Protokoll einer Bestie

Im Kino Kai S. Piecks Film "Ein Leben lang kurze Hosen tragen" fiktionalisiert die Geschichte des Kindermörders Jürgen Bartsch

Der Fall des Kindermörders Jürgen Bartsch ist zu vielschichtig, als dass er unter einem bloßen Vermerk im Kriminalarchiv seinen angemessenen Platz hätte. Bartschs Fall ist ein Phänomen, das einem Prisma gleich die gesellschaftliche Verfasstheit der jungen Bundesrepublik auffächert. Vier Jungen hat Bartsch in den Jahren von 1962 bis 1966 auf grausame Weise und zur sexuellen Befriedigung getötet. Dafür erhielt er Beinamen wie "Die Bestie von Langenberg" oder "Der Teufel in Menschengestalt", einer damaligen Umfrage zufolge rangierte er unter den schlimmsten Verbrechern des 20. Jahrhunderts auf Platz zwei - gleich hinter Adolf Hitler. Dass solche Etikettierungen mitunter mehr über die sagen, die sie vornehmen, als über den, der damit gemeint ist, zeigt ein Blick auf Bartsch, einen verschüchterten, gemaßregelten jungen Mann, der, als er seinen ersten Mord beging, 16 war, also fast selbst noch ein Kind. Es ist nicht so, dass die Lebensgeschichte des Jürgen Bartsch die Schwere der Schuld lindern würde, die er auf sich geladen hat. Aber die Aufzeichnungen der Gespräche, die ein Psychologe mit ihm in der Haft geführt hat, lassen den Fall weniger einfach erscheinen als das Label der "Bestie" es sich macht.

Dementsprechend sucht Kai S. Piecks Spielfilm Ein Leben lang kurze Hosen tragen, basierend auf dem Briefwechsel zwischen Bartsch und dem amerikanischen Journalisten Paul Moor (Jürgen Bartsch: Opfer und Täter), nicht nach schnellen Schuldzuweisungen, sondern lässt die Perspektive erschütternder Ratlosigkeit zu. Piecks Film gibt sich spartanisch: Die Lebensbeichte des verurteilten, älteren Bartsch (Tobias Schenke) vor einer grobkörnigen Schwarzweiß-Kamera wird ergänzt um stark kolorierte Spielszenen, die Taten und das Heranwachsen des Jungen (Sebastian Urzendowsky) nachzeichnen sowie Einblendungen von Tagebucheinträgen.

Einmal ist etwa zu lesen: "Und sollte mal wieder jemand behaupten, ›der hätte ja alles gehabt‹, so täte man gut daran, mich festzuhalten." Der kurze Vermerk umfasst die Ambivalenz von Bartschs Persönlichkeit, weil das doppeldeutige "Festhalten" sowohl als Ausdruck seiner Gewaltbereitschaft als auch als Sehnsucht nach Liebe verstanden werden kann. Bartsch, ein uneheliches Kind, das von seiner wenig später verstorbenen Mutter nach der Geburt zur Adoption freigeben wurde, kam im Alter von einem Jahr in eine Metzgerfamilie. Das wohlhabende Ehepaar drückte seine Zuneigung vor allem in Geschenken aus, die Erziehung schwankte zwischen übermäßiger Strenge und übertriebener Verhätschelung. Noch als Jugendlichen wusch die Mutter den Adoptivsohn, schottete ihn aus Angst vor schlechtem Umgang von der Außenwelt ab, während der Vater den ganzen Tag in der Fleischerei zubrachte. So konnte es vorkommen, dass Jürgen seine Opfer geknebelt und gefesselt in einer Höhle zurückließ, um zu Abendbrot und gemeinsamem Fernsehen nach Hause zurückzukehren. Das Familienleben führt Ein Leben lang kurze Hosen tragen in eisiger Stille und klaustrophobischer Kälte vor, wobei die Kamera die autoritäre Distanz zu den Eltern häufig durch den Blick von unten zeigt. Im katholischen Internat, in das die Eltern den Pubertierenden geben, herrschen nicht minder lieblose Verhältnisse. Masturbation und Homosexualität werden als Todsünden gegeißelt, derweil der Pater (Jürgen Christoph Kamcke) sich an dem kränkelnden Jungen vergeht.

Ein Leben lang kurze Hosen tragen ist das Protokoll einer geschundenen Kreatur, die aus der sozialen Isolation nicht anders ausbrechen kann als durch sadistische Gewalt. Die Zurückhaltung, mit der Kai S. Pieck seinen Film inszeniert, wird dabei auf Dauer jedoch zum Problem. Weil der Film so vieles offen lässt, bleibt unklar, worauf er hinaus will. Den Fall Bartsch hat Rolf Schübels Dokumentarfilm Nachruf auf eine Bestie vor zwanzig Jahren in aller Breite dargelegt, getrieben von der aufklärerischen Intention, der öffentlichen Ächtung ein differenziertes Bild des Falles entgegenzuhalten. Gemessen daran wirkt Ein Leben lang kurze Hosen tragen blass, was sich am deutlichsten in der Darstellung des älteren Bartsch zeigt. Tobias Schenke spielt die Ich-Erzählung vor der Videokamera als Theatermonolog, in jedem Moment sieht man ihm die Künstlichkeit von Gesten, Maske und Sprache an. Durch die ausgestellte Fiktionalisierung verliert der Zuschauer den Eindruck eines glaubhaften Charakters. Was damit gewonnen wird, ist offen.


00:00 20.08.2004

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