verkörpert, dokumentarisch für eine Zeit, in der die Beziehung der Geschlechter das Spielfeld einer Arena von „Macht und Ehre“ war, selbst wenn sie „Nein“ sagte.

Gemeinsam ist der Pornografie und Ask, dass sie nach Befriedigung streben. Über diese hinaus erlebt der Held noch mehr, etwa schmerzhafte Geschlechtskrankheiten. Oder zwei uneheliche Vaterschaften, deren Früchte ihn nie kennen werden und die damals lebenslang qua gesellschaftlichem Gesetz jenem Sozialelend ausgesetzt wurden, das Burlefot hinter sich lassen will. Sowie Unterhaltspflichten, die den Studenten unter seinen Kommilitonen in eine neue, doppelt peinigende Lage bringen (und die gebildete Leserin an das Biogramm Theodor Fontanes erinnern).

Auch Madame Bovary musste verteidigt werden. Das Anstößige, das die französische Justiz im 19. Jahrhundert untersuchte, betraf die Details des siechenden Gifttodes der Titelfigur. Die norwegische Variation des Realismus erfüllt alle Bedingungen eines immer gleichen, in seinem Charakter bizarr undefinierbaren Mannes, erfüllt die genaue Wahrnehmung von Sitten und Gebräuchen bis zur Ernüchterung am Ende einer Jugend. Gleichwohl scheint diese realistische Variante des 20. Jahrhunderts, nach zwei Weltkriegen, welche die Literatur und ihre Gegenstände verändert haben, eigentümlich verspätet, selbst um rückblickend als literarisches Ereignis zu gelten. Als literarischer Versuch, die subjektive Lebensrealität einer bestimmten Zeit, eines bestimmten Orts festzuhalten, behält sie ihre Geltung.

Info

Liebe ist eine einsame Sache Lothar Schneider (Übers.), Ullstein 2019, 768 S., 28 €

Das Lied vom roten Rubin Ulrich Sonnenberg (Übers.), Ullstein 2019, 448 S., 26 €

06:00 14.10.2019
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